Vier Tote

20. September 2010 06:22; Akt: 20.09.2010 11:44 Print

Amoklauf stürzte Lörrach ins Chaos

Nach der Bluttat im Elisabethenkrankenhaus herrschte in Lörrach das Durcheinander: Klinikpersonal irrte durch die Strassen, Verwandte von Patienten warteten auf ein Lebenszeichen.

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Die 41-jährige Rechtsanwältin Sabine R. brachte ihren 44-jährigen Mann Wolfgang R. und den gemeinsamen fünfjährigen Sohn Roman um. Das Paar hatte sich im Juni 2010 getrennt. Seither schlief Sabine R. in ihrer Anwaltskanzlei an der Markus-Pflüger-Strasse in Lörrach. Die Behörden gehen von einer Beziehungstat aus. Nachdem sie ihren Ex-Mann erschossen und den kleinen Sohn erschlagen hatte, steckte sie die Wohnung in Brand. Wie Nachbarn am nächsten Tag berichten, lag die 41-Jährige mit dem Vater des Kindes offenbar in einem Sorgerechtsstreit. Es ist demnach anzunehmen, dass er am Sonntag den Jungen gerade bei seiner Ex-Frau abholen wollte. Die 41-Jährige war als schwierige Person bekannt und machte einen ungepflegten Eindruck, wirkte trocken und verbittert, so die Nachbarn weiter. Sabine R. hat im Wohnhaus ein Feuer gelegt - in dem Büroraum mit angeschlossener Wohnung wurden Kanister gefunden, die auf Brandbeschleuniger hindeuten. Die Detonation war so heftig, dass eine Wand herausgerissen wurde. Auf der Flucht verletzte R. anschliessend zwei Passanten. Die Frau schoss mit ihrer Faustfeuerwaffe vom Typ Walther Kaliber 22. Sie soll mit etwa 300 Schuss und einem Messer unterwegs gewesen sein. Einer der Passanten wurde in den Rücken getroffen worden, der andere erlitt einen Streifschuss am Kopf. Kurz nach 18.00 Uhr, betrat sie die Klinik St. Elisabethen und schoss wild um sich. Die Beamten sollten später über 100 Patronen der Pistole alleine im Spital finden. Im Krankenhaus lief die Täterin zielstrebig in die gynäkologische Abteilung im ersten Stock und tötete dort einen Pfleger. Als die ersten Polizisten am Krankenhaus eintrafen, schoss die Amokschützin einen Beamten ins Knie. Bei dem folgenden Schusswechsel wurde Sabine R. dann getötet. Der Bereich um das Spital im Zentrum der Stadt war am Sonntagabend für mehrere Stunden komplett abgeriegelt worden.

Fehler gesehen?

Bis spät in die Nacht stehen Angehörige vor den Polizeiabsperrungen in der Lörracher Innenstadt, um zu erfahren, ob ihre Freunde oder Verwandte verletzt wurden. Wie ein Lauffeuer hatte sich verbreitet, dass es eine Explosion in einem Haus gegeben hat, eine Frau aus dem Haus lief und im nahe gelegenen Elisabethenkrankenhaus um sich schoss.

Die Informationen darüber, was genau passiert ist, fliessen aber nur spärlich. Stunden später ist von vier Toten die Rede, die in einer abgebrannten Wohnung und im Krankenhaus starben. Bis in der Nacht präzisieren und revidieren Staatsanwaltschaft und Polizei teilweise ihre Angaben. Die Ermittler gehen inzwischen von einer Beziehungstat aus: Eine Frau tötete einen Mann und einen kleinen Jungen, danach stürmte sie in das Krankenhaus und schoss um sich.

Bei der Explosion und der Schiesserei soll es ausserdem mehrere Verletzte gegeben haben. Wo und wie viele, ist zunächst unklar. Die Aufregung an der Absperrung ist gross. Haluk Kaplan versucht die Polizei zu überreden, im Nachbarhaus, neben dem es die Explosion gegeben haben soll, nach einer befreundeten Familie sehen zu dürfen. Es soll eine Verletztenliste geben. Haluk Kaplan will sich aber persönlich versichern, dass es der Familie gut geht. Die Polizei lässt ihn durch.

Frau schiesst auf Passanten und Polizisten

Um Mitternacht informiert Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer ein zweites Mal über den Stand der Ermittlungen: Demnach gab es zunächst um 18.00 Uhr in einem Haus in unmittelbarer Nähe des Krankenhauses in der Markus-Pflüger-Strasse eine Explosion. Die Feuerwehr wurde alarmiert. Diese wurde von der Polizei aber vom Löschen abgehalten, denn es wurden inzwischen auch Schüsse gemeldet.

Aus dem brennenden Haus kam eine mit einer kleinkalibrigen Sportpistole bewaffnete Frau, bei der es sich laut einem Augenzeugen um eine 41-jährige Anwältin handeln soll. Auf der Strasse habe sie zwei Passanten verletzt. Einer sei in den Rücken getroffen worden, der andere habe einen Streifschuss am Kopf erlitten. Danach drang die Frau in das etwa 300 Meter entfernte Krankenhaus ein, lief in die gynäkologische Abteilung im ersten Stock und töte dort einen Pfleger. Es seien auch Stichverletzungen festgestellt worden. Noch sei nicht klar, wie der Pfleger getötet wurde.

Als die ersten Polizisten am Krankenhaus eintrafen, habe die Täterin einen Beamten ins Knie geschossen, hiess es weiter. Bei dem folgenden Schusswechsel sei die Frau getötet worden. Gesamteinsatzleiter Michael Granzow betonte, der verletzte Polizist sei im Einsatz gewesen. Zuvor hatte ein Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA) gesagt, der bei der Schiesserei verletzte Beamte habe sich privat in der Klinik aufgehalten und sich eingemischt.

Brandbeschleuniger gefunden

Nachdem die Feuerwehr den Hausbrand gelöscht hatte, fand sie in dem Gebäude den Angaben zufolge in der komplett ausgebrannten Wohnung die Leichen eines Mannes und eines etwa fünfjährigen Jungen. Bei ihnen handelt es sich vermutlich um den ehemaligen Lebensgefährten der Frau sowie um das gemeinsame Kind. Zunächst hatte das LKA von einer toten Frau und einem toten Mädchen gesprochen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde die Explosion vermutlich durch einen Brandbeschleuniger herbeigeführt. Es wurden Kanister gefunden. Die Detonation war so heftig, dass eine Wand herausgerissen wurde. Es war zunächst nicht klar, ob der Mann und der Junge durch Schüsse oder die Explosion und den Brand getötet wurden.

Auch Anwohner berichten von einer sehr starken Explosion: «Wir haben mit den Kindern im Garten gespielt, plötzlich war da eine Explosion und ein Riesenloch in der Wand», berichtet Aydin Cetiner, der direkt neben dem betroffenen Haus wohnt, etwa der «Badischen Zeitung». Sein Haus habe gewackelt.

Motiv unklar

Die Polizei hatte zunächst von einem Amoklauf gesprochen. In der Nacht war es den Angaben zufolge aber noch völlig unklar, warum die Frau in das Krankenhaus lief. Die Ermittler gingen davon aus, dass der Pfleger ein zufälliges Opfer war. Die Identifizierung der Toten war in der Nacht noch nicht abgeschlossen.

Chaotische Strassenszenen

Laut den örtlichen Medien sollen sich nach der Tat chaotische Szenen in der Innenstadt abgespielt haben. Klinikpersonal irrte durch die Strasse, auf dem Gehweg wurden Verletzte versorgt. Der Bereich um das Elisabethenkrankenhaus im Zentrum der Stadt wurde von der Polizei weiträumig abgeriegelt. Die Polizei war mit 150 Beamten im Einsatz. Das Krankenhaus sowie das Wohnhaus, wo die Leichen gefunden wurden, sicherten bis in den späten Abend schwer bewaffnete Polizisten ab. In der Strasse reihte sich ein Feuerwehrauto an das andere.

Das Deutsche Rote Kreuz richtete mehrere Versorgungszelte vor dem Rathaus in unmittelbarer Nähe ein. Darin wurden einer DRK-Mitarbeiterin zufolge Klinikpersonal und Patienten psychologisch betreut. Die Klinik war nur teilweise geräumt worden. Etwa vier Stunden nach der Tat wurde dort der Betrieb wieder aufgenommen.


(Video: AP)


(ap)