Hochhaus von Benidorm

21. August 2013 14:09; Akt: 21.08.2013 21:06 Print

47 Stockwerke, 11 Lifte und eine «lächerliche Lüge»

von Karin Leuthold - Liftschächte vergessen? In Benidorm in Südspanien entsteht ein Hochhaus ohne Aufzüge, hiess es vor einer Woche. Der Bauherr erklärt gegenüber 20 Minuten, wie es zu der Falschmeldung kam.

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Eine bizarre Geschichte rund um das höchste Wohnhaus Europas machte weltweit die Runde: Es entstehe in Benidorm, an der südspanischen Küste, gerade ein 210 Meter hohes Haus, bei dem ab dem 20. Stockwerk sämtliche Fahrstühle fehlen würden. Der Architekt habe vergessen, diese in der Struktur mit einzukalkulieren.

Der erste Artikel über das InTempo-Gebäude erschien Ende Juli in der spanischen Zeitung «El País». Darin beschrieb der Journalist ausführlich das finanzielle Chaos rund um das ambitionierte Projekt, das dazu geführt habe, dass nach acht Jahren der Bau noch nicht beendet sei. Unter anderem, so eine dem Journalisten vertraute «Quelle», hätten die Architekten im Mai 2012 gekündigt, nachdem es zwischen den Banken, dem Bauherr, dem Immobilienmakler und den Bauarbeitern mehrmals zu Konflikten und tragischen Vorfällen gekommen sei.

Kurzer Satz – riesiges Chaos

Erst im vorletzten Absatz wird das Thema Aufzüge erwähnt. Die besagte Quelle behauptet, dass im anarchischen Bauprozess die «Aufzugschächte nicht berücksichtigt» worden seien. «Der Schacht war für ein 20-stöckiges Haus geplant», heisst es darin. Mehr ist dazu nicht zu lesen.

Was mit der Geschichte danach geschah, kennt man aus dem Kinderspiel «Flüsterpost». Ein einfacher Satz wird x-mal weitergegeben – und dabei oft falsch verstanden, falsch interpretiert oder fehlerhaft übersetzt. Zunächst griff ihn der US-Blog «Kinja» auf. In der Übersetzung von Blogger Jesus Diaz: «(Das Haus) ist ein perfektes Beispiel für die peinliche Bauplanung in dem Land: Die Hälfte (des Hauses) hat nicht einmal Aufzüge.»

Karriere eines Hoax

Kurz darauf stürzten sich europäische Medien – auch 20 Minuten – auf die saftige Meldung. Hallo, Sommerloch! Dann schlossen sich US-Zeitungen und Blogs an, schliesslich auch Japan und ganz Lateinamerika. Wenn es doch nur bei der Fehlinterpretation dieses einen Satzes geblieben wäre – nein, da musste noch Zuspitzung rein.

Mieter müssten «47 Stockwerke hochlaufen», schrieb eine deutsche Boulevardzeitung. Die Bauarbeiter müssten sogar «das Material zu Fuss hochschleppen». Die Nachricht stand bald auf den Fronten von angesehenen Blättern wie «Spiegel», «NZZ» oder «Die Welt». Dann kam das erste Dementi: Die Aufzüge seien sehr wohl eingeplant, das Haus verfüge gar über 11 von ihnen, meldet der Blog «Barcepundit». Die Geschichte sei eine Ente, ein Hoax.

Verbreiten die Architekten Unwahrheiten?

Für Rafael Ballesta, CEO und Verkaufsleiter bei «InTempo Costablanca», ist der Vorfall «lächerlich und unverständlich, eine schamlose Lüge». Schuld am Ganzen seien die Medien, wütet er gegenüber 20 Minuten. «Hier haben Journalisten ihre Verantwortung nicht wahrgenommen. Einer hat den anderen abgeschrieben, ohne die Information zu verifizieren», sagt Ballesta. Er kann sich nicht erklären, wie es so weit kommen konnte. «Vielleicht waren es die Architekten, mit denen man im Streit auseinandergegangen war.»

In den letzten Wochen habe er im Internet Hunderte falsche Berichte über das InTempo-Gebäude gelesen. «Von all den Schreibern haben sich kaum vier Prozent bei mir gemeldet und nachgefragt, ob die Informationen stimmen.» Ein offizielles Dementi habe er allerdings nicht veröffentlicht. «Das machen wir erst im Oktober, dann wird es grossartige News geben», kündigt Ballesta an.

Das ist verständlich, denn seinem Unternehmen kommt die Gratisberichterstattung sehr gelegen: «Es rufen uns Leute aus allen Ecken der Welt an, aus Paris, Russland, Japan und den USA.» Die Verkäufe würden seither sehr gut laufen. Der Bau soll im Dezember dieses Jahres fertig sein. «Im November werden wir eine riesige Einweihungsparty machen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • meme am 21.08.2013 14:16 Report Diesen Beitrag melden

    Überraschung?!

    Das war ja wohl klar dass diese Story niemals stimmen kann. Für die kleinste Änderung an einer Wand muss der Statiker antraben, aber es sollen einfach mal 20 zusätzliche Stockwerke auf eine bestehende Struktur draufgebaut werden? Haha!

  • Tim Knoll am 21.08.2013 15:49 Report Diesen Beitrag melden

    Journalistmus heute

    ist doch zu 95% CopyPaste ohne eine Sekunde zu recherchieren. Das die Mehrheit der Leute diese Artikel (selbst Boulevard) nicht hinterfragen stimmt bedenklich.

  • Remo Kuoni am 21.08.2013 15:54 Report Diesen Beitrag melden

    Richtiger Journalismus...

    ...bedingt halt einer Recherche. Leider sind unsere Medien dazu schon längst nicht mehr imstande; dies ist nur ein weiterer Beweis dafür. Naja, wenigstens steht ihr dazu....

Die neusten Leser-Kommentare

  • squad am 21.08.2013 17:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nie wider..

    war vor 2 wochen kurz in benidorm.. benidorm war vor 50 jahren mal ein kleines fischerdörfchen mit 30-40 niedlichen häuslein. nun ist alles mit hässlichen hochhäuser voll gepflastert.. es gibt praktisch nur besoffene engländer die in benidorm pauschal urlaub machen, richtig ätzend! benidorm ist an architekturischer hässlichkeit nicht mehr zu toppen!! zum glück war ich nur paar stunden dort..

  • Fabian F. am 21.08.2013 17:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Werbung aus einer Küge

    Ich nehme an derjenige, der diese Lüge verbreitete, ist auch einer der für das riesige Haus Werbung machen wollte. So machen es doch viele, welche ein Hotel unter anderen HERAUSSTECHEN lassen wollen. Von Anfang Betrug würde ich sagen, dieses Hotel kennen jetzt viel mehr Leute als sich die Medien noch nicht eingeschaltet haben.

  • Lady C am 21.08.2013 17:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Benidorm

    Herrlich, Benidorm ist nicht schöner geworden... Hatte vor 23 Jahren schon Férien in einem der Bunker gemacht.

  • Wilhelm Tell am 21.08.2013 17:40 Report Diesen Beitrag melden

    Jede Geschichte hat 2 Seiten

    Wer heute eine Zeitung liest, oder andere Medien zur Informationsbeschaffung verwendet, wird IMMER belogen, egal was man liest oder schaut. Es liegt doch wohl mehr im gesunden Menschenverstands eines jeden, die Geschichten zu hinterfragen. Meistens steckt irgend ein wahrer Kern drin, der aber nur eine Seite beleuchtet. Jede Geschichte hat meistens 2 Seiten, manchmal auch mehr.

  • Enkido am 21.08.2013 17:36 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Hab von Anfang an gesagt, dass das ganze lediglich ein PR Gag ist. Wer würde denn sonst über dieses Gebäude sprechen? jetzt kennt es jeder.