Luxusgebäude in New York

23. Juli 2014 08:54; Akt: 23.07.2014 08:54 Print

Arme müssen den anderen Eingang nehmen

Ein Luxusgebäude in Manhattan beherbergt auch Sozialwohnungen. Nur dass deren Mieter den Haupteingang nicht benutzen dürfen. Diskriminierung, wettern Kritiker.

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Bürgermeister Bill de Blasio erzählt beim Thema New York gern die «Tale of Two Cities». Eine «Geschichte der zwei Städte» von Reichen und Armen spielt sich jetzt sogar unter einem Dach ab: Die Stadtverwaltung erlaubt dem Erbauer eines 33 Stockwerke hohen Wohnturms in der Upper West Side von Manhattan, zwei separate Hauseingänge zu bauen. Der eine ist für die Bewohner von 219 Eigentumswohnungen vorgesehen, der andere für die Mieter in 55 Sozialwohnungen im gleichen Gebäude.

«Das schmeckt nach Klassenwirtschaft», sagte die demokratische Abgeordnete Linda Rosenthal vergangenen Sommer, als die entsprechenden Pläne des Generalunternehmers Extell Development bekannt wurden. «Dieses Arrangement nach dem Motto ‹separat aber ungleich› ist schändlich und hat im 21. Jahrhundert keinen Platz», sagte Rosenthal zur Quartierzeitung «West Side Rag».

Steueranreize als Ursache

Der Protest der Lokalpolitiker fruchtete aber nichts. Das Departement für Wohnungswesen bestätigte am Wochenende gegenüber der «New York Post», es habe die Pläne von Extell abgesegnet. Der Bauherr des Wohnturms Riverside Boulevard Nummer 40 dürfe am «Programm für integrativen Wohnbau» teilnehmen und deshalb seine zwei Haustüren bauen.

Der doppelte Eingang in dem gläsernen Gebäude ist nämlich eine direkte Folge der komplizierten Bauvorschriften und Steueranreize in New York. Grundlage ist der Konsens unter Politikern, dass die Stadt dringend erschwingliche Wohnungen braucht und sich die verschiedenen sozialen Gruppen möglichst durchmischen sollen. Regelungen wie das erwähnte Programm locken Bauherren mit allerlei Vorteilen, damit sie in ihren Luxusprojekten Wohnraum für weniger Bemittelte integrieren. Wer Sozialwohnungen vorsieht, darf erstens mehr Wohnvolumen bauen, als der Zonenplan vorsieht. Zweitens erhält er massive Steuerrabatte. Im Falle einer Reihe von Gebäuden, die Extell in Manhattan plant, verzichtet die Stadt allein im ersten Jahr auf 21,8 Millionen Dollar Grundstücksteuern.

Swimmingpool nicht für Sozialmieter

Die «Poor Door» - Armentür - am Riverside Boulevard rechtfertigt der Bauherr damit, dass die unter einem Dach vorgesehenen Gebäudeteile rechtlich völlig voneinander getrennt seien. Die Eigentumswohnungen sind in den oberen Stockwerken untergebracht, haben Fenster zum Hudson-Fluss und schliessen die Benutzung von Basketballfeldern und einem Swimmingpool ein. Sie werden zu Marktpreisen von über 10’000 Dollar pro Quadratmeter verkauft. Schon Einzimmerwohnungen kosten über eine Million Dollar.

Die Sozialwohnungen sind in den Sockelgeschossen vorgesehen und schauen in östlicher Richtung auf die Strasse. Die Apartments sollen monatlich zwischen 845 Dollar für ein Studio und 1099 Dollar für eine Zweizimmerwohnung kosten. Angesichts eines durchschnittlichen Mietzinses in Manhattan von 3247 Dollar sind diese Sozialwohnungen extrem billig. Entsprechend sind sie reserviert für Mieter mit einem Jahreseinkommen von höchstens 60 Prozent des Durchschnitts in der Stadt, also 51’540 Dollar für eine vierköpfige Familie.

Rassendiskriminierung?

An dieser Einschränkung machen Kritiker ihren Protest fest. Während Eigentumswohnungen primär von Weissen gekauft würden, seien Sozialmieter mehrheitlich Schwarze und Latinos, argumentieren sie. Die zwei Eingänge seien «ein offensichtlicher Versuch, Menschen rassisch voneinander zu trennen», sagt die Abgeordnete Rosenthal.

Falls jemand den Gerichtsweg beschreitet, könnte dieses Argument womöglich stechen.

(sut)