Drogenkrieg

21. März 2011 15:49; Akt: 21.03.2011 16:04 Print

Der härteste Polizeichef Mexikos

Letzte Woche wurde Julian Leyzaola zum neuen Polizeichef von Ciudad Juárez berufen. Der 51-Jährige hat den gefährlichsten Job der Welt. Angst zeigt er keine. Das hat seinen Grund.

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Die Regierung Mexikos hat wegen der steigenden Gewalt Anfang 2009 Tausende Soldaten in die besonders betroffene Grenzstadt Ciudad Juárez geschickt. Sie sollten die Kartelle bekämpfen und die Sicherheit in der Stadt wiederherstellen. Doch der Effekt war genau das Gegenteil: Durch den Stich ins Wespennest hat die Anzahl der Morde im Zusammenhang mit dem Drogenhandel sogar noch zugenommen. Ciudad Juárez ist einer der wichtigsten Übergänge an der über 3000 Kilometer langen Grenze zwischen Mexiko und den USA. Mit etwa zwei Millionen Einwohner, ist die Stadt eine riesige Konzentration von Billigarbeitskräften, die in den «maquilas», Fabriken internationaler Konzerne, arbeiten. In den «maquilas» wird Ware angefertigt, die anschliessend über die nahegelegene Grenze in den USA exportiert wird. Die Grenzstadt ist ein «Spiegel» dieser speziellen Arbeitssituation: Gesetzlos und desolat, ein Drogenumschlagsplatz in den USA, ein Gewimmel von Schmugglern, Schleppern und Prostitution. Die politische Verantwortlichen bieten ihren Einwohnern kaum menschenwürdige Lebensumstände. Es gibt weder kommunale Wasserversorgung noch ein Abwassersystem. Die Strassen haben keine Trottoirs und erst recht keine Strassenbeleuchtung. Kindergärten gibt es kaum welche, was vor allem alleinerziehende Mütter vor grosse Probleme stellt. Käufliche Liebe in Ciudad Juárez: Die Preise in den Etablissements sind so verdorben wie der ganze Ort. Für 30 Dollar kann man Sex haben. Die Kunden müssen aber aufpassen: Viele Prostituierte haben Geschlechtskrankheiten. Doch in den letzten Jahren gelangte die nordmexikanische Metrople nicht nur wegen dem Drogenkrieg, ... ... sondern vor allem wegen der Frauenmorde zu trauriger Berühmtheit. Laut Amnesty International wurden bis Februar 2005 mehr als 370 Frauenleichen gefunden. Über 600 Mädchen gelten als vermisst. Bei den meisten konnte sexueller Missbrauch festgestellt werden. Sie waren zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 13 und 25 Jahren alt.

Ciudad Juarez - eine Stadt am Rande des Abgrunds.

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Vor knapp einer Woche hat Julian Leyzaola den vakanten Posten des Polizeichefs in Ciudad Juárez übernommen, der zweitgefährlichsten Stadt der Welt nach Mogadischu. Der 51-Jährige hatte bis vor Kurzem die Polizeistation in der Grenzstadt Tijuana geleitet. Damit wechselte er von einem der gefährlichsten Jobs der Welt zum anderen.

Leyzaola ist in seinem Land eine umstrittene Person. Über seine Berufung nach Ciudad Juárez berichteten die Medien nicht kommentarlos. Dabei wurde vor allem seine Tätigkeit in Tijuana näher beleuchtet: Leyzaola soll in der Grenzstadt, ebenfalls eine Drogenhochburg wie Ciudad Juárez, mit eiserner Hand regiert haben.

Blutiges Willkommensgeschenk am zweiten Tag

Der Polizeichef hat dort, wie er behauptet, eine «effektive Anti-Korruptions-Kampagne» geführt. Amnesty International warf ihm aber vor, jene Polizisten gefoltert zu haben, die nicht nach seiner Pfeife tanzten. Aufgrund der Indizienlage forderte eine Menschenrechtsorganisation im Bundesstaat Baja California gar die Suspendierung des höchsten Polizisten. Dazu kam es nie. Leyzaola geniesst die Unterstützung des mexikanischen Präsidenten Felipe Calderon.

Nach Juárez komme er nun, schrieb Leyzaola in einem Communiqué, um einen «ethischen, seriösen und professionellen Job» zu machen. Lokale Menschenrechtsgruppen befürchten eine Zunahme der Gewalt: Der «Cheffolterer» werde den Drogenkrieg «mit Hilfe der Polizei» anheizen. Sie befürchten zudem, dass sich «Todesschwadronen wie in Kolumbien oder Brasilien» bilden.

Polizei und Korruption gehen in Mexiko Hand in Hand, glaubt man einer US-Depesche aus dem Jahr 2009, die dank Wikileaks öffentlich wurde. Die US-Diplomaten berichteten, die mexikanische Armee «sähe es gern, wenn das Sinaloa-Kartell in Ciudad Juárez den Drogenkrieg gewinnen würde.» Denn im Machtkampf zwischen dem grössten Drogenkartell Mexikos und dem lokalen Juárez-Kartell wurden allein letztes Jahr 3100 Menschen ermordet. «100 Prozent der kommunalen Polizisten sind korrupt», räumte ein früherer Bürgermeister von Juárez der selben Depesche zufolge ein.

Der neue Chef hat an seinem zweiten Arbeitstag bereits einen «Willkommensgruss» des Sinaloa-Kartells bekommen: Eine in ein Leintuch eingewickelte Leiche mit der Botschaft «Das ist unser erstes Geschenk für dich».

(kle)