Drogenbaron vor Gericht

04. Dezember 2018 21:46; Akt: 04.12.2018 21:46 Print

«El Chapo» verlor 60'000 Kilo Kokain im Meer

Willkürliche Hinrichtungen, Millionen an Schmiergeldern: Beim Prozess gegen «El Chapo» Guzmán geben Zeugen erschütternde Einblicke in den Alltag des Drogenbarons.

Bildstrecke im Grossformat »
Joaquín Guzmán alias «El Chapo» (2. v. r.) muss sich seit dem 13. November in den USA unter anderem wegen Drogenschmuggels, Waffenhandels und Geldwäscherei verantworten. Ein Zeuge sagte vor Gericht aus, er habe Kokain in gefälschte Jalapeño-Dosen der Marke La Comadre einpacken lassen und bis zu 3000 Dosen pro Fahrt mit LKWs nach Los Angeles gebracht. Seinen Schätzungen zufolge kamen pro Jahr ungefähr 25 bis 30 Tonnen Kokain im Wert von bis zu 500 Millionen Dollar über die Grenze. Weiter berichteten Zeugen von Drogenschmuggel via Tunnels, die von der Stadt Tijuana in Mexiko nach Kalifornien führten. «El Chapo» habe seine drei Privatjets einmal im Monat nach Tijuana fliegen lassen, um den Ertrag aus dem Drogenverkauf abholen zu lassen. Jede Maschine habe rund zehn Millionen Dollar nach Sinaloa gebracht. Kronzeuge Juan Carlos Ramírez Abadia alias «Chupeta» schilderte am 29. November 2018, wie «El Chapo» die Behörden in Mexiko und den USA schmierte, «damit sie nicht ihre Arbeit machten». Im Lauf der Jahre soll der Kolumbianer über 400 Tonnen der Droge mit Hilfe von «El Chapo» nach Mexiko geschmuggelt haben. Ein weiterer Zeuge, Jesús Zambada García, sagte, «El Chapo» habe hin und wieder auch selber seine diamantenbesetzte Pistole mit seinen Initialen «JGL» in die Hand genommen, um Feinde zu töten. Bei den Verhandlungen wurde auch berichtet, dass das Sinaloa-Kartell pro Monat zehn bis zwölf Millionen Dollar pro Monat an Bestechungsgeldern für Polizisten, Politikern, Bankiers und Geschäftsleuten ausbezahlt habe. Zeuge Jesús Zambada erzählte, wie Guzmán ihm einmal auftrug, einen mexikanischen General mit 100'000 Dollar und einem freundlichen Schulterklopfen zu grüssen. Laut Anklage soll das mexikanische Sinaloa-Kartell unter der Führung von Joaquín Guzmán von 1989 bis 2014 unter anderem insgesamt 154'626 Kilogramm Kokain in die USA geschmuggelt haben. Eine Woche vor Prozessbeginn wurde ein Geschworenenkandidat von der Liste gestrichen – der Mann wollte ein Autogramm von «El Chapo». Die Ehefrau von Drogenbaron Joaquín Guzmán äusserte sich am 17. April 2018 zum Gesundheitszustand ihres Mannes. «Seit 15 Monaten darf ich ihn nicht sehen. Ich mache mir Sorgen um seine Gesundheit, weil ich weiss, dass er psychisch angeschlagen ist», sagte die ehemalige Schönheitskönigin in New York. Joaquín Guzmán leide an Gedächtnisschwund und Depressionen, sagt auch sein Anwalt. Dies aufgrund seiner Isolationshaft in einem Hochsicherheitsgefängnis in Manhattan (Bild: «El Chapo» bei seiner Auslieferung an die USA im Januar 2017). Daher forderte er eine psychologische Untersuchung seines Mandanten. Die Staatsanwaltschaft lehnte aber einen persönlichen Arztbesuch aus Sicherheitsgründen ab. (Bild: «El Chapo» bei seiner Auslieferung an die USA im Januar 2017) Er war der mächtigste Drogenboss der Welt: «El Chapo» wird in Mexiko-Stadt von mexikanischen Soldaten eskortiert. (8. Januar 2016) In diesem Flugzeug der mexikanischen Luftwaffe wurde Guzmán in die USA geflogen. (19. Januar 2017) Soldaten überwachten den Transfer am Flughafen von Ciudad Juárez. Chapo Guzmán im Hochsicherheitsgefängnis von Ciudad Juárez. Bei Guzmáns Verhaftung stürmt ein Kommando der mexikanischen Armee eine Wohnung in der Stadt Los Mochis, Sinaloa. (AP) Wieder hinter Gittern: Chapo Guzmán im Hochsicherheitsgefängnis Altiplano. (AP) Vor seiner Verhaftung hatte sich der Drogenboss auf eine Liebelei mit der in den USA lebenden mexikanischen Schauspielerin Kate del Castillo eingelassen. Die Nachrichten, die er mit ihr austauschte, sollen die Ermittler auf seine Spur gebracht haben. (AP/ Matt Sayles) Chapo Guzmáns Heimatort: Badiraguato im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa. (AP/Fernando Brito) Für einen Teil der mexikanischen Bevölkerung ist Chapo Guzmán ein Held – und allemal besser als die korrupte Kaste der Politiker. (AP/Rebecca Blackwell) Blick in den Fluchttunnel, durch den «El Chapo» 2015 aus dem Gefängnis ausgebrochen ist. Mexikos Generalstaatsanwältin Arely Gómez González (2.v.r.) schaute sich am Tag nach der Flucht den Eingang zum Fluchttunnel an.

Zum Thema
Fehler gesehen?

In New York findet derzeit der Prozess gegen den mexikanischen Drogenboss Joaquín Guzmán alias «El Chapo» statt. Der 61-Jährige muss sich unter anderem wegen Drogenschmuggels, Waffenhandels und Geldwäscherei vor Gericht verantworten.

Drogen-Tests
Koksende Schmuggler

Am Montag sagte zum zweiten Mal der Kolumbianer Juan Carlos Ramírez alias «Chupeta» aus, wie die «New York Post» berichtet. Der ehemalige Boss des Kartells Norte del Valle erzählte, wie einmal 20'000 Kilo Kokain im Meer landeten. «Der Kapitän des Schiffes hatte begonnen, die Ware zu testen. Plötzlich fing er an, Gespenster und Küstenwache-Patrouillen zu sehen, also versenkte er sein Schiff.» Taucher fanden die Drogen ein Jahr später.

Das war laut «Chupeta» nicht das einzige Mal, dass eine Ladung Schmuggelware im Ozean landete. Einmal sei ein Schiff in einen Hurrikan geraten. Dabei wurden 40'000 Kilo Kokain im Wert von 42 Millionen Dollar versenkt. «Alles war weg, die Drogen, das Schiff, die gesamte Crew.»

Schweigegelder
Horrende Summen

In seiner ersten Aussage letzten Donnerstag hatte «Chupeta» geschildert, wie «El Chapo» die Behörden in Mexiko und den USA schmierte, «damit sie nicht ihre Arbeit machten». Zwischen 1990 und 2007 soll «Chupeta» über 400 Tonnen der Droge mit «Chapos» Hilfe nach Mexiko geschmuggelt haben. Dabei hätten von Guzmán bestochene Polizisten den kolumbianischen Drogenschmugglern sogar geholfen, die Ware aus den Fliegern zu laden.

Ein ähnliches Bild von Korruption hatte vor rund zwei Wochen Jesús Zambada García, ein ehemaliger hochrangiger Mitarbeiter von Guzmán, gegeben. Das Sinaloa-Kartell habe pro Monat zehn bis zwölf Millionen Dollar an Bestechungsgeldern für Polizisten, Politiker, Bankiers und Geschäftsleuten ausbezahlt, sagte Zambada vor Gericht.

3000 Morde
Hinrichtungen à gogo

«El Chapo» habe immer wieder Menschen wegen Nichtigkeiten töten lassen, sagten mehrere Zeugen aus. Zambada schilderte, wie «El Chapo» einen früheren Geschäftspartner erschiessen liess, weil er ihm nicht die Hand reichen wollte.

Insgesamt soll der Drogenbaron für bis zu 3000 Morde verantwortlich sein. Hin und wieder habe der kleinwüchsige Mexikaner auch selber seine diamantenbesetzte Pistole mit den Initialen «JGL» in die Hand genommen, um Feinde zu töten, so Kronzeuge Zambada.

Schmuggel
Kokain in Jalapeño-Dosen

Das Sinaloa-Kartell schmuggelte Kokain nicht nur per Luft- oder Seefracht in die USA: Ein ehemaliger Kartellmitarbeiter sagte vor Gericht aus, er habe in einem Warenhaus in Mexiko Kokain in gefälschte Jalapeño-Dosen einpacken lassen. LKWs hätten dann bis zu 3000 Dosen pro Fahrt nach Los Angeles gebracht.

Seinen Schätzungen zufolge kamen pro Jahr ungefähr 25 bis 30 Tonnen Kokain im Wert von bis zu 500 Millionen Dollar über die Grenze.

Geldstapel
Wohin damit?

Laut dem Kartellmitarbeiter liess «El Chapo» den Ertrag aus dem Drogenverkauf mit drei seiner Privatjets einmal im Monat in Tijuana abholen. In jedem Flugzeug seien zehn Millionen Dollar nach Sinaloa transportiert worden.

Sein Chef habe das Geld teilweise in Lagerhäusern aufbewahrt, «weil er nicht wusste, was er mit so viel Barem anfangen sollte», so der Zeuge. Manchmal sei «El Chapo» ins Casino nach Macao geflogen, ab und zu reiste er in die Schweiz, um sich in einer Klinik Verjüngungszellen spritzen zu lassen.

Bis zu einem Urteil kann es noch mehrere Monate dauern. Bei einer Verurteilung droht «El Chapo» eine lebenslange Haftstrafe.

(kle)