Herdplatten statt Holz

14. November 2015 16:42; Akt: 14.11.2015 16:42 Print

Der Klimawandel soll in Indiens Küchen stattfinden

von K. Daigle, AP - Das Kochen auf offenem Feuer ist umweltschädlich. Jetzt will die indische Regierung die Bevölkerung zu saubereren Kochmethoden bewegen.

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Kamlesh schürt das Feuer in der Feuerstelle aus Lehm, kippt Kerosin nach und legt Platten aus getrocknetem Kuhdung dazu. Mehrere Stunden am Tag atmet sie den Rauch ein. Ihre Augen tränen und brennen. Ihr Hals ist trocken und rau. Kamlesh ist eine von Hunderten Millionen indischen Hausfrauen, die ihre Häuser täglich mit giftigen Gasen verseuchen, wenn sie für ihre Familien kochen. Durch die Gase sterben weltweit jedes Jahr 4,3 Millionen Menschen, rund 30 Prozent davon in Indien.

Die Gefahr durch die Emissionen beim Kochen, die eine hohe Konzentration von schwarzem Kohlenstoff enthalten, hört nicht in den Häusern auf. Die Emissionen tragen auch zur allgemeinen Umweltbelastung bei, beeinträchtigen die Ernten und treiben die Klimaerwärmung an. Indien, das beim Ausstoss von Treibhausgasen weltweit auf Rang drei liegt, hat seit Jahrzehnten versucht, seine Bürger dazu zu bewegen, auf sauberere Techniken beim Kochen umzustellen — weitgehend vergeblich.

Naan schmeckt nicht gleich auf der Gasflamme

Arme Menschen wie die 40-jährige Kamlesh sind nicht überzeugt. Sie und ihre Nachbarn in Ganora Sheikh, einem Dorf in Nordindien rund 80 Kilometer von Neu Delhi entfernt, denken nicht über das Klima oder schmelzende Gletscher nach, die Hunderte Kilometer entfernt liegen. Sie fragen sich, wieso sie zwischen umgerechnet 30 und 60 Euro für einen neuen Herd ausgeben sollen, wenn sie Feuer machen können mit dem, was sie sich kostenlos im Wald besorgen können.

«Es ist schwierig», räumt sie ein.«Der Rauch, die Hitze, das lässt meine Augen tränen», sagt sie. Doch ein rauchfreier Herd ist für sie keine Alternative. Die auf dem Feuer gebackenen Fladenbrote Roti und Naan haben einfach nicht den gleichen Rauchgeschmack, wie wenn sie auf einer Gasflamme oder einem anderen Herd gebacken werden. «Wenn wir kein Roti mehr machen können, was sollen wir dann essen?», fragt sie. «Nichts kann Roti ersetzen.»

Emissionswerte sollen nicht senken

Auch wenn niedrigere Emissionen beim Kochen Indiens Treibhausgas-Problem wohl nicht entscheidend verändern werden — die Regierung hat das sauberere Kochen zum Teil seines Klima-Aktionsplans gemacht und an die Vereinten Nationen übermittelt. Ab Ende November werden die Staaten der Welt in Paris über ein neues UN-Abkommen zur Begrenzung der Treibhausgabe verhandeln.

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern verspricht Indien keine Senkung der Emissionen. Die Regierung erwartet, dass diese sogar noch weiter steigen werden, wenn die Wirtschaft weiter wächst. Aber der Ausstoss wird in Relation zum Wachstum nicht mehr so stark zunehmen wie bisher. Was die Umstellung der Kochtechniken angehe, so habe man keine Berechnungen über die Auswirkungen gemacht, sagt die Staatssekretärinfür Erneuerbare Energien,Varsha Joshi. «Wir sehen das im Zusammenhang mit der Innenraumluftverschmutzung. Es geht nicht nur um die Emissionen», fügt sie hinzu.

750'000 neue Herde in Nigeria

Das Thema ist nicht auf Indien begrenzt. Länder wie China und Äthiopien haben ebenfalls Programme für sauberes Kochen. In Nigeria, wo die Abholzung zu einem grossen Problem geworden ist, hat die Regierung im vergangenen Jahr angekündigt, 750'000 Herde auszugeben, damit die Menschen nicht mehr so viel Wälder abholzen.

Die UN-Organisation Global Alliance for Clean Cookstoves hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Ende des Jahres weltweit 43 Millionen Herde zu verteilen, unter anderem durch die Vermittlung von Herstellern und Entwicklern mit Investoren sowie andere finanzielle Unterstützungsmechanismen. Das Marktpotenzial wird auf mehr als das Zehnfache geschätzt. «Wenn man den Effekt von 500 Millionen Haushalten multipliziert, wird klar, dass das einen nachhaltigen Einfluss für die Gesundheit und die Umwelt haben kann», sagt der Chef der Organisation, Radha Muthiah.

Endlich kein Rauch mehr im Haus

In Ganora Sheikh freut sich Rekha Devi über ihren neuen, leistungsstarken Herd. Sie brauche nun gerade einmal die Hälfte der Zeit zum Kochen. Die Wände werden nicht mehr schwarz vom Russ. Und die grossen Rauchwolken, die sie früher eingeatmet hat, sind nahezu verschwunden. «Alles ist besser», sagt die 40-jährige Hausfrau. Sechs Monate nachdem sie den schwarzen Metallzylinder-Ofen für 2000 Rupien (rund 25 Euro) angeschafft hat, ist sie jedoch noch immer die einzige neue Herd-Besitzerin in ihrem Dorf.

In den 50er Jahren begann Indien mit den ersten Programmen für sauberes Kochen. Doch die Zahl der Menschen, die Holz und Kuhdung verbrennen, stagniert seit den 80er Jahren bei rund 700 Millionen Menschen. Das liegt zum einen am Bevölkerungswachstum, zum anderen aber auch daran, dass die Programme bislang nicht gegriffen haben. Möglicherweise ändert sich das, wenn der Markt für solche Herde wächst, die Zahl der Anbieter steigt und neue finanzielle Anreize dazukommen.

Es würde sich alles ändern, wenn Männer kochen

«Indien ist ein besonderer Markt. In einem typischen Haushalt gibt es einen Fernseher und ein paar Mobiltelefone. Und die Küchen sind irgendwie um 50 Jahre hinter dem Rest des Hauses zurück», sagt Neha Juneja, Mitbegründerin und Chefin des Herdentwicklers Greenway Appliances. Dafür hat sie eine einfache Erklärung: «Gekocht wird meistens von Frauen.» Ihr Ziel lautet deswegen: «Ich hätte gerne eine Kampagne, bei der die Männer zwei Tage lang kochen müssten. Dann würde man sehen, wie sich das Kochen im Land grundlegend ändert.»