Schlauer Trick

27. November 2018 07:48; Akt: 27.11.2018 07:48 Print

Dauer-Gottesdienst, damit sie nicht deportiert werden

Seit 30 Tagen hält eine Kirche in Den Haag einen Gottesdienst ab. Mit diesem Trick will sie vermeiden, dass eine armenische Flüchtlingsfamilie abgeschoben wird.

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Vor einem Monat hat in einer Kirche in Den Haag ein Gottesdienst-Marathon begonnen. 24 Stunden pro Tag wird in der protestantischen Kirche Bethel gepredigt. Die Veranstalter wollen damit die Deportation einer armenischen Familie verhindern, die seit dem 26. Oktober im Kirchenhaus lebt – nach niederländischem Gesetz ist es Beamten des Immigrations- und Einbürgerungsdienstes nämlich nicht erlaubt, einen laufenden Gottesdienst zu stören.

Sasun und Anoushe Tamrazyan flohen 2010 mit ihren Töchtern Warduhi (19) und Hayarpi (21) und ihrem Sohn Seyraner (15) aus Armenien in die Niederlande. Vater Sasun hatte während seiner politischen Aktivität bei der Regierungsopposition in seiner Heimat Morddrohungen erhalten. In den Niederlanden beantragten die Tamrazyans Asyl, vor einigen Wochen erfuhren sie, dass das zunächst gewährte Asyl von der Regierung wieder aberkannt wurde und dass sie definitiv abgeschoben werden. In ihrer Verzweiflung suchten die strenggläubigen Christen Zuflucht in der Kirche.

Sie werden verhaftet, sobald sie die Kirche verlassen

Rund 400 Pastoren halten nun abwechslungsweise den Gottesdienst am Laufen. Mittlerweile kommen Menschen aus dem ganzen Land, um die Aktion zu unterstützen. «Während der Nacht nehmen manchmal nur zwei Personen am Gottesdienst teil, am Sonntag kommen bis zu hundert», erzählt Theo Hettema (53), Vorsitzender des Allgemeinen Kirchenrats der evangelischen Kirche in Den Haag, zu 20 Minuten.

«Als wir damit anfingen, wussten wir, dass es ein langfristiger Gottesdienst sein würde, dass wir hier wochenlang sitzen könnten, wenn nicht sogar Monate», sagt er. Doch Aufhören steht nicht auf dem Plan. «Sobald die Familie einen Fuss auf die Strasse setzt, riskiert sie, verhaftet zu werden.»

Begnadigungsgesuche werden kaum berücksichtigt

Die Karten für die Tamrazyans stehen schlecht: Die sogenannte «Begnadigung für Kinder», durch die Flüchtlingsfamilien mit Kindern, die seit mehr als fünf Jahren in den Niederlanden wohnen und integriert sind, eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, wurde ebenfalls abgelehnt.

Hettema sieht darin ein politisches Problem: «Viele Bürger sind der Meinung, dass die Begnadigung für Kinder mit mehr Menschlichkeit angewandt werden sollte. In der Praxis wird diese Regelung aber nur beschränkt wahrgenommen. Man könnte die Zurückhaltung in dieser Sache als das Bindeglied betrachten, das unsere gegenwärtige Regierungskoalition zusammenhält.»

(kle)