Mafia in Italien

21. November 2015 19:48; Akt: 21.11.2015 19:48 Print

Da werden mehr als Tischdecken gewaschen

von F. D'Emilio, AP - Die Mafia reisst sich immer mehr gut laufende Restaurants in Rom unter den Nagel. Ein gastronomisches Interesse? Von wegen.

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Gianfranco Romeo ist empört. Er, ein Strohmann, der der Mafia bei Geldwäschegeschäften in römischen Restaurants dienlich gewesen sein soll? Keineswegs. «Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für die Arbeit im Restaurant», betont er. «Ich fing einst als Tellerwäscher an.»

Romeo steht im Zusammenhang mit einem sich ausweitenden Geldwäsche-Skandal im Visier der römischen Ermittler. Er soll als Besitzer eines beliebten Restaurants aufgetreten sein, das die Mafia zur Wäsche von Kokain-Profiten genutzt haben soll. Die Gangster werden verdächtigt, systematisch immer mehr Touristen-Restaurants in der italienischen Hauptstadt für ihre Geschäfte aufzukaufen.

Romeo sieht sich als Opfer

Er könne es kaum erwarten, vor Gericht gestellt zu werden, um sich zu verteidigen, sagt Romeo. Er werde die Staatsanwaltschaft fragen, wie sie ihn als Strohmann bezeichnen könne, wo er doch mit seinem eigenen Geld bezahlt habe. Er und andere Investoren seien nur zur Zielscheibe der Ermittler geworden, weil sie aus Kalabrien stammten, beschwert er sich. Dort, in der südlichsten Region des italienischen Festlandes, hat die 'Ndrangheta, die zu den mächtigsten Mafia-Organisationen der Welt zählt, ihren Ursprung.

Indem die Behörden Restaurants von hart arbeitenden Leuten wie ihm beschlagnahmten, stellten sie alle Kalabrier in Rom unter Generalverdacht, protestiert Romeo. Allein an der von Touristen überfluteten Via dei Pastini waren in diesem Jahr drei Trattorien im Zusammenhang mit den Geldwäsche-Ermittlungen Ziel von Razzien. Die 'Ndrangheta sei sehr auf den Besitz solcher Geschäfte aus, um Milliarden aus dem Rauschgifthandel reinzuwaschen, erklären die Behörden. Auch die aus Neapel stammende Camorra verfolge an anderer Stelle in Rom eine ähnliche Strategie.

Da werden mehr als nur Tischdecken und Laken gewaschen

Die von den Ermittlungen betroffenen Cafés und Restaurants haben weiter geöffnet. Kellner tragen Pizza und Wein auf, während die Fahnder Steuerakten und Eigentumsurkunden durchforsten. Auch Touristenhotels stehen auf der Liste, in denen mehr als nur schmutzige Bettlaken gewaschen worden sein sollen. In einem Fall haben die Ermittler den Verdacht, dass ein zum Hotel umgebautes Kloster rechtzeitig zum Heiligen Jahr 2000 von der 'Ndrangheta gekauft wurde.

Gianfranco Romeo wurde nach eigenen Worten eines Morgens von der Polizeirazzia geweckt. Zwei Tage später wurden die Pforten der Restaurants wieder geöffnet, die Touristen kamen zurück. Nur die wenigsten wissen etwas von dem Verdacht. Lediglich die Parlamentarier blieben aus, beklagt Romeo. «Sie sagen, dass sie jetzt nicht mehr kommen können.»

Gastro-Verband ist besorgt

Staatsanwalt Michele Prestipino beschreibt den Einsatz seiner Leute unterdessen als Sisyphusarbeit: «Wir können zehn Geschäfte am Tag beschlagnahmen. Und sie können zehn weitere am Tag kaufen.» In Rom fänden die Mafiosi gute Bedingungen. «Es ist ein Ort, an dem auch auffälliger Reichtum sich mit anderem Reichtum vermischt», sagt er.

Auch in Restaurants und Hotels in Mailand, Turin und anderen Städten Norditaliens breite die 'Ndrangheta sich aus. Die Lobby-Organisation der römischen Gastronomie FIPE zeigt sich alarmiert und fürchtet, abgedrängt zu werden. Im Gegensatz zu den ehrlichen Betreibern hätten die Gangster unerschöpfliche Geldquellen, um die Wirtshäuser zu gut gehenden Goldgruben zu machen, beklagt FIPE-Präsident Fabio Spada.

Sie verteidigen sich gegenseitig

Ins Visier der Fahnder geriet auch der aus Kalabrien stammende Geschäftsmann Salvatore Lania. Bei ihm erregten abgefangene Telefonate den Verdacht, dass er in Kontakt mit Mitgliedern der 'Ndrangheta stand. Als die Behörden dann seine Daten überprüften, stiessen sie nach Angaben des zuständigen Ermittlers Renato Chicoli auf eine Steuererklärung «mit fast nichts». Sie hätten sich natürlich gefragt, wie so jemand offenbar Restaurants in teurer Lage kaufen konnte.

Romeo verteidigt Lania als wahren Gastronom, der hart und ausdauernd arbeite. «Er kann in zwei Stunden 200 Pizzas backen», beteuert er.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ikiarbeitiaufbaustell am 21.11.2015 20:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    und hier???

    nicht weit von meinem jetzigen Wohnort hat eine Dönerbude "sein Geschäft" .Nicht gerade rentabel da sehr schlechte Lage und trotzdem recht modern eingerichtet. Alle Jahre wieder ein neues Auto...und das mit ein paar Fallaffeln und Döner?

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  • Koli am 21.11.2015 22:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch hier

    Nicht nur in Rom und nicht nur die Italiener.

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  • N.D. am 22.11.2015 00:37 Report Diesen Beitrag melden

    Seltsame Buden

    Das gleiche gilt für das Solarium in der Nähe wo ich wohne, wo ich nie Kunden sehe und den seltsamen Kiosk im Dorf, der von Ibrahim betrieben wird und jenstens Plunder verkauft, den niemand kauft.

Die neusten Leser-Kommentare

  • BrunoR am 22.11.2015 19:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tabuthema

    wäre schön würde 20Minuten dieses Thema betreffend CH aufnehmen! Bin mir sicher, es würde sehr interessant werden was die Leser dazu meinen! Für mich ist das ein Tabuthema das sich viele bewusst sind...

    • Maria Castell am 22.11.2015 20:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Stimmt

      Lest unbedingt das bereits schon 4 Jahre alte Krimibuch von "Dani von Wattenwyl" mit dem Titel die "Patriotenlüge": unheimlich spannend, vorausschauend und topaktuelles Geschehen der Geldwäscher hier in der Schweiz, wo Pro-Forma-Gaststätten betrieben werden! In diesem Buch kommt sogar meine Sippe nicht gut weg; aber es stimmt alles, nur die Namen wurden geändert. Aber nicht nur die Italiener, auch andere Nationalitäten waschen sich sauber...

    • Tomtom am 22.11.2015 21:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Hitman

      Da kann ich nur beipflichten. In Biberist hat vor ca. 4 Jahren ein Dönerrestaurant aufgemacht. Habe den Fehler gemacht und ging kurz nach der Eröffnung hin um einen Döner zu essen - war ungeniessbar. War auch ein wenig verwundert, dass ich der einzige Gast war (vor dem Döner, danach nicht mehr). Seither bin ich x-mal an dem "Restaurant" vorbeigefahren - nie ein Kunde drin. Das Restaurant war bis vor kurzem noch in Betrieb - wovon die wohl die 3-4 Jahre gelebt haben ?

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  • Mao Xingping am 22.11.2015 18:50 Report Diesen Beitrag melden

    Und vergesst die ...

    ... chinesischen Restaurants nicht. In jedem "Chrache" ist eins zu finden ... meistens leer. Wer isst den heute noch Chinesisch? Da befinden sich höchstwahrscheinlich irgendwelche illegalen Fabriken im Keller ... oder sie dienen als Eingangsschleuse für chinesische Migranten.

  • An Wohner am 22.11.2015 18:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch bei uns

    Da braucht man gar nicht soweit zu gehen,in meiner Nachbarsgemeinde wurde ein Restaurant zur Pizzeria umgebaut...nur teilweise nach Wunsch offen aber Angestellte bis zum Abwinken.Die neusten Autos in der Garage.Kaum Gäste....wie geht das ?

  • Kosovare Balkani am 22.11.2015 12:20 Report Diesen Beitrag melden

    Unser Staat ist Blind

    Wenn unser Staat wüsste was hier in der Schweiz alles abläuft, müsster er tausende Spione anstellen. Rede aus Erfahrung aber aussagen kann ich nicht, sonst kann ich gleich dei EXIT kündigen, würde sich von selbst erledigen.

    • BrunoR am 22.11.2015 20:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kosovare Balkani

      genau aus diesem Grund funktionieren solche Systeme! Aus Angst hat keiner die Eier was zu sagen! Alles hat System...

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  • seppli am 22.11.2015 10:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wie es funktionieren kann..

    einen Teil des eingenommenen Geldes kann man dann direkt als Gewinn aus dem Geschäft ( Restaurant, Dönerbude) nehmen und einen Teil gibt man an den Lieferanten von Getränken, Brot und Fleisch weiter, welcher dann weniger liefert als er effektiv verrechnet. Wenn beide über Umwege der gleichen Organisation gehören, kann sie das Geld an mehreren Stellen wieder legal aus dem Geschäft nehmen.