Drogenkrieg in Mexiko

12. Januar 2011 07:46; Akt: 12.01.2011 08:01 Print

Der «Kleine» mit der grossen Macht

Die mexikanische Polizei hat die enthaupteten Leichen von 15 Männern gefunden – beschriftet mit dem Namen des Drogenbarons Guzmán. Wer ist dieser Mann, den alle nur «El Chapo» nennen?

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Joaquín Archivaldo Guzmán Loera, alias «El Chapo» am 9. Juni 1993 bei seiner Verhaftung. (Bild: Keystone)

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Es war wieder ein blutiges Wochenende in Mexiko: Im beliebten Touristen-Ort Acapulco hat es in den vergangenen Tagen ungewöhnlich viele Mordfälle gegeben, die offenbar im Zusammenhang mit dem Drogenkrieg im Land stehen. In nur vier Tagen wurden in der Stadt 31 Menschen getötet. An einer Autobahn nach Acapulco wurde zudem am Montag die Leiche eines Mannes gefunden, dem mehrere Male in den Kopf geschossen worden war.

Besonders ungewöhnlich waren aber die 15 Leichen, die in der Nähe eines Einkaufszentrums gefunden wurden: Bei einer Leiche, die eine Schussverletzung aufwies, war der Kopf nicht vollständig abgetrennt worden. Die Köpfe der 14 übrigen Männer hatte man alle zusammen an einem anderen Ort gefunden. An ihnen hafteten Zettel, die mit dem Namen des ehemaligen Chefs des Drogenkartells Sinaloa, Joaquín «El Chapo» Guzmán, unterschrieben waren. Doch «El Chapo» ist seit zehn Jahren auf der Flucht.

Ein ambitionierter junger Mann

Mit vollem Namen heisst «El Chapo» Joaquín Archivaldo Guzmán Loera. Seine geringe Körpergrösse (1,68 Meter) brachte ihm den Übernamen «El Chapo», der Kleine, ein. Die kleine Statur ist allerdings umgekehrt proportional zu seiner Macht im weltweiten Drogenbusiness. Im November 2010 wurde er sogar vom US-Magazin Forbes zu einer der mächtigsten Personen auf der Welt gewählt; auf der Liste der Reichsten belegt er Platz 937, mit einem geschätzten Vermögen von einer Milliarde Dollar.

Seine rasante Karriere verdankt «El Chapo» Guzmán eigentlich seinem Onkel Pedro Avilés Perez. Die Familie Guzmán führte im ländlichen La Tuna eine kleine Viehranch. Die Familie lebte in armen Verhältnissen. Avilés Perez suchte Mitte der Siebzigerjahre nach Möglichkeiten, die Produkte der Ranch schneller vom Land in die Stadt zu transportieren. Dabei kam er auf die Idee, kleine Flugzeuge einzusetzen. Ohne es zu ahnen, war der Onkel dabei zu einer Schlüsselfigur in den Plänen des noch jungen Guzmán geworden. Jahre später sollte «El Chapo» der erste Drogenboss sein, der für den Transport von tonnenschweren Ladungen Kokain aus Kolumbien über Mexiko in die USA kleine Flieger benutzte.

Der Durchbruch kam mit der Verhaftung des Chefs

Der Durchbruch kam Ende der 1970er-Jahre: Guzmán brachte bereits regelmässig mit seinen Flugzeugen die Drogenladungen von Hector «El Güero» Luis Palma Salazar von der mexikanischen Sierra in die urbanen Regionen. «El Chapo» war damals ein knapp 20-jähriger, zielstrebiger Mann, der hoch hinaus wollte und nicht davor zurückschreckte, immer riskantere Aufträge auszuführen und immer grössere Regionen zu kontrollieren.

Salazar brachte ihn Anfang der 1980er-Jahre in Kontakt mit Miguel «El Padrino» Angel Felix Gallardo – und verhalf ihm damit zum grossen Durchbruch. «El Chapo» koordinierte nun den Drogenschmuggel nicht nur in der Region Guadalajara, sondern auch im Gebiet Sonora. Nachdem Felix Gallardo 1989 verhaftet worden war, übernahm Guzmán die gesamte Kontrolle: Er wurde zum Drogenboss des mächtigen Kartells Sinaloa.

Im Jahr 1998, fünf Jahre nach seiner Verhaftung, sah das Kartell Sinaloa mit dem Fall der Amezcua-Brüder die Möglichkeit, die «Produktpalette» auszuweiten: Es machte sich über das vielversprechende Geschäft mit den Amphetaminen her. Hatte der Boss bisher den Kolumbianern den Betrag für das Kokain ausbezahlen müssen, konnte er nun doppelt so viel verdienen, indem er einfach zu den Ladungen aus Südamerika Amphetamin aus eigener Produktion hinzufügte. «El Chapo» und sein treuer Freund Ignacio «Nacho» Coronel Villareal operieren nun in 17 von 31 mexikanischen Bundesstaaten und pflegen gute Geschäftsbeziehungen mit China, Thailand und Indien.

Für 2.5 Millionen Dollar ein freier Mann

Im Jahr 1993 wurde Joaquín Guzmán in Guatemala verhaftet. Nach seiner Auslieferung, wurde er in Mexiko zu 20 Jahren und 9 Monaten Haft verurteilt. Doch seine Macht ist gross und er bekam bald die Unterstützung der bestechlichen Wärter des Hochsicherheitsgefängnisses Puente Grande im Bundesstaat Jalisco. Am 19. Januar 2001 öffnete Wärter Francisco Camberos die elektronische Tür von «Chapos» Zelle. Camberos versteckte den Drogenbaron in einem Wäschetransporter und rollte ihn bis zum Ausgang. In seinem Auto fuhr er Guzmán bis zur nächsten Tankstelle und liess ihn laufen. Später sollten die Ermittlungen zeigen, dass insgesamt 72 Personen an der spektakulären Flucht beteiligt gewesen waren und dass «El Chapo» sich seine Freiheit rund 2,5 Millionen Dollar hatte kosten lassen.

Seit zehn Jahren ist «El Chapo» nun flüchtig und der zweitmeistgesuchte Kriminelle bei FBI und Interpol. Auf Informationen, die zu seiner Verhaftung führen, ist eine Belohnung von fünf Millionen US-Dollar ausgesetzt.