Unbändiger Überlebenswille

22. März 2011 07:14; Akt: 22.03.2011 09:28 Print

Der Chirurg, der sich selbst operierte

von Kian Ramezani - Vor 50 Jahren gelang einem jungen sowjetischen Arzt im ewigen Eis der Antarktis, was vor und nach ihm wenige schafften: Eine erfolgreiche Selbstoperation.

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Leonid Rogozows Symptome waren eindeutig: Akute Blinddarmentzündung. Damals, wie auch heute eine Routineoperation. Doch die näheren Umstände im Frühjahr 1961 waren alles andere als Routine. Der 27-Jährige arbeitete als Arzt unter dreizehn Forschern in der frisch eröffneten sowjetischen Polarstation Novolazarevskaya in der Antarktis. Die nächste sowjetische Station lag über 1600 Kilometer entfernt. Eine Verlegung war unmöglich, kein Flugzeug konnte in den heftigen Schneestürmen landen. Und er war der einzige Arzt, schreibt das «British Medical Journal» anlässlich des 50. Jahrestages dieses aussergewöhnlichen Falls.

Zu Beginn hatte er versucht, seine Krankheit vor den Kollegen zu verheimlichen. Doch am Morgen des 30. April 1961 wurden die Schmerzen unerträglich. Rogozow notierte in sein Tagebuch: «Letzte Nacht habe ich kein Auge zugetan. Es tut teuflisch weh. Ein Schneesturm wütet in meiner Seele und heult wie hundert Schakale. Immer noch keine offensichtlichen Symptome, dass ein Darmriss unmittelbar bevorsteht, aber eine beklemmende Vorahnung befällt mich ... es ist so weit ... ich muss meinen einzigen Ausweg durchdenken: Selbstoperation ... es ist fast unmöglich ... aber ich kann nicht einfach die Arme verschränken und aufgeben.»

«In meinem Kopf drehte sich alles»

Inzwischen wussten auch seine Kollegen Bescheid. Rogozow ist wütend auf sich selbst und schreibt: «Ich habe allen den Feiertag verdorben, morgen ist doch der 1. Mai.» Gegen Abend wird ihm bewusst, dass er nicht mehr länger zuwarten kann.

Der Eingriff begann um 22.00 Uhr. Ausgesuchte Kollegen - alles medizinische Laien - assistierten. Für den Fall, dass er während der Operation das Bewusstsein verlieren sollte, hatte er für sie Spritzen vorbereitet und über künstliche Beatmung aufgeklärt. Nach einer lokalen Betäubung öffnete er seinen Unterleib mit einem rund 10 Zentimeter langen Schnitt. Rogozow schrieb später in sein Tagebuch:

«Ich arbeitete ohne Handschuhe. Viel konnte ich nicht sehen. Der Spiegel half, war aber auch hinderlich, er zeigt ja alles spiegelverkehrt. Ich arbeitete vor allem mit meinem Tastgefühl. Ich blutete stark, aber liess mir Zeit, ich wollte auf Nummer sicher gehen. Ich öffnete das Bauchfell und sah, dass die Verletzungen schlimmer waren, als ich angenommen hatte ... ich wurde immer schwächer, in meinem Kopf drehte sich alles. Alle vier bis fünf Minuten musste ich für 20 bis 25 Sekunden pausieren. Dann endlich hatte ich den verdammten Blinddarm gefunden.»

Schrecksekunden kurz vor dem Ziel

Seine Assistenten kämpften derweil ebenfalls mit Übelkeit. Wladislaw Gerbowich, Chef der Polarstation, erinnerte sich später: «Nachdem Rogozow den Einschnitt gemacht hatte und in seinem Innenleben herumzuwühlen begann, glucksten seine Därme, was für uns sehr unangenehm war. Artemew und Teplinski fielen fast in Ohnmacht.»

Rogozows Blinddarm wies zum Zeitpunkt der Operation bereits einen Riss von zweimal zwei Zentimetern auf. Just in dem Moment, als er den arg lädierten Schlauch entfernen wollte, verlangsamte sich sein Herzschlag merklich. In seinem Tagebuch schrieb er: «Meine Hände fühlten sich wie Gummi an. Ich dachte, es kommt schlecht heraus. Dabei musste ich ihn doch nur noch entfernen.»

Rogozow hielt durch, entfernte den Blinddarm, trug Antibiotika auf und schloss die Wunde. Dann nahm er eine Schlaftablette und legte sich hin. Am nächsten Tag litt er noch unter Fieber, das aber bald abklang. Nach einer Woche entfernte er die Fäden. Nach zwei Wochen nahm er seine Arbeit wieder auf.

Die Sowjetunion feierte den furchtlosen Arzt wie einen Helden und verlieh ihm den Orden des Roten Banners der Arbeit. In seinem späteren Leben wurde Rogozow der Rummel peinlich. Auf die Ereignisse angesprochen, soll er jeweils mit einem Lächeln geantwortet haben: «Eine Arbeit wie jede andere, ein Leben wie jedes andere.» Leonid Rogozow starb 2000 im Alter von 66 Jahren in St. Petersburg.

Hier will keiner krank werden: Polarstation Novolazarevskaya in der Antarktis:


Rogozows übermenschliche Tat inspirierte auch Dr. House:


(Video: Youtube/Fox)