Doppelmorde von Bodenfelde

30. November 2010 09:15; Akt: 30.11.2010 10:00 Print

Bürgermeister geht gegen Justiz vor

Der Bürgermeister von Bodenfelde, Hartmut Koch, wirft den Justizbehörden weiter vor, vor den Doppelmorden den vorbestraften Jan O. wegen Bewährungsverstössen nicht inhaftiert zu haben.

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Mehr als ein halbes Jahr nach dem Mord an zwei Jugendlichen im niedersächsischen Bodenfelde hat das Landgericht Göttingen den Täter zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Der 26-jährige Jan O. soll in die Psychiatrie eingewiesen werden, wie Richter Ralf Günther am Montag sagte. Anschliessend solle er zudem in Sicherungsverwahrung. Am 27. November 2010 wurde der 13-jährige Tobias beigesetzt: Hunderte Menschen begleiteten den getöteten Jungen auf seinem letzten Weg, darunter viele seiner Klassenkameraden aus der 8c und Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Bodenfelde. Gleichzeitig wurde bekannt, dass die Polizei Jan O. schon vor seinen Taten verhaften wollte, aber keinen Sicherungshaftbefehl erwirken konnte. Der 26-Jährige war am 4. November wegen fahrlässiger Brandstiftung vorläufig festgenommen worden. Ein Tag vorher war die 14-jährige Nina auf dem Friedhof von Bodenfelde beerdigt worden. Rund 400 Menschen, darunter auch Mitschüler von Nina, kamen zur Beisetzung. Zuvor hatten sie eine Menschenkette zwischen der Kirche in Bodenfelde und dem Friedhof gebildet. Der 26-jährige Jan O. soll binnen einer Woche die 14-jährige Schülerin Nina und den 13-jährigen Tobias durch Würgen und Messerstiche ermordet haben. Der Mann hat nach Aussage eines Ermittlers das «Potenzial zum Serienmöder». Seine letzte Wohnung liegt in einem schmucklosen, etwas verwahrlosten Mehrfamilienhaus am Rande von Uslar. Einer der Briefkästen ist tief eingedrückt: «Jan wenn Du nicht rauskommst...», ist mit Filzstift daraufgekritzelt. Die Wohnungstür von Jan O. ist mit einem amtlichen Siegel der Kriminalpolizei Northeim verschlossen. Die Nachbarn beschreiben O. als «einen ruhigen Jungen, bei dem man nie an Gewalttätigkeit gedacht hat». Einen Beruf hat Jan O. offenbar nie gelernt. Nach seiner Schulzeit war er immer wieder arbeitslos. Im Oktober 2007 wurde er vom Landgericht Lüneburg zu zwei Jahren und neun Monaten Haft wegen zahlreicher schwerer Diebstähle verurteilt. Der Vater von Jan O. reagiert erschüttert auf die mutmassliche Täterschaft seines Sohnes. Er habe in der Vergangenheit alles versucht, sei aber mit seinem Sohn «nicht fertig geworden». Die Staatsanwaltschaft Göttingen hatte am späten Abend des 23. November den Haftbefehl gegen den 26-Jährigen beantragt, weil sich belastende Beweise gegen den Festgenommenen ergeben hatten. Fast zur gleichen Zeit fand in Bodenfelde ein Trauergottesdienst für die 14-jährige Nina und den 13-jährigen Tobias statt. Die Bilder von Nina und Tobias, auf denen beide sehr kindlich wirken, stehen auf dem abgedeckten Taufbecken der Kirche. Einige Trauergäste stellten Kerzen vor die Bilder. Inzwischen wird bekannt, dass der mutmassliche Täter aus der Region stammt und arbeitslos ist. Jan O. wurde am Morgen des 23. November in der Nähe des Bahnhofs Bodenfelde festgenommen. Laut Medienberichten soll der Tatverdächtige zuletzt in einer Drogeneinrichtung untergebracht gewesen sein. Besonders brisant: Die 14-jährige Nina soll zuletzt bei dem mutmasslichen Täter gewohnt haben. Medien hatten berichtet, dass der Tatverdächtige sich an der Hand verletzt habe. Die Polizei klärt die Alibis des Verdächtigen. Es müssten be- und entlastende Momente mit Blick auf den Tatverdächtigen gefunden werden, sagte der Sprecher. In der norddeutschen Stadt waren am 21. November die Leichen zweier Jugendlicher gefunden worden: Bei den Toten handelt es sich um Tobias L., einen 13 Jahre alten Jungen, und Nina B., ein Mädchen im Alter von 14 Jahren. Erste Obduktionsergebnisse ergaben, dass es sich bei der Tat nicht um ein Sexualdelikt handelt. Beide Kinder wurden durch «Erwürgen und Erstechen» umgebracht. Indizien hatten zunächst auf ein Sexualdelikt hingedeutet. Unter anderem waren die Leichen der Jugendlichen nicht vollständig bekleidet gewesen. Nina B. war schon seit dem 15. November 2010 verschwunden. Sie hatte ihr Elternhaus nach einem Streit mit ihrer Mutter verlassen, am Tag darauf wurde sie als vermisst gemeldet. Das Mädchen war demnach im Lauf der Woche mehrfach von Zeugen «wohlbehalten» in Bodenfelde gesehen worden, zuletzt am Nachmittag vor dem Leichenfund. Nina sei nur leicht bekleidet gewesen und habe kein Bargeld bei sich gehabt, sie müsse also «irgendwo übernachtet haben», vermuten die Ermittler. Die 14-Jährige war in der Vergangenheit bereits mehrfach von zu Hause ausgerissen, kehrte aber meist noch am selben Tag zurück. Tobias L. war am 20. November nicht nach Hause gekommen. In der Nacht zum Sonntag wurde er als vermisst gemeldet. Er wurde zuletzt am Abend vor dem Leichefund von Zeugen gesehen, als er einen Freund auf Inlineskates zum Bahnhof in Bodenfelde brachte. Danach verlor sich seine Spur. Seine Leiche wurde von seiner Mutter am Mühlengraben in einem etwas abgelegenen Waldstück gefunden, wenige Meter davon entfernt wurde dann auch Ninas Leiche entdeckt. Einen Medienbericht, wonach die 14 Jahre alte Nina erstochen und der 13-jährige Tobias erschlagen wurde, wollte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft nicht bestätigen. Ermittler waren sofort nach dem Fund der Leichen dabei, Spuren zu sichern. Die Polizei richtete unverzüglich eine 23-köpfige Mordkommission ein. Beide Jugendliche besuchten die Heinrich-Roth-Gesamtschule in Bodenfelde, standen nach bisherigen Ermittlungen aber in keiner Verbindung. Vor der Heinrich-Roth-Gesamtschule, die die beiden Opfer besuchten und an der rund 500 Schüler lernen, standen am Morgen nach dem Leichenfund Polizeibeamte und ein Streifenwagen.

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Bodenfeldes Bürgermeister Hartmut Koch erhebt schwere Vorwürfe gegen die zuständige Staatsanwaltschaft. «Wenn vor drei Wochen Jan O. festgesetzt worden wäre, würden beide Kinder noch leben», sagte Koch am Samstag in der NDR-Fernsehsehsendung «Hallo Niedersachsen». Nun geht er einen Schritt weiter und fordert eine Überprüfung der Entscheidungen der Bewährungsaufsicht. «Wir wollen vernünftig und in aller Ruhe geprüft wissen, warum die Bewährung des 26-Jährigen nach dessen erneuten Straftaten nicht sofort beendet wurde», sagte Koch am Montag auf dapd-Anfrage. Die Staatsanwaltschaft Lüneburg wies die Vorwürfe zurück. Die Voraussetzungen für einen Sicherungshaftbefehl bis zum Widerruf der Bewährung hätten nicht vorgelegen.

Bei den Taten des 26-Jährigen in der Bewährungszeit habe es sich um Diebstähle, Fahren ohne Fahrerlaubnis und fahrlässige Brandstiftung gehandelt. Er habe Kontakt zu seiner Bewährungshelferin gehalten und sich erneut in eine Entgiftung begeben wollen. «Es gab keine Anzeichen dafür, dass der Verurteilte schwerwiegende Gewaltdelikte begehen könnte», betonte Staatsanwältin Angelika Klee.

Staatsanwaltschaft sah keine Fluchtgefahr

Auch die Staatsanwaltschaft Göttingen prüfte Anfang November eine Verhaftung von Jan O. Nach der Festnahme des 26-Jährigen wegen fahrlässiger Brandstiftung sei mit dem Haftrichter erörtert worden, ob Untersuchungshaft angeordnet werden sollte, berichtete Oberstaatsanwalt Hans Hugo Heimgärtner. Richter und Staatsanwaltschaft hätten aber keine Fluchtgefahr gesehen. «Dass jemand, der Laubeneinbrüche begeht, zum Mörder wird, konnte niemand voraussehen», sagte er.

Jan 0. war 2007 wegen einer Einbruchsserie zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden. Nach seiner Haftentlassung war er knapp zwei Wochen vor den Morden in Bodenfelde wegen fahrlässiger Brandstiftung festgenommen, aber kurz danach wieder freigelassen worden. Am Montag, 15. November, tötete er die 14-jährige Nina und am Samstag, 20. November, den 13-jährigen Tobias.

Die Einwohner von Bodenfelde erwarteten eine Antwort auf die Frage, warum die Bewährung nach der Brandstiftung nicht sofort widerrufen worden sei, betonte der parteilose Bürgermeister. «Wenn er sofort festgesetzt worden wäre, hätte er die weiteren Taten nicht begehen können.» Zuständig für die Bewährung von Jan O. seien die Strafvollstreckungskammer beim Landgericht Stade und die Staatsanwaltschaft Lüneburg. Die Polizei habe nach der Festnahme des 26-Jährigen Anfang November ein Gefährdungspotenzial gesehen, ihn aber nicht lange festhalten können.

Zweifel am Motiv Mordlust

Die Göttinger Staatsanwaltschaft ist mittlerweile nicht mehr davon überzeugt, dass Jan O. aus Mordlust tötete. «Mithilfe der Aussage des Beschuldigten überprüft die Staatsanwaltschaft, ob das Merkmal Mordlust noch gegeben ist», sagte Heimgärtner. Unter Umständen müsse der Haftbefehl gegen den 26-Jährigen geändert werden.

Bei dem Verbrechen an dem Jungen komme das Mordmotiv «Verdeckung einer Straftat», also der vorangegangenen Tötung des Mädchens, in Betracht, sagte der Oberstaatsanwalt. Jan O. habe in seinem Geständnis ausgesagt, er habe sich in der Nähe der Leiche des Mädchen durch den Jungen entdeckt gefühlt und ihn dann ebenfalls getötet. Bei der Gewalttat gegen das Mädchen könne es sich eventuell auch um Totschlag handeln. Der 26-Jährige habe sich dem Mädchen zwar aus sexuellen Motiven genähert, Anzeichen für eine versuchte Vergewaltigung gebe es aber nicht, sagte Heimgärtner. Jan O. hatte am Freitag ausgesagt, er habe die 14-Jährige getötet, um sie am Schreien zu hindern.

(ap)