Ab in den Container

17. Januar 2013 18:55; Akt: 17.01.2013 20:02 Print

Amsterdam verbannt Tyrannen von nebenan

Wer in Amsterdam seine Mitmenschen mobbt, fliegt raus: Dank eines neuen Projekts von Bürgermeister Eberhard van der Laan können Schläger und Quäler zukünftig für Monate der Stadt verwiesen werden.

Ein Video der «Gay Pride 2012» in Amsterdam: Wer 2013 homosexuelle Nachbarn bedrängt, muss im Extremfall die Stadt für mindestens sechs Monate verlassen.
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Amsterdam will Störenfrieden einen Denkzettel verpassen: Streithähne, Schwulenhasser und Rassisten sollen mindestens sechs Monate der Stadt verwiesen und in Container-Dörfer verbannt werden. Das Kalkül: Unter der Aufsicht von Polizisten und Sozialarbeitern kommen die Täter zur Räson, während ihre Opfer wieder ein normales Leben aufnehmen können.

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Stadtvater Eberhard van der Laan kann diese extreme Massnahme ergreifen, weil Bürgermeister in den Niederlanden für die Wahrung der öffentlichen Ordnung verantwortlich sind. Die grösste niederländische Stadt rechnet mit sieben bis zehn Fällen in dem vorerst auf ein Jahr begrenzten Projekt, für das Kosten von einer Million Euro veranschlagt sind. Sein Titel: «De Treiteraanpak – Intimidatie in de woonomgeving» (Etwa: Drangsalierer anpacken – Einschüchterung in der Wohnumgebung).

Den Spiess umdrehen

«Normalerweise haben die Leute wegen der Furcht vor Schikanen Angst, Probleme zu melden», erklärte Sprecherin Tahira Limon das Konzept Anfang Dezember der BBC. Unschuldige Menschen dürften nicht von tyrannischen Nachbarn zum Auszug gezwungen werden. «Es ist eine verkehrte Welt und das wollen wir ändern, damit die Leute, die Probleme machen, entfernt werden.»

Auch wenn es der Bürgermeister auf homo- und xenophobe Drangsalierer abgesehen hat, regt sich auch Kritik an der Intoleranz gegenüber der Intoleranz. Das Ausland sei verwundert, weiss der Berliner «Tagesspiegel»: «Wie kann es sein, dass ausgerechnet eine Stadt, die wie wenige andere für die Wertschätzung persönlicher Freiheiten steht, solche Pläne schmiedet?»

Angst vor dem «Asi-Dorf»

«Dieses Programm konzentriert sich natürlich auf die Wiedereingliederung der Täter» wischte Tahira Limon im «Spiegel» Bedenken beiseite. «Es geht nicht darum, sie aus der Gesellschaft auszuschliessen». Mobbing-Opfer können die Täter über eine Hotline melden, vor einer temporären Zwangsumsiedlung werden die Täter ermahnt. Handelt es sich bei den Verwiesenen um Minderährige, muss die Familie ebenfalls die Stadt verlassen.

Die Idee, Störer aus der Stadt zu schmeissen, ist in den Niederlanden allerdings nicht ganz neu. 2005 brachte eine grosse Koalition aus den Parteien CDA, PvdA und VVD ein solches Vorhaben auf den Weg. Erst als Geert Wilders' Rechtspartei, die 2006 gegründet wurde, das Thema aufgriff, regte sich Widerstand gegen Container-Ghettos für Kriminelle. Seit jenem Jahr existieren in den Niederlanden auch Dörfer für psychisch Kranke, die nach dem dänischen Vorbild «Skaeve Huse» benannt sind.

Der damals geprägte Begriff vom «Asodorpje» (Asi-Dorf) macht auch jetzt wieder die Runde, doch in Amsterdam soll es so etwas nicht geben. Dort werden die Verbannten laut «Welt» nicht zentral und zusammen, sondern an verschiedenen Orten untergebracht.

(phi/dhr)