03. Oktober 2006 10:25; Akt: 03.10.2006 14:08 Print

Amish-Attentat: Die Jungen schickte er weg

Der 32-Jährige Amokläufer wollte offenbar ausschliesslich Mädchen umbringen. Selbst ein Telefonat mit seiner Frau während der Tat konnte den Mann nicht stoppen. Inzwischen erlag ein fünftes Mädchen seinen Verletzungen.

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Roberts brachte seine Kinder am Montagmorgen zur Schulbushaltestelle, dann fuhr er zur Amish-Schule, holte seine Waffen aus dem Auto und betrat das Gebäude gegen 10.00 Uhr (Ortszeit). 15 Jungen, eine schwangere Frau und drei Frauen mit Babys liess er gehen. Mit den Mädchen verbarrikadierte er sich im Klassenraum. Um elf Uhr rief er seine Frau an. Kurz danach drohte Roberts, er werde auf die Kinder schiessen, falls sich die Polizei nicht zurückziehe. Sekunden später fielen Schüsse. Polizisten schlugen die Fenster ein, um in das Klassenzimmer zu gelangen. Neben den toten und verletzten Mädchen fanden die Beamten die Leiche des Täters.

Den Mädchen befahl er, sich an der Tafel aufzustellen, und fesselte sie an den Beinen. Es sei wie eine Hinrichtung gewesen, berichteten die Polizisten. Zwei Mädchen und die mit 15 oder 16 Jahren kaum ältere Assistentin einer Lehrerin waren sofort tot. Ein viertes und ein fünftes Mädchen starben am Dienstag im Krankenhaus. Fünf Kinder überlebten die Bluttat mit Verletzungen.

«Fürchterliches Ereignis für die Amish-Gemeinde»

Der dritte bewaffnete Überfall auf eine Schule innerhalb einer Woche schockiert die amerikanische Öffentlichkeit. Im Bezirk Lancaster gab es so gut wie keine Kriminalität. Die malerische Landschaft wird geprägt von grünen Feldern und Wiesen, Pferdekarren und sauberen Bauernhöfen. «Das ist ein fürchterliches, schreckliches Ereignis für die Amish-Gemeinde», sagte Miller fassungslos. «Das sind so gute Menschen.»

Roberts gehörte nicht zu den «Amish People», die ihre Wurzeln in der christlichen Täuferbewegung der Reformationszeit haben und den technischen Fortschritt ablehnen. Er habe wohl auch nichts gegen die Religionsgemeinschaft gehabt, sagte Miller. Der West Nickel Mines Amish School wurde es zum Verhängnis, dass sie in der Nähe von Roberts' Wohnort Bart lag, dass es dort Mädchen gab und so gut wie keine Sicherheitsvorkehrungen.

Attentäter liess seiner Frau einen Zettel zurück

Der Täter hatte sich sorgfältig vorbereitet. Er kam mit einem Jagdgewehr, einem weiteren Gewehr und einer Neun-Millimeter-Pistole sowie einer Tasche mit etwa 600 Schuss Munition. Ausserdem hatte er eine Betäubungswaffe und zwei Messer dabei, mehrere Rollen Klebeband und Kleider zum Wechseln. Zu Hause liess er Notizen für seine Frau und seine drei Kinder zurück, in denen er sich von ihnen verabschiedete. Auch von der Schule aus rief er noch einmal seine Frau an und sagte ihr Miller zufolge sinngemäss, dass er nun die Rechnung für einen lange zurückliegenden Vorfall beglichen habe. «Er war wütend auf das Leben, er war wütend auf Gott», sagte Miller.

Während die Beamten ihren Ermittlungen in dem kleinen Dorf nachgingen, 90 Kilometer westlich von Philadelphia, wurden sie von Mitgliedern der Amish-Gemeinde beobachtet - die Männer in hellen Hemden, dunklen Hosen und breiten Strohhüten, die Frauen in dunklen Kleidern, das Haar mit einer Haube bedeckt.

An der Schule wurden 25 bis 30 Kinder unterrichtet, im Alter von 6 bis 13 Jahren. Im Bezirk Lancaster leben rund 20.000 Gemeindemitglieder der Old Order Amish, die die Benutzung von Autos strikt ablehnen und einen ans Deutsche erinnernden Dialekt sprechen, der als «Pennsylvania Dutch» bezeichnet wird.

Roberts' Witwe verbreitete eine Erklärung, in der sie sich schockiert über die grausame Tat ihres Mannes zeigt: «Unsere Herzen sind gebrochen, unser Leben ist erschüttert. Wir trauern um die Unschuldigen und die Leben, die heute verloren gingen.»

Roberts hegte offenbar einem tiefen Groll aus seiner eigenen Kindheit: «Er handelte aus Rache für etwas, was vor 20 Jahren passiert ist», sagte Polizeichef Jeffrey Miller. Aber eine Erklärung gibt es nicht, warum der 32 Jahre alte Milchwagenfahrer auf zehn Mädchen geschossen und fünf von ihnen tödlich getroffen hat.