Unterwegs im Fanzug

12. September 2011 12:01; Akt: 12.09.2011 13:33 Print

Alles unter Selbstkontrolle!

von Adrian Müller - Alkoholexzesse, Prügeleien, Randale: Fanzüge haben einen schlechten Ruf. Mit einem Pilotprojekt wollen die YB-Anhänger zeigen, dass es auch anders geht. 20 Minuten Online ist mitgefahren.

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Der YB-Express rollt, wenigstens neben dem Platz: Fast auf die Minute genau verlässt der Fanzug um 12.44 Uhr Bern in Richtung Lausanne. Nicht wenige der rund 600 YB-Schlachtenbummler sitzen noch etwas angeschlagen auf den abgewetzten Sitzbänken der über 40-jährigen Waggons: «Ou, scho wieder es Bier», stöhnt der 18-jährige Toni aus dem Berner Länggassquartier und würgt einen Schluck Gerstensaft herunter. Den vollen Durchblick hat er nicht mehr.

Den hat dafür der SBB-Kondukteur Karl Hess: Seit Beginn der YB-Fanfahrten im Jahr 2008 ist er - ausser in seinen Ferien - der Zugchef an Bord. Von den Fans geschätzt, sorgt er mit viel Herzblut dafür, dass die Extrazüge auch unter erschwerten Umständen nach SBB-Standard im Zielbahnhof einfahren. Ganz SBB-konform ist seine Uniform aber nicht: Um seinen Hals baumelt eine goldig-schwarze YB-Krawatte. Auf seinen Fahrten hat er schon einiges erlebt: Ihm ist in Zürich-Altstetten auch schon Gummischrot um die Ohren geflogen. «Die YB-Fans sind aber normalerweise angenehme Fahrgäste», sagt Hess. «Lämpe» gebe es sehr selten. Fanzüge blieben trotz allen Bemühungen eine «Wundertüte». Ein unbelehrbarer Chaot reiche aus, um den ganzen Zug in Verruf zu bringen.

Den Fans vertrauen

Zugbegleiter Hess kontrolliert an diesem Samstag aber erstmals keine Billette. Diesen Job übernimmt ab sofort der YB-Fanverantwortliche Marcel Wirth. Im Rahmen eines Pilotprojektes der SBB sind die Berner Young Boys als erster Fussballverein der Schweiz selbst für Sicherheit, Sauberkeit und Billettkontrolle in den Fanzügen verantwortlich. Das Modell baut auf einer Fanarbeit Bern und den Fan-Dachverbänden auf. Es besteht seit gut drei Jahren und ist laut SBB «vorbildlich». «Das ist ein Vertrauensbeweis und ein starkes Zeichen dafür, dass die Selbstregulierung der Fans bei YB funktioniert», sagt Clemens Friedli (27) vom Fandachverband «Gäubschwarzsüchtig» zu 20 Minuten Online. Selbstverantwortung sei der Schlüssel zum Erfolg: «Heute greifen die Fans sofort selbst ein, wenn jemand im Zug Dummheiten macht», so Friedli. In einem langen Lernprozess hätten sie gemerkt, dass Randale und Flaschenwürfe nur der Kurve selbst schadeten. «Unser Pilotprojekt ist ein starkes Signal an die Politik», sagt denn auch Lukas Meier von der Fanarbeit Bern im Hinblick auf die derzeitige Diskussion um Kombitickets.

Die Disziplin der Berner wird nach einer guten Stunde auf die Probe gestellt: Der Zug fährt im Bahnhof Lausanne ein. «Hurra, hurra, die Berner sind da», skandieren die YB-Ultras, die sich zuvor im eigenen Barwagen eingesungen haben. Paradox: Da die Lausanner Verkehrsbetriebe «aus Haftungsgründen» keine Busse bereitstellen, müssen die YB-Anhänger einen 40-minütigen Marsch durch das Stadtzentrum bis zum altehrwürdigen Pontaise-Stadion antreten. Polizeigrenadiere sperren dazu die Marschroute mit grossem Aufwand weiträumig ab. Die Anwohner machen grosse Augen: «Was ist denn das für eine Demonstration?», fragt ein verdutzter Mann den Reporter, als er die gelb-schwarze Menschenmasse langsam vorbeiziehen sieht.

Das Feuerwerk der Lieblinge

Fackeln und Rauchbomben haben sich die Ultras für ihre Lieblinge aufgespart: Als die Mannschaften das Spielfeld um 16 Uhr betreten, zündet die Speerspitze der YB-Fans zahlreiche Pyros. Auf dem Platz veranstaltet YB-Mittelfeldmotor Alex «Fahrni Rüedu» Farnerud sein eigenes Feuerwerk: Mit zwei Toren leistet er den Hauptbeitrag an dem 3:0-Sieg über die glücklosen Lausanner Aufsteiger. Die YB-Fans können endlich wieder jubeln.

Die zwei verrosteten Wasserwerfer der Lausanner Polizei kommen nicht zum Einsatz: Um 18.55 Uhr fährt der Fanzug aus dem Bahnhof. Dank dem ersten Sieg nach drei Niederlagen herrscht in den rauchgeschwängerten Zugabteilen Hochstimmung. Die mehrheitlich 15- bis 25-jährigen Fans feiern den Erfolg über die Waadtländer trotz einer miserablen zweiten Halbzeit. «YB isch was jede weis, in Europa d Nummer eis», johlen die Supporter.

Einige haben sich ihren Ausflug finanziert, indem sie als Littering-Mitarbeiter herumliegenden Abfall im Zug einsammeln. Fanarbeiter Meier ist zufrieden: «Das fördert die Integration. So können auch Fans mitfahren, die sich sonst keine Auswärtsfahrten leisten könnten.» Die 16 YB-Sicherheitsleute im Fanzug, doppelt so viele wie bis anhin, erleben ebenfalls eine ruhige Rückfahrt. Es fliegen – jedenfalls in den einsehbaren Zugwagen - weder Flaschen noch Feuerwerk aus den Fenstern noch zieht jemand die Notbremse.

Ausser Biermief nichts zu beklagen

Als im Bahnhof Bern alle Gelb-Schwarzen den Zug verlassen haben, suchen SBB-Zugchef Karl Hess und der YB-Fanverantwortliche Marcel Wirth Wagen für Wagen nach sichtbaren Schäden ab. Der Boden trieft und mieft teilweise nach verschüttetem Bier. «Abgesehen von den Verunreinigungen haben wir aber nichts zu beanstanden. Die Schadenssumme beträgt null Franken», erklärt Hess. Dies sei keine Ausnahme, sondern «courant normal». Bei 16 000 transportierten YB-Fans verbuchten die SBB vergangene Saison Schäden von 13 000 Franken – das entspricht den Reparaturkosten von zwei kaputten Fensterscheiben im Zug.

Der YB-Fanverantwortliche Wirth erlebte seinen ersten Arbeitstag als Kontrolleur mit gemischten Gefühlen. «Dies ist nicht gerade mein Traumjob», gibt er zu. Aber das Fanzug-Konzept habe sich bewährt. «Wir können es anderen Vereinen mit gutem Gewissen weiterempfehlen.»

Die YB-Fans sind also der Konkurrenz schon einen Schritt voraus. Aus Berner Sicht bleibt zu hoffen, dass der YB-Express auch auf dem Rasen Fahrt aufnimmt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • FCZ-FAN am 13.09.2011 13:42 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts Neues

    So sieht unser Extrazug immer aus. Von "blinder Zerstörungswut" liest man nur in den Gratiszeitungen etwas. Dann können sich Herr und Frau Schweizer wieder masslos aufregen - obwohl sie noch nie in einem Extrazug gesessen sind.

  • Peter Müller am 12.09.2011 15:05 Report Diesen Beitrag melden

    Einseitige Berichterstattung

    Übrigens gibt es auch bei GC Littering-Verantwortliche, aber Hauptsache YB als vermeintlichen Vorreiter loben.

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  • Sandro am 12.09.2011 12:47 Report Diesen Beitrag melden

    Andere Frage...

    Also erst einmal, herzlich Gratulation an YB und seine Fans, wäre schön, wenn dass bei allen so ablaufen würde! Aber eine Frage zum Bericht hab ich doch. 13'000 Franken für 2 Fensterscheiben? Sind die Dinger vergoldet???

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Brönnimann Susanne am 13.09.2011 15:38 Report Diesen Beitrag melden

    Randalierer sind keine Sportfans

    Die, die Randalieren, sind sowieso keine richtigen Sportfans, egal in welcher Sportart. Schade um jede Sportart.

  • FCZ-FAN am 13.09.2011 13:42 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts Neues

    So sieht unser Extrazug immer aus. Von "blinder Zerstörungswut" liest man nur in den Gratiszeitungen etwas. Dann können sich Herr und Frau Schweizer wieder masslos aufregen - obwohl sie noch nie in einem Extrazug gesessen sind.

  • Jan Musfeld am 13.09.2011 11:06 Report Diesen Beitrag melden

    YB bei den Fans ganz vorne

    Bin kein YB-Fan, aber ich muss sagen, dass diese Dinge die YB-Fans sympatisch macht. Zumindest bei den Fans scheint YB weit vorne zu sein. Anscheinend sind diese Fans eher am Fussball interessiert, als an Pöbeleien und Zerstörungen - das sind richtige Fussball-Fans!

  • YB- HOUSI am 12.09.2011 18:55 Report Diesen Beitrag melden

    yb -fans

    das mit den fanverantwortlichen war schon eine zeit lang glich und das littering team gibts auch schon ne weile....was war anders--> NIICHTS.....bei YB passierte schon seit lengerem nicht viel....

  • Weltohnefussball am 12.09.2011 17:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fußball?

    Ist für mich das Langweiligste, das es auf diesem Planeten überhaupt gibt. Mein Leben ist daher komplett Fußball-frei. Gibt es eigentlich auch noch andere Menschen, die das so sehen -oder findet man die nur in den USA?

    • Eishockey-Fan am 13.09.2011 10:06 Report Diesen Beitrag melden

      ich auch!

      Mein Leben ist auch Fussballfrei. Das Radio z.B. schalte ich gleich um, wenn über Fussball geredet wird. Diesen Text las ich nur, weil es über Fans geht...

    • schaffhausen am 13.09.2011 10:51 Report Diesen Beitrag melden

      fussball nein danke

      das geht auch mir so. ein Leben ohne Fussball ist ein besseres Leben.

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