Doppelmord im TV

27. August 2015 15:34; Akt: 27.08.2015 15:34 Print

Beginnt jetzt die Ära der Live-Verbrechen?

In einem Fax erklärte sich Vester Flanagan – und via Facebook und Twitter zeigte er, wie er zwei Menschen erschoss. Verfolgen wir Morde fortan hautnah?

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Vester Lee Flanagan filmte seine Tat und stelle das Video ins Internet. Aufgestauter Groll und das Gefühl, rassistisch diskriminiert zu werden: So erklären sich Experten die Motivation des Mörders Vester Flanagan. Flanagan alias Bryce Williams tötete am Dienstag die TV-Journalistin Alison Parker und ihren Kameramann Adam Ward während einem Live-Einsatz in Virginia. Flanagan ging auf Parker zu, als sie Vicki Gardner von der örtlichen Handelskammer interviewte. Während er seine Kamera eingeschaltet liess, zielte er auf Parker. Als er abdrückte, drehte sich Parker erschrocken um, stürzte dann aber tödlich getroffen zu Boden. Chris Hurst, ein Anchor in der TV-Station, war mit Parker verlobt. In einem Tweet nannte er sie «die strahlendste Frau, die ich je kennengelernt habe». Das Paar plante bald zu heiraten. Dieses Bild postete der untröstliche Verlobte auf Facebook. Flanagan eklärte seine Motivation vor der Tat mit ein paar Tweets. Darin wirft er Alison Parker und Adam Parker rassistisches Verhalten vor. Dieses Bild des Täters fing die TV-Kamera ein, nachdem der Kameramann zu Boden gestürzt war. Früher war Flanagan bei derselben TV-Station angestellt. 2013 wurde er entlassen, weil er seine Wutausbrüche unerträglich waren. Als TV-Journalist sei er mässig erfolgreich gewesen, berichten Kollegen Schon im Jahr 2000 fiel Flanagan bei einer TV-Station in Florida negativ auf und wurde entlassen. Darauf reichte er eine Schadenersatzklage ein. Vor seiner Tätigkeit als Journalist war Flanagan Model und Edel-Escort. Ein frühes Bild zeigt ihn mit Muskeln. Wer hätte gedacht, dass aus diesem Buben ein zweifacher Mörder werden würde?

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Der 23-seitige Fax ging am Mittwochmorgen um 8.26 Uhr bei ABC News ein – zwei Stunden, nachdem Vester Lee Flanagan alias Bryce Williams zwei seiner Ex-Kollegen des TV-Senders WDBJ in einer Live-Übertragung erschossen hatte. Kurz darauf rief er die Nachrichtenredaktion sogar an, um sich als der Doppelmörder aus Virginia vorzustellen. «Die Polizei ist hinter mir her, sie ist überall», sagte er und hängte auf.

In seinem «Manifest» listet Flanagan etliche Verbrechen auf, die ihn je nachdem inspirierten oder in Rage versetzten, sei es der Amoklauf an der technischen Universität von Virginia im Jahr 2007 oder das jüngste Massaker in einer Schwarzen-Kirche in Charleston, South Carolina. «Ich bin seit einer Weile ein menschliches Pulverfass, das nur auf den Knall wartet», schreibt er. Die rassistisch motivierten Morde von Charleston waren dieser «Knall»: Zwei Tage später habe er sich eine Waffe gekauft, schreibt Flanagan – eine Glock 19, wie sich herausstellte.

Eine ganze Welle von Live-Verbrechen?

Das ganze Dokument ist eine einzige Abrechnung von einem, der sich missverstanden und diskriminiert fühlte. Flanagan war das Opfer, die anderen die Bösen. Flanagan beschreibt die «schweren Zeiten», die er durchmachen musste. Als er bei den Medien keinen Job erhielt, habe er in der Escort-Branche gearbeitet: «Darauf bin ich stolz, denn ich habe ein Vermögen verdient.»

Weiter schreibt er: «Ich habe versucht, mein Leben in den Griff zu bekommen. Aber der Schaden war bereits angerichtet. Wer an diesem Punkt ankommt, dem kann man nicht mehr helfen, da kann nichts mehr die Traurigkeit in Glücklichsein verwandeln. Medikamente? Nah. Es ist einfach zu viel.» Er sei, schreibt Flanagan, «all fucked up in the head» – völlig kaputt im Kopf.

Der ehemalige Reporter Flanagan setzte seine Tat medial in Szene: «Habe ein Video gemacht, siehe Facebook», tweetete er unter anderem. Experten sprechen deswegen bereits von einer «neuen Norm»: «Wir haben den Mord auf Twitter miterlebt», so der Medienexperte Brian Stelter von CNN. Er befürchtet, dass dies nur der Anfang einer Welle von Verbrechen sein könnte, die online live zu verfolgen sind.

Ein jeder hat seinen Medienkanal

Womöglich seien die sozialen Medien für Flanagan sogar ein Grund gewesen, zur Tat zu schreiten. «Dort holte er sich die Anerkennung, die er im wirklichen Leben nicht kriegte», sagte Morgan Wright, ein Experte für Cybersicherheit, auf Fox News . «Die Frage ist: Hätte er es überhaupt getan, wenn es keine sozialen Medien gäbe?»

Die sozialen Medien, schreibt indes die «Washington Post», hätten dieses Verbrechen nicht verursacht. «Die Technologie macht es einfacher, aber dahinter steckt die Psychologie eines Aufmerksamkeit suchenden Narzissten, der Berühmtheit erlangen will», sagte Jean Twenge, Psychologieprofessor an der University of San Diego, der Zeitung.

Insofern schlägt Flanagan keine neuen Wege ein. Beim Amoklauf an der Virginia Tech 2007 hatte der Schütze ein ganzes Medienpaket an TV-Sender geschickt – noch während er um sich schoss. Auch der Frauenhasser, der in Santa Barbara ein Blutbad anrichtete, lud zuvor ein Youtube-Video hoch, das seine Beweggründe erklären sollte.

Verantwortung in Zeiten der technischen Veränderung

Vor einiger Zeit hätten solche Postings noch entsetzt, mittlerweile aber gehörten sie zur Standardprozedur für Psychopathen, so die «Washington Post». Denn mit der radikalen Verbreitung der sozialen Medien in den letzten Jahren – allein Facebook hat über eine Milliarde User – verfügt heute jeder über einen eigenen, öffentlichen Medienkanal.

Die Tage, in denen die Medienhäuser noch darüber entscheiden konnten, was sie zeigen und was sie zurückhalten wollen, sind vorbei. Ein jeder kann sich holen, was die sozialen Medien hergeben. Aus der Verantwortung können sich die klassischen Medien dennoch nicht stehlen. Dessen scheinen sich viele bewusst zu sein: Fox News, CNN oder MSNBC hielten sich bei der Ausstrahlung der Videos zurück, die Flanagans Tat dokumentierten, auch 20 Minuten zeigte das Material editiert.

(gux)