Kampf im Dschungel

13. Oktober 2008 10:14; Akt: 13.10.2008 10:53 Print

Alltag mit den Menschenfressern

Die Fischer holen am Morgen gerade die ersten Netze ein, als er zuschlägt. Kumaresh Mondal gelingt es noch, ein paar Schritte zu rennen, da wirft er ihn mit einem Satz um, beisst ihm die Kehle durch und schleppt seinen schlaffen Körper in das dichte Gewirr der Mangroven.

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«Ich versuchte noch, den Tiger zu verfolgen, aber ich konnte seine Spur nicht finden», berichtet Monoranjan Mondal, einer der Überlebenden, hinterher.

Die Sundarbans, eine Ansammlung von kaum durchdringlichen Inseln im Delta des Ganges im Grenzgebiet von Indien und Bangladesch, sind das Zuhause der weltgrössten Population freilebender Tiger. Aber auch Millionen der ärmsten Menschen aus Indien und Bangladesch leben in dem Mangrovenwald, der mit 9580 Quadratkilometern der grösste der Erde ist. Sie fristen ihr Leben als Reisbauern, Fischer und Honigsammler.

Auch nach jahrzehntelangen Bemühungen, die Grosskatzen in Schach zu halten, fallen ihnen immer noch etwa zwei Dutzend Menschen pro Jahr zum Opfer. Fast jeder hat einen Freund oder einen Verwandten, der schon einmal von einem Tiger angegriffen worden ist. Annähernd 250 Tiger sollen auf dem indischen Gebiet der Sundarbans leben und noch einmal etwa ebenso viele auf der Seite von Bangladesch.

Klimaveränderungen könnten nun zu noch mehr Konflikten zwischen Mensch und Tier führen - mit katastrophalen Folgen für beide, wie Experten befürchten. Dorfbewohner, die nicht mehr genügend Getreide anbauen können, dringen auf der Suche nach Fisch, Krabben und Honig immer tiefer in die Reviere der Tiere vor. Die Tiger ihrerseits schleichen sich auf der Suche nach Trinkwasser und frischem Fleisch immer näher an die Dörfer heran, wie Wissenschaftler festgestellt haben, die ihre Bewegungen verfolgen.

«Eigentlich sollten hier gar keine Menschen leben», sagt der ehemalige Direktor des Sundarban-Tigerreservats, «es ist zu gefährlich.»


«Ich muss meine Familie ernähren»

Madhusudan Mondal hat vor sechs Jahren mitangesehen, wie ein Tiger seinen Vater und zwei andere Männer getötet hat, als sie im Wald Honig sammelten. Dennoch geht er jeden Frühling wieder in den Wald auf der Suche nach dem Honig, mit dem er Tausende von Rupien verdienen kann - ein Vermögen im Vergleich zu den mageren 70 Rupien am Tag, die er verdient, wenn er Getreide anbaut. «Ich muss halt gehen», sagt der Vater von sieben Kindern. «Ich muss meine Familie ernähren.»

Honigsammler wie er gehen barfuss in die verschlungenen Mangrovenwälder, bewaffnet nur mit einem dicken Stock und einer Maske auf dem Hinterkopf, um Tiger abzuschrecken. Denn im Volksmund heisst es, die Grosskatzen würden immer von hinten angreifen.

Trotz nächtlicher Flutlichter, Nylonzäunen oder unter Strom gesetzten Puppen - ihren besten Schutz sehen die meisten immer noch im Segen der Waldgöttin Bon Bibi, die über die Tiger, Schlangen, Haie und Krokodile herrschen soll, die ihr Königreich bevölkern. So besuchen die Menschen ihr Heiligtum, bevor sie sich in die tückischen Wälder wagen, die von den Gezeiten und wandernden Sandbänken in einem verändert werden.


Höheres und brackigeres Wasser

Doch die Aufgabe der helläugigen Göttin wird immer schwieriger: Steigende Wasserspiegel, Erosion und immer brackiger werdendes Wasser machen einst verlässliche Ernten unmöglich und haben die Bauern auf der Suche nach Nahrung in die Wälder gezwungen. Nach Aussage von Wissenschaftlern hat die weltweite Klimaerwärmung dazu geführt, dass das Wasser im Golf von Bengalen pro Jahr um mehr als drei Millimeter ansteigt. Damit verbunden sind mehr Überschwemmungen. Eine der grössten Inseln soll bis zum Jahr 2020 um 15 Prozent geschrumpft sein.

Die vielen Bewässerungsprojekte und Wasserkraftwerke des boomenden Indiens haben zudem die Wassermengen der Flüsse Ganges und Brahmaputra reduziert, mit der Folge, dass weniger Süsswasser in das Delta gelangt.

All diese Veränderungen haben dazu geführt, dass Wassermelonen, einst sichere Ernten, verschwunden sind. Reisfelder, das Rückgrat sowohl der Ernährung der Dorfbewohner als auch seiner Wirtschaft, haben sinkende Ertragsmengen. Die Tiger leiden ebenfalls unter dem Wandel. Wurden sie früher eher im kaum bevölkerten Süden gesichtet, tauchen sie jetzt immer häufiger im Norden in der Nähe der bewohnten Inseln auf.


«Ohne Tiger gäbe es keinen Dschungel»

Obwohl die Menschen die Tiger fürchten, wissen sie doch, dass gerade die Grosskatzen es sind, die sie davor bewahren, dass die überbevölkerte Aussenwelt auf sie einstürzt. «Ohne die Tiger gäbe es keinen Dschungel», sagt der Fischer Bish Tarafdar, der im vergangenen Jahr bei einem Tiger-Angriff schwer verletzt wurde. Tatsächlich schreitet die Abholzung andernorts angesichts der zunehmenden Industrialisierung Indiens immer mehr voran.

Aber ohne den Tiger wäre auch Tarafdars Onkel noch am Leben. Vor 30 Jahren wurde der Fischer getötet, und seine Witwe Dulali trägt immer noch Weiss, die Farbe der Trauer in Indien. «Der Tiger ist ein Feind», sagt sie, «wenn ich könnte, würde ich ihn verfluchen und ihm sagen, dass er mein Leben zerstört hat.»

(ap)