Japanischer Gartenwärter

30. Oktober 2018 17:12; Akt: 30.10.2018 17:12 Print

Aus Angst 160'000 Gratiseintritte gewährt

Ein Angestellter des beliebten Shinjuku Gyoen Garden in Tokio hat bei Touristen jahrelang kein Eintrittsgeld einkassiert – weil er keine Fremdsprachen beherrschte.

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Die Japaner kennen ein Wort für das funkelnde Licht, das die Sonne abwirft, wenn sie durch das Blätterdach eines blühenden Baumes betrachtet wird: 木漏れ日 (Komorebi). Es gibt keine deutsche Übersetzung – so wie es auch für die japanische Schamkultur kaum nachvollziehbare Entsprechungen gibt, zumal sie zwei widersprüchliche Gefühle zusammenführt: sich für die eigene Unzulänglichkeit zu schämen und zugleich dem Gegenüber eine für ihn peinliche Situation ersparen zu wollen.

Als Nicht-Japaner ist man auf Alltagsbeispiele angewiesen, um diese liebenswerte Eigenheit des asiatischen Inselvolkes zu verstehen. Anschauungsmaterial liefert nun ein kleines Drama, das sich über die letzten Jahre hinweg im berühmtesten botanischen Garten Tokios abgespielt hat: So hat ein Angestellter des Shinjuku Gyoen Garden grosse Mühen und Risiken auf sich genommen, um Touristen einen kostenlosen Zugang zum 58,3 Hektar grossen Naherholungsziel zu bieten.

Eintritt für symbolische 200 Yen

Der mittlerweile 70-Jährige, der zuvor beim Ministerium für Umwelt angestellt war, gab die Eintrittstickets an Besucher aus dem Ausland ab, ohne das fällige Entgelt einzukassieren. Bei Einheimischen kassierte er dagegen weiterhin die ohnehin eher symbolischen 200 Yen (rund 1.80 Fr.) ein.

Weil die ausgegebenen Tickets jedoch auch elektronisch erfasst wurden, musste der Mann einen Verbündeten in der Buchhaltung finden. Von diesem liess er sich die Zugangsdaten geben und manipulierte die Bilanz allabendlich, damit keine Diskrepanz zwischen ausgegebenen Tickets und eingenommenen Yen entstand.

Verlust von 25 Millionen Yen

Wie das japanische Netzwerk SoraNews24 nun bekannt gab, betrieb der Rentner diesen Aufwand zwei Jahre lang, ehe er im Dezember 2016 von einem Mitarbeiter ans Management verpfiffen wurde. Nicht weniger als 160'000 Touristen soll er in dieser Zeit gemäss Guardian kostenlos in die Gartenanlage gelassen haben. Der finanzielle Verlust für den Betreiber beläuft sich auf rund 25 Millionen Yen (knapp 300'000 Franken).

Der fehlbare Mitarbeiter wurde mittlerweile entlassen, musste zehn Prozent seines Gehalts retournieren und bot von sich aus an, zudem die Hälfte seiner Pension (300'000 Yen) abzugeben. Dabei hatte der Rentner den Kassenjob nur angenommen, um seine Pension aufzubessern, was in Japan aufgrund der uneinheitlichen Vorsorgelösungen nicht selten nötig ist.

Typisch japanisch an der ganzen Angelegenheit ist freilich der Grund für das halbkriminelle Gebaren: Im April 2014 sei er von einem ausländischen Touristen angeschrien worden, als er die Eintrittsgebühr verlangt habe, gab der Mann schuldbewusst zu. Weil er jedoch keinerlei Fremdsprachenkenntnisse hatte, konnte er nicht reagieren. Seither habe er so grosse Angst vor vergleichbaren Situationen gehabt, dass er sich dazu entschieden habe, Fremden das Ticket gratis zu überlassen – ungeachtet der Tatsache, dass der Eintrittspreis auch für Nicht-Japaner deutlich erkennbar auf dem Ticket aufgedruckt ist.

(mat)