06. April 2005 07:52; Akt: 06.04.2005 07:53 Print

11 Jahre unschuldig im Gefängnis

Ein wegen Mordes an seiner Frau seit elf Jahren inhaftierter Chinese hat sich nach dem Wiederauftauchen der Vermissten als vollkommen unschuldig erwiesen.

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Die chinesischen Medien reagierten auf den Fall am Mittwoch mit ungewohnt deutlicher Kritik an den Sicherheitsbehörden. In mehreren Zeitungen wurde ein Rechtsexperte mit den Worten zitiert, die Polizei habe dem Mann vor elf Jahren «wahrscheinlich durch Folter ein Geständnis abgepresst».

Der am 1. April aus dem Gefängnis entlassene She Xianglin sagte den Medienberichten zufolge aus, man habe ihn nach seiner Verhaftung zehn Tage lang nicht schlafen lassen, bis er schliesslich ein Geständnis unterzeichnet habe. Der Verdacht gegen She stützte sich auf eine äusserst dürftige Beweislage: Seine Frau Zhang Zaiyu war 1994 plötzlich verschwunden, kurz darauf wurde in einem Wasserreservoir in seinem Wohnort eine stark verweste Frauenleiche gefunden. Obwohl die Leiche niemals eindeutig identifiziert wurde, wurde She zum Tode verurteilt. Ein Berufungsgericht wandelte die Todesstrafe in eine 15-jährige Freiheitsstrafe um.

Vor wenigen Tagen nun tauchte Ehefrau Zhang quicklebendig wieder in ihrem Heimatort auf, um die gemeinsame Tochter des Paares zu besuchen. Den Medienberichten zufolge hatte sie ihren Mann vor elf Jahren einfach verlassen und war in eine Nachbarprovinz gegangen, wo sie wieder heiratete. Dass ihr erster Mann im Gefängnis sass, habe Zhang nach eigener Aussage nicht gewusst.

Mehrere Zeitungen zitierten Li Guifang vom chinesischen Juristenverband mit scharfer Kritik an den Ermittlungsbehörden. Die Polizei habe den Leichnam falsch identifiziert und dem Beschuldigten durch Folter ein Geständnis abgepresst. Selbst die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua schrieb unter Berufung auf einen namentlich nicht identifizierten Rechtsexperten: «Obwohl gesetzlich streng verboten, sind erzwungene Geständnisse an vielen Orte in China üblich.»

(ap)