Missbrauch in Lügde

22. Februar 2019 06:53; Akt: 22.02.2019 07:00 Print

155 Kinderporno-DVDs sind verschwunden

Bei Ermittlungen zum sexuellen Missbrauch in Lügde ist Beweismaterial, das aus dem Wohnwagen eines der Verdächtigen stammt, verloren gegangen.

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Beschuldigte haben Dutzende Kinder missbraucht: Spielwaren vor dem Tatort auf dem Campingplatz in Lügde. (Archivbild) Mitte April 2019 haben Mitarbeiter eines Abrissunternehmers neue Datenträger auf der Parzelle von Andreas V. entdeckt. Seit dem 9. April stehen Bagger vor der Parzelle und reissen die Behausung des 56-Jährigen V. ab. Als die Angestellten der Firma Vs. Wohnwagen zerlegten, fanden sie drei CDs und zwei Disketten, die die Polizei bei der Durchsuchung offenbar übersehen hatte. Die Datenträger seien in einem Zwischenraum des doppelten Holzbodens des Wohnwagens gelegen. Eine weitere CD sei später im Schutt des bereits zerstörten Wohnwagens gefunden worden. Die Missbrauchsserie im nordrhein-westfälischen Lügde hätten die Behörden schon vor mindestens zwei Jahren aufdecken können. Das behauptet der 57-jährige Jens Ruzsitska, dessen Töchter sich unter den Opfern befinden. Am 30. Januar 2019 wurde bekannt, dass drei Männer auf dem Campingplatz in Lügde 23 Kinder sexuell missbraucht und kinderpornografisches Material hergestellt hatten. Während zehn Jahren sollen die Täter über 1000-mal zugeschlagen haben. 23 Kinder konnten bisher als Missbrauchsopfer ermittelt werden. Bei den drei Männern, die mittlerweile festgenommen wurden, handelt es sich um einen 56-Jährigen aus Lüdge, einen 48-Jährigen aus Stade und einen 33-Jährigen aus Steinheim. Während zwei von ihnen die Taten auf dem Campingplatz begingen, erwarb der dritte Täter kinderpornografisches Material der Missbrauchsfälle. Die Polizei stellte mehr als 400 CDs und DVDs mit einer Grösse von rund 14 Terabyte mit kinderpornografischen Inhalten sicher. Auf dem Campingplatz können auch kleine Blockhäuser oder Langzeitplätze gemietet werden. Der mutmassliche Haupttäter lebte als Dauercamper auf dem Platz. Während sich im Hintergrund diese Horror-Taten abspielten, warb der Campingplatz in der Öffentlichkeit mit diesen Worten: «Beginnen Sie bei uns Ihre erlebnisreichen Ausflüge und erholen Sie sich zwischendurch in herrlicher Ruhe der malerischen Landschaft.»

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Im Fall des vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz bei Detmold ist seit mehreren Wochen Beweismaterial verschwunden. Ein Koffer und eine Hülle mit 155 Datenträgern würden seit dem 20. Dezember in der Kreispolizeibehörde Lippe vermisst, teilte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag in Düsseldorf mit.

Das Fehlen der Asservate sei erst am 30. Januar bemerkt worden. Nur drei CDs davon seien bisher ausgewertet worden. Ob auf den Datenträgern mit 0,7 Terabyte Speicherplatz auch kinderpornografisches Material war, sei daher unklar. «Man muss hier klar von Polizeiversagen sprechen», sagte Reul. Der grösste Teil von 15 Terabyte Filmmaterial war von der Polizei aber bereits gesichert worden.

Verdächtige immer noch in U-Haft

Unter dem Verdacht des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und der Verbreitung von Kinderpornografie sitzen als Hauptverdächtige ein 56-Jähriger aus Lügde, ein 33-Jähriger aus Steinheim und ein 48-Jähriger aus Stade in Niedersachsen in Untersuchungshaft. Bislang sind 31 minderjährige Opfer im Alter zwischen 4 und 13 Jahren identifiziert. Sie kommen zum Grossteil aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch eine Anzeige im November 2018. Zusätzlich zu den Ermittlungen gegen die Tatverdächtigen und mehrere Jugendämter steht auch die Polizei in der Kritik. Gegen zwei Beamte wird Reul zufolge wegen Strafvereitelung ermittelt. Es werde genau geprüft, ob sie die Tatverdächtigen möglicherweise persönlich kannten. Warum die Datenträger aus dem Raum in der Polizeibehörde Lippe verschwunden sind, konnte Reul zunächst nicht sagen. Er wollte einen Vorsatz nicht ausschliessen.

Weitere Ermittlungen gegen die Polizei

Bereits 2016 sollen zwei Hinweise auf sexuellen Missbrauch bei der Polizei Lippe eingegangen sein. Nach Telefongesprächen mit den Zeugen leiteten die Beamten die Hinweise an das Jugendamt weiter - weitere Schritte blieben aber aus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt daher auch gegen die Polizei.

Bei einer weiteren Person geht es um den Verdacht der Datenlöschung. Gegen diesen Verdächtigen führt die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung. Es wird geprüft, ob die Person Daten für einen der drei Hauptverdächtigen gelöscht hat und eine Bestrafung verhindert werden sollte.

(kle/sda)