Röstigraben passé

08. März 2011 12:23; Akt: 08.03.2011 13:45 Print

Autosalon erlebt eine Invasion aus dem Osten

von Antonio Fumagalli - Wenn Genf ruft und die Deutschschweiz hingeht, ist Autosalon. Ein Insider-Blick hinter die Kulissen der Glitzerwelt.

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Samstagmorgen, kurz vor 6 Uhr. Monika Kägi und Markus Sommer stehen am Bahnhof Weinfelden TG. Es ist bitterkalt und stockdunkel, nur der klare Himmel kündigt schönes Wetter an. Doch davon wird das junge Paar nicht viel mitkriegen – es wartet ein langer Tag in neonbeleuchteten Hallen auf sie.

Kägi und Sommer sind auf dem Weg an die grösste Ausstellung der Schweiz, den Genfer Autosalon. Damit sind sie nicht alleine: Von den rund 700 000 Personen, die jedes Jahr den Weg an den äussersten Zipfel der Schweiz finden, kommt gemäss den letztjährigen Erhebungen über ein Viertel aus der Deutschschweiz. Der Anteil war früher noch höher, in den letzten Jahren haben die Besucher aus dem nahen Frankreich den Deutschsprachigen aber den Rang abgelaufen.

Die SBB setzen bis zu 15 Extrazüge täglich ein, um dem Ansturm Herr zu werden. Den hartgesottenen Autofans kommt es allerdings kaum in den Sinn, sich auf Schienen fortzubewegen, entsprechend überlastet sind die Strassen rund ums Messegelände Palexpo während der zehn Tage. Die Radiostationen können ihre Staumeldungen für den Grossraum Genf an den Wochenenden schon fast ab Tonband abspielen.

Schweizerdeutsch als wichtiges Kriterium

Der Zustrom von ennet des Röstigrabens stellt nicht nur die Verkehrsnetze auf die Probe. Auch die Automarken nehmen sich insbesondere bei der Rekrutierung des Standpersonals ganz bewusst den Deutschschweizern an: «Die Sprachkenntnisse sind bei uns eines der wichtigsten Kriterien für eine Anstellung. Jemand, der nicht fliessend deutsch spricht, hat keine Chance», sagt Christian Berger, Standchef bei Volvo.

Dabei gilt es, ein besonders in den Köpfen der Autosalon-Unkundigen verhaftetes Bild zu revidieren: Auf Kühlerhauben liegende Schönheiten mit wenig Stoff am Körper und dafür viel Puder im Gesicht sind während den Publikumstagen die absolute Ausnahme. Möchten sich die Besucher eingehender über ein Automodell informieren, wenden sie sich an normalsterbliche, doch zumeist attraktive Hostessen und Car Explainer, wie sie im Salon-Jargon heissen. Anders an den beiden Pressetagen, die jeweils unmittelbar vor der offiziellen Eröffnung stattfinden: Allerlei professionelle Models räkeln sich da vor den Linsen der Fotografen – und verfälschen damit das in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommene Bild des Autosalons entscheidend.

Ermüdende Menschenmassen

An einem Samstag den Genfer Autosalon zu besuchen ist mit einer Warenhaus-Tour am 23. Dezember vergleichbar. Das Gedränge ist an den neuralgischen Punkten gross und die Kombination aus trockener Luft, künstlichem Licht und Lärm aller Art hinterlässt auch bei Monika Kägi und Markus Sommer ihre Spuren. Sie kämpfen sich aber weiter tapfer durch die Menschenmassen, schliesslich gilt es auf der Suche nach einem möglichen Neuwagen die Augen offenzuhalten.

Andere Marken definieren das Sprach-Kriterium nicht ganz so absolut wie Volvo. Fakt ist aber: Ein beträchtlicher Teil der Hostessen stammt selbst aus der Deutschschweiz. Zum Beispiel Esther Burri: Die 25-Jährige studiert eigentlich Psychologie in Bern, während des Autosalons ist sie aber – zusammen mit rund 30 Kollegen – das Gesicht von Seat. In mehreren Sprachen nimmt sie die Fragen der Messebesucher entgegen, immer freundlich lächelnd. «Der Salon ist für mich die ideale Gelegenheit, innert kurzer Zeit ziemlich gutes Geld zu verdienen», sagt sie und wendet sich dem nächsten Besucher zu.

Überfüllte WGs

In der Tat kann eine Hostess oder ihr männliches Pendant mit gut 4000 Franken Salär für zwölf Tage Arbeit am Autosalon rechnen – ein äusserst willkommener Zustupf, wenn man sonst eher knapp bei Kasse ist. Kein Wunder kommen die meisten Temporär-Angestellten der Messe von den Schweizer Hochschulen. «Neben den Kompetenzen, die sie mitbringen, sind sie oft gut vernetzt. Das ist gerade bei der Suche nach einer Übernachtungsgelegenheit hilfreich», sagt Volvo-Standchef Berger. So quartieren sich massenhaft Salon-Mitarbeiter in bereits bestehende WGs ein, nicht selten auch zu zweit im selben Zimmer. Besonders bemerkbar macht sich die Auto-Messe an der Universität Genf, an welcher sich vor allem der Studiengang der internationalen Beziehungen unter Deutschschweizern grosser Beliebtheit erfreut: «Wie mir Studienkollegen erzählt haben, lichten sich die sonst teils übervollen Vorlesungssäle merklich während des Salons», sagt Emilie Ballestraz, die im vierten Semester studiert und bei Honda hinter dem Desk steht.

Nach rund sechs Stunden Messebesuch sind Monika Kägi und Markus Sommer zurück am Bahnhof Genf-Cointrin und warten erschöpft auf den Extrazug, der sie zurück in die ferne Ostschweiz bringen wird. Das dem eigenen Portemonnaie entsprechende Traumauto haben sie noch nicht gefunden – das Rückfahrtticket war aber sowieso schon gelöst.


(Der Autor hat während seiner Genfer Studienzeit zwei Mal für Honda am Autosalon gearbeitet.)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Love_Cars am 08.03.2011 16:02 Report Diesen Beitrag melden

    Radarfallen

    Das schlimmste am Autosalon in Genf sind die vielen Radarfallen bis man endlich ankommt. Also so etwas hab ich niergendwo auf der Welt gesehen.

  • Mr.Tee am 08.03.2011 13:15 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts für den normalen Schweizer

    2 Stunden Parkplatz suchen, 10 Stutz für ein 0815-Sandwich und 20 Hämmer Parkgebühr ist eine Abzocke. Für uns war der Besuch eine einzige Enttäuschung und werden auch längere Zeit nicht mehr gehen.

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  • Johnny Insider am 08.03.2011 23:34 Report Diesen Beitrag melden

    Insider tips für einen gemütlichen Autosalon

    - Nicht die Autobahn fahren, sondern 10-20 km vorher die Landstrasse nehmen: kein Stau - Mit dem Auto vor Eröffnung am Besuchstag im Wohnquartier Grand-Saconnex parken, dann 5 Minuten laufen: null Kosten - Fast jede Autohändler spendiert gerne einen Gutschein für den gratis Eintritt. - Mit Kindern bei Volvo Stand vorbei gehen und die netten Studenten/Studentinnen ansprechen: Resultat: Unsere Familie wurden in die VIP Lounge eingeladen: gratis Buffet, Getränke und Live Musik in gediegene Atmosphäre.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Johnny Insider am 08.03.2011 23:34 Report Diesen Beitrag melden

    Insider tips für einen gemütlichen Autosalon

    - Nicht die Autobahn fahren, sondern 10-20 km vorher die Landstrasse nehmen: kein Stau - Mit dem Auto vor Eröffnung am Besuchstag im Wohnquartier Grand-Saconnex parken, dann 5 Minuten laufen: null Kosten - Fast jede Autohändler spendiert gerne einen Gutschein für den gratis Eintritt. - Mit Kindern bei Volvo Stand vorbei gehen und die netten Studenten/Studentinnen ansprechen: Resultat: Unsere Familie wurden in die VIP Lounge eingeladen: gratis Buffet, Getränke und Live Musik in gediegene Atmosphäre.

  • Besserwisser am 08.03.2011 20:00 Report Diesen Beitrag melden

    maybach?

    ich bin ja nicht grds. Fan des teuersten Autos, aber wenn Ihr schon andauernd davon redet, dann solltet Ihr auch das teuerste Auto zeigen... PS: dort gäbe es auch den Schampuskühler :-p

  • Love_Cars am 08.03.2011 16:02 Report Diesen Beitrag melden

    Radarfallen

    Das schlimmste am Autosalon in Genf sind die vielen Radarfallen bis man endlich ankommt. Also so etwas hab ich niergendwo auf der Welt gesehen.

  • Hanter am 08.03.2011 14:57 Report Diesen Beitrag melden

    guter artikel

    danke für den inside artikel über die faszination autosalon - welche ja nicht nur aus autos besteht

  • Michael S. am 08.03.2011 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    81 Jahre...und noch länger.......

    81 Jahre Autosalon und die Autos saufen immer noch Benzin! Wann gibst mal was Neues? Man könnte doch die Ausstellung in "Hostessensalon" umbenennen? ;)

    • Autofan am 08.03.2011 16:43 Report Diesen Beitrag melden

      Autofaszination

      Es gibt tatsächlich noch Leute, welche sich für diese Fahrzeuge interessieren und nicht bloss die Rettung der Umwelt durch Autos erreichen wollen (ich gebe jetzt dazu mal keinen Kommentar ab, im Denken daran, dass unsere alten Fahrzeuge im Ausland weiterfahren).

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