Sterbehilfe

05. August 2015 16:50; Akt: 10.08.2015 10:37 Print

Britin sucht in Basel den Tod – weil sie alt wird

Gill Pharaoh lässt sich in der Schweiz in den Tod begleiten. In Grossbritannien löst das eine heftige Debatte aus.

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Gill Pharaoh liess sich in den Tod begleiten, obwohl sie noch bei guter Gesundheit gewesen sein soll. (Bild: Bovvering Books)

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Alt werden wollte Gill Pharaoh nie. Bereits mit dreissig soll die Pflegerin aus London den Wunsch geäussert haben, durch Sterbehilfe aus dem Leben zu scheiden. Wer älter als siebzig sei, könne nicht mehr glücklich werden, meinte sie.

Jetzt hat Pharaoh ihren Wunsch bei einer Schweizer Organisation umgesetzt – und damit in Grossbritannien eine Debatte ausgelöst. Der Grund: Die 75-Jährige soll noch bei guter Gesundheit gewesen sein, als sie sich das Leben nahm. «Ich sterbe lieber, als alt zu werden», schreibt die Britin in einem Abschiedsbrief an die «Sunday Times».

«Mit diesem Leben habe ich abgeschlossen»

Ähnlich tönt es in ihrem letzten Blogeintrag, der der «Daily Mail» vorliegt: «Bis siebzig war ich sehr fit und konnte alles tun, was ich wollte. Ich war noch immer zu etwas nütze und produktiv.» Auch heute müsse sie keine Medikamente nehmen und höre ab und zu, dass sie noch gut aussehe, aber: «Längere Strecken kann ich nicht mehr gehen und für Gartenarbeit bin ich zu müde. Ich kann nicht mehr richtig hören und habe einen Tinitus.» Mit diesem Leben habe sie abgeschlossen.

Seit ihrer Arbeit als Altenpflegerin wisse sie, wie die letzten Jahre für Menschen seien. «Wenn man im Alter stirbt, sagen immer viele, man habe tapfer gegen den Tod gekämpft. Ich habe aber das Gefühl, dass die meisten eher darum kämpfen, endlich sterben zu dürfen.» Sie habe sich deshalb dafür entschieden selbstbestimmt in den Tod zu gehen – solange sie noch könne. Pharaoh: «Ich konnte mich verabschieden und habe mein Leben endgültig aufgeräumt.»

War Pharaohs Gesundheit doch nicht so gut?

Die irische Baronin und bekannte Ärztin Finlay von Llanfaff hinterfragt Pharaohs Absicht. Ihre Sterbebegleitung in der Schweiz sei eine «Oper» und nur dazu gedacht, möglichst grosses Medienecho zu erzeugen, sagte sie zur «Times». «Pharaoh war Pflegerin. Sie wusste genau, wie Medikamente funktionieren und wie man sich mit ihnen das Leben nehmen kann.» Es ergebe keinen Sinn, dass jemand grundlos eine so grosse Anstrengung wie Pharaohs Reise in die Schweiz auf sich nehme. «Vielleicht war das ganz einfach ihre Art, etwas auf der Welt zurückzulassen.»

Das Leben genommen hat sich Pharaoh bei der Sterbehilfe-Organisation Eternal Spirit in Basel. Sprecherin Erika Preisig sagte zur «Basler Zeitung», Pharaohs Gesundheit sei keinesfalls so gut gewesen, wie die Britin öffentlich angegeben habe. «Sonst hätte ich sie doch nicht begleitet.» Pharaoh sei krank gewesen und habe Schmerzen gehabt. «Das konnten Nachbarn und Angehörige aber natürlich von aussen nicht sehen.» An welcher Krankheit Pharaoh litt, sagt sie nicht. Das verbiete die ärztliche Schweigepflicht.

Beihilfe zum Suizid ist in der Schweiz legal – im Gegensatz zu vielen Staaten wie Grossbritannien. Viele Briten reisen deshalb in die Schweiz, um zu sterben. Die hiesigen Sterbehilfe-Organisationen haben aber strenge Aufnahmekriterien.

Korrigendum: Anders als in einer vorgängigen Version dieses Artikels angegeben, führte nicht der Verein Life Circle Gill Pharaohs Sterbebegleitung durch, sondern die Stiftung Eternal Spirit.

(nsa)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Schweizerin am 05.08.2015 17:03 Report Diesen Beitrag melden

    Absolut verständlich!

    Ich finde es gut, dass wir Sterbehilfe haben. Ich selber bin gerade mal 34ig und will aber selber entscheiden dürfen, wann ich diese Welt verlasse. Es hat mich auch niemand gefragt, ob ich auf die Welt kommen möchte, aber um zu gehen dürfen, brauche ich eine Erlaubnis und löse allefalls eine moralische Debatte aus. Gehört mein Leben mir oder anderen?

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  • Marc am 05.08.2015 17:00 Report Diesen Beitrag melden

    Mein Motto

    Ist das Leben nicht mehr lebenswert, ist es das Leiden nicht wert. Wichtig ist, dass Personen welche Sterbehilfe in Anspruch nehmen, genügend Zeit hatten um diese Perspektiven einzunehmen. Ob Sterbetourismus nun etwas gutes ist, ist eine andere Geschichte.

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  • Taifunny am 06.08.2015 14:14 Report Diesen Beitrag melden

    Abschied

    Sie hat sich von ihrem Leben und ihren Liebsten Abschied genommen und mit klarem Kopf ihren Tod gewählt. Was ist daran so schlimm? Wer aus dem Leben gehen möchte, soll doch gehen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Markus am 06.08.2015 18:08 Report Diesen Beitrag melden

    mit....

    66 Jahren, da fängt das Leben an, mit 66 Jahren da hat man Spass daran, mit 66 Jahren da kommt man erst in schuss, mit 66 Jahren ist noch lang noch nicht schluss.... man darf geteilter Meinung sein - aber wäre dies von klein auf ihr Glaubenssatz gewesen anstatt, dass mit 70ig eh nichts mehr zu erwarten ist, hätte sie auch noch mit 75ig und bei nicht bester Gesundheit viel spannendes er-leben können. Nichts desto trotz finde ich Sterbehilfe eine gute Sache und jeder soll selbst bestimmen dürfen...

  • Bcl am 06.08.2015 16:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Paradoxe Welt

    Die Welt leidet an Überbevölkerung und es wird immer schlimmer. Im Gegensatz dazu werden Milliarden investiert, damit wir noch älter werden und in der Reproduktionsmedizin wird alles getan, damit jeder Kinder bekommen kann. Natürliche Ressourcen schwinden und unsere Natur fällt immer mehr aus dem Gleichgewicht. Also warum regen wir uns so auf, wenn jemand nicht mehr will und freiwillig aus dem Leben scheiden möchte - mit Würde! Wir sind nur Gast auf dieser Welt und jeder hat das Recht selbst zu entscheiden wann er die Party verlassen möchte.

  • Hans Nötig am 06.08.2015 16:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alter

    Alle die sich hier dagegen aussprechen, denen empfehle ich ihre nächsten Ferien in einem Altersheim als Hilfspflege zu verbringen. dann dürft ihr mitsprechen. Suizid egal welcher Art ist halt die vermutlich krasseste Form der Selbstbestimmung. und wir hadern immer damit.

  • Kurt B Stucki am 06.08.2015 16:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gut

    Das ist wirklich vernünftig und muss zukünftig unbedingt gewährleistet sein! Ich kämpfe gerne an vorderster Front für das Privileg, sein Ende selbstbestimmt wie das ganze Leben zuvor in die Hand nehmen zu können! Ich soll sterben können wenn es mir passt ungeachtet meines Zustandes!

  • Monique Schanz am 06.08.2015 16:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jedem seine eigene Entscheidung

    Mit schmerzen und leid auf den Tod zu warten, dass ist doch grausam. Katzen und Hunden erlöst man von dem leid aber wir Menschen sollen es aushalten. Wieso?