Fluten auf Sizilien

05. November 2018 21:45; Akt: 06.11.2018 00:18 Print

«Wir warnen seit 40 Jahren vor dem Fluss»

Dass das Bauen am Flussufer des Milicia gefährlich sein kann, sagen Umweltschützer schon seit langem. Die Überflutung vom Wochenende mit neun Toten hat nun eine Debatte ausgelöst.

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In diesem Haus in der Nähe von Casteldaccia starben neun Personen. Unter den Toten sind auch drei Kinder. «Ich habe alles verloren. Mir bleibt nichts mehr, ausser meiner Tochter», sagte einer der Überlebenden, Guiseppe Giordano, vor Journalisten. Er verlor seine Frau, zwei seiner Kinder, seine Eltern und seine Geschwister bei dem Unglück. Auch Luca Rughoo verlor einen Sohn, seine Frau und seine Mutter in den Fluten. Auch Leichenwagen an der Unglücksstelle angekommen. Der Fluss Milica ging über die Ufer. Taucher fanden die Opfer in ihrem Haus. Es handelt sich um zwei Familien. Das Unwetter in Italien sorgte für Millionen von zerstörten Bäume. Die Bäume hatten der Windgeschwindigkeit von bis zu 180 Stundenkilometern nichts entgegen zu setzen. Ein Grossteil davon geht auf den Norden Italiens zurück. Der Lago di Vodo ist voller Bäume. Die Schlechtwetterfront mit Starkregen und Sturmböen lähmt seit Tagen weite Teile Italiens. Wegen der Unwetter wurden in der nordwestlichen Region Ligurien alle Häfen geschlossen. Ankommende Schiffe müssten vor der Küste auf ein Ende des Sturmes warten, teilte Regionalpräsident Giovanni Totti am Montagabend mit. In Venedig löste starker Scirocco-Wind im Zusammenspiel mit Hochwasser in der Lagune die als «Acqua Alta» bekannten Überschwemmungen aus. (29. Oktober 2018) Land unter in Venedig. Der Markusplatz stand 1,56 Meter tief unter Wasser, Restaurants und Bars wurden überflutet. Davide Natale (21) wurde Opfer des Sturms in Italien: In der Nähe von Neapel wurder er von einem Baum erschlagen. Er starb noch im Spital. In der Region Venetien wurden Überschwemmungen und Erdrutsche befürchtet. Schulen in der gesamten Region, in der auch Venedig liegt, blieben am Montag geschlossen. (29. Oktober 2018) In Venedig wurde am Nachmittag ein Hochwasser von 150 Zentimetern erwartet - so viel wie seit zehn Jahren nicht mehr. Schon am Sonntag war der Markusplatz überflutet, die Menschen bewegten sich - wie in solchen Situationen üblich - auf Holzstegen fort. Touristen haben es in Venedig zurzeit nicht leicht. In Norditalien nahe Udine kam es nach Starkregen zu Überflutungen. Auch Rom wurde vom Unwetter getroffen. Der Sturm entwurzelte zahlreiche Bäume. In Rom blieben Schulen und Kindergärten geschlossen, die Menschen sollten nach Möglichkeit zuhause bleiben. Auf der Insel Elba stürzte ein historischer Bergwerks-Steg im Meer ein. (28. Oktober) Im Südtirol ging am vergangenen Sonntag eine Mure auf die Brenner-Autobahn nieder. (28. Oktober 2018) Die wichtige Verkehrsachse zwischen Österreich und Italien musste zwischen Brenner und Sterzing gesperrt werden, wie der Betreiber mitteilte. Ein Orkan hatte im österreichischen Kärnten als Vorbote erwarteter Überflutungen Dächer abgedeckt und rund 1400 Haushalte von der Energieversorgung abgeschnitten. Heftige Unwetter haben auch weite Teile Italiens getroffen: Eine Strasse in Davagna, Genua. Mehrere Menschen kamen dabei ums Leben.

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Das Unglückshaus in Casteldaccia auf Sizilien war ohne Genehmigung viel zu nah an einem Flussufer erbaut worden – die vorgeschriebene Distanz von 150 Metern war nicht eingehalten worden –, und hätte längst abgerissen werden müssen, sagte der Bürgermeister des Ortes, Giovanni Di Giacinto, am Montag. Die behördliche Abrissanordnung von 2008 sei aber einfach ignoriert worden. «Nicht nur hat er nichts unternommen, er hat sogar noch näher am Ufer weiter gebaut und den Abrissbefehl immer wieder vor Gericht angefochten», so Di Giacinto gegenüber «Il Mattino».

Das überflutete, 40 Jahre alte Landhaus ist nicht die einzige fehlbare Konstruktion: In der Gegend befänden sich zahlreiche illegal errichteten Hütten und Häuser ohne die nötigen Schutzmauern aus Beton, sagt der Geologe Fabio Tortorici zu «La Sicilia».

In der Nacht zu Sonntag war der Wasserstand in dem Fluss Milicia nach starken Regenfällen sprunghaft gestiegen. Das Landhaus am Ufer wurde überflutet, neun Angehörige einer Familie – vom Baby bis zur Grossmutter – kamen ums Leben.

Casteldaccias ehemaliger Bürgermeister Fabio Spatafora beklagte sich über das weit verbreitete Problem des Bauens ohne Baugenehmigung. Seine Verwaltung habe wenig Handlungsspielraum, wenn die Besitzer die Aufforderungen zum Abriss ignorierten: «In diesem Fall muss die Stadt das Anwesen kaufen oder es selbst abreissen lassen», sagte er. «Oft hat sie dafür aber nicht das Geld – so wie Casteldaccia.»

Jedes fünfte Haus wird ohne Baugenehmigung gebaut

Nach Angaben der nationalen Statistikbehörde Istat wird in Italien etwa jedes fünfte neue Gebäude ohne Baugenehmigung errichtet. Die regionalen Unterschiede sind gross: In Norditalien entstehen nur 6,7 Prozent der neuen Gebäude illegal, in Mittelitalien sind es 19 Prozent und in Süditalien 47 Prozent. Spitzenreiter ist die Region Kampanien, wo 64 Prozent aller neuen Gebäude illegal errichtet werden.

Wenn ein solches Gebäude erst einmal errichtet ist, bleibt es normalerweise auch stehen: Zwischen 2004 und 2018 wurden Anordnungen zum Abriss von 16'500 Gebäuden erteilt. Lediglich 496 wurden tatsächlich abgerissen.

«Wir warnen seit 40 Jahren vor dem Bauen an Flussufern»

Umweltschützer nahmen die Tragödie von Casteldaccia zum Anlass für scharfe Kritik. «Wir warnen seit 40 Jahren vor dem Bauen an Flussufern», sagte der Vorsitzende des Umweltverbands Legambiente, Stefano Ciagani. «Aber in Italien kann man immer mit einer Amnestie rechnen», beklagte er. «Nach jeder Tragödie sehen wir wieder die Krokodilstränen all jener, die das Problem des illegalen Bauens sonst ignorieren.»

Italiens Vizeministerpräsident Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung kritisierte die Mitte-links- und Rechtsparteien, die in den vergangenen 20 Jahren in Sizilien regiert haben. Nach der Katastrophe vom Wochenende hätten diese Parteien «nun plötzlich erkannt, dass es dort illegales Bauen gibt», erklärte Di Maio. Dies sei «lachhaft». Dem Politiker wird allerdings selbst vorgeworfen, sich auf der Insel Ischia für eine Amnestie für illegal errichtete Gebäude eingesetzt zu haben.

Auch die Wälder sind jetzt ein Thema

Nachdem im Nordosten Italiens starke Winde über 14 Millionen Bäume wie Streichhölzer umgeknickten, nehmen die italienischen Behörden nun auch das Thema Waldbepflanzung ins Visier. «Tausende Hektar Wald wurden dem Erdboden gleichgemacht, wie mit einer gigantischen Kettensäge», sagte der Gouverneur der Region, Luca Zaia. Das Aufräumen alleine werde etwa zwei Jahre dauern.

Die Wälder der Hochebene l'Altopiano di Asiago bestehen ausschiesslich aus Fichten – «und das ist ein Problem», wie Marco Borghetti, Professor für Waldökologie, gegenüber «Corriere della Sera» erklärt. Die Fichten seien nach dem Ersten Weltkrieg, zwischen 1919 und 1922, angepflanzt worden, berichtet der Schriftsteller Mario Rigoni Stern in einem seiner Werke. Auch er musste allerdings Jahre später zugeben, dass es «ein Fehler war, reine Fichtenwälder zu pflanzen», da Monokulturen viel allfälliger seien, von Parasiten und Pilzkrankheiten befallen zu werden.

«Hätte es in der Vergangenheit eine zukunftsorientierte Vision für die Bewirtschaftung der Waldressourcen gegeben, wären unsere Wälder heute vielleicht widerstandsfähiger gegen klimatische Störungen», meint Maria Cristina Brunori von der italienischen Organisation zur Sicherstellung einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung (PEFC) gegenüber NatGeo.

Piermaria Corona, Direktor vom Waldforschungszentrum Crea, ist mit Brunoris Meinung nicht einverstanden. «Bei Windböen stärker als 150 Stundenkilometer werden die Bäume fallen. Unabhängig von der guten oder schlechten Pflege des Holzes.»

(kle)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Italiano am 06.11.2018 05:06 Report Diesen Beitrag melden

    Wie immer

    Alle Tage wieder. "Man" weiss es,macht nichts und ist im nachhinein entsetzt.Leider der übliche Verlauf in Italien.....

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  • Iceman422 am 06.11.2018 02:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bauen mit Regeln

    Um es klar zu sagen, es tut mir unendlich leid für die Betroffenen. Ich bin beruflich viel unterwegs in sehr vielen Ländern und verstehe sehr viel von Bauen, Statik etc. Und viele Schäden bei Naturereignissen überraschen kaum, wenn man sieht wie in sehr vielen Ländern elementare Grundsätze nicht beachtet werden. Da ist das zu nahe Bauen an einem Fluss noch eher harmlos. Aber wenn dann was passiert, ist der Aufschrei riesig. Es wird vom Versagen der Behörden geredet, aber davor alle Vorschriften etc nicht beachten und wissentlich dagegen verstossen ist ok. Man muss natürlich bereit sein die Konsequenzen zu tragen. Ich möchte mal schauen wenn der Vesuv wieder mal ausbricht, wie viel da zerstört wird. Man weiss es und baut trotzdem immer weiter in die Gefahrenzone. Statik interessiert in vielen Ländern auch nur bedingt, was bei mittleren Erdbeben schon schlimme Folgen hat, wo hingegen bei uns höchstens mal ein Risslein zu sehen ist.

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  • Paolino am 06.11.2018 01:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Leider nichts Neues

    Mir blutet bei diesen Bildern das Herz. Als Italiener muss ich mir gedemütigt eingestehen, dass Italien ein Drittweltland geworden ist. Es wird heute noch an den unmöglichsten Stellen gebaut. Dabei fehlt es an kompletten Abwassersystemen, und das ist teilweise sogar das kleinste Übel. Man muss am Fusse der Vulkane immer weiter nach oben bauen, obwohl dies eine tickende Zeitbombe ist. Häuser in Hochrisiko-Erdbebenzonen werden nicht auf Statik geprüft. Ganz zu schweigen von den Wartungen, siehe Brücke in Genua. 50% des Trinkwassers geht wegen defekten Leitungen verloren. Einfach nur traurig :(

Die neusten Leser-Kommentare

  • kurt werner am 06.11.2018 12:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    leid

    für die betroffenen sehr schlimm. aber man wusste genau, das da nicht gebaut werden durfte. wie heißt es so schön. wer noch hören will muss ..... der Mensch glaubt immer er wäre gescheitert als alle anderen.

    • leser am 06.11.2018 14:44 Report Diesen Beitrag melden

      @kurt werner

      solch eine haltung ist nur eines, traurig. es wird von einem 40 Jahre alten Landhaus gesprochen. Also haben es die darin umgekommenen Grosseltern gebaut, als sie jung waren, oder vielleicht nur von anderen gekauft. 40 Jahre lang gab es keine Katastrophe. Nun arrogant aus der Ferne zu sagen "wer nicht hören will, muss fühlen", ist pfui.

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  • EllEff am 06.11.2018 10:49 Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    Es ist schon lange bekannt, dass diese Schadenereignisse nicht auf einen allfälligen Klimawandel, sondern wie im Artikel beschrieben auf Missachtung von Vorschriften zurückzuführen sind. Leider schreien die meisten jetzt wieder 'Klimawandel' statt 'Korruption'.

    • Realist am 06.11.2018 15:30 Report Diesen Beitrag melden

      Ueberbevölkerung

      Es gibt auch immer mehr Menschen bei gleichbleibendem Platz. also müssen die Leute irgendwann da bauen wo man gnau weiss das man da nicht bauen sollte. In Italien war es wohl eher die schöne Lage als die Not aber bei vielen Katastrofen ist es zunehmend ein Problem der fehlenden Alternativen dank Ueberbevölkerung.

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  • kurt am 06.11.2018 08:59 Report Diesen Beitrag melden

    Unbelehrbare Menschheit

    Bevor sich jetzt alle über die "unbelehrbaren Italiener" aufregen - alle anderen ignorieren doch auch die Warnungen der Forscher bezüglich Erderwärmung und fahren weiter mit dem SUV zum einkaufen. Es ist nunmal so das der Mensch es einfach nicht lernt und immer sagt "Das ist doch weit weg und betrifft mich doch nicht". Tja, bis dann das Wasser im Keller steht oder ein Akkubrand eines Smartphones die ganze Bude abfackelt. Dann ist der Aufschrei und das Wehklagen gross. Aber dann heisst es ja noch "Wir sind ja versichert" und weiter gehts mit dem SUV zum einkaufen des neuen Smartphones.

    • EllEff am 06.11.2018 12:11 Report Diesen Beitrag melden

      im Prinzip 'ja', aber...

      die SUV von heute verbrauchen weniger Sprit als die verbleiten Vergaser-Kutschen von damals, mit denen wir alle nach Spreitenbach zum fröhlichen Holzmöbel-Shopping fuhren ;-)

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  • 20minleser am 06.11.2018 08:07 Report Diesen Beitrag melden

    @Michelle

    "Selber schuld. Wer nicht hören will, müssen fühlen." solche Aussagen sind einfach nur grausam. Wenn 40 Jahre nichts passiert, glaubt man nicht mehr an Gefahren, erst recht nicht an Katastrophen. Im Gegenteil, behördliche Verbote werden als Engstirnigkeit abgetan. Im Nachhinein gibt es dann immer die Besserwisser. Solche, die sich anderorts auch nicht immer an die Vorgaben halten.

  • Bes am 06.11.2018 07:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur keine Steuern bezahlen!!

    Traurig was passiert ist, aber die Italiener müssen sich bewusst sein ., sovieles wird illegal schwarz am Steuerfiskus vorbei gebaut, so kann die Wirtschaft nie Fuss fassen , man möchte gute Infrastrukturen aber keine Steuern bezahlen. Wenn einer kommt und dem Volk Steuersenkung verspricht , so hat er schon gewonnen, den Fünfer und sWeggli kann man nicht haben.

    • Guio am 06.11.2018 12:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Bes

      Doch, denn genau das foiferli und weggli haben Salvini nit der Lega und Di Maio mit 5-Komiker Bewegung versprochen.

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