Bodenfelde

25. November 2010 08:27; Akt: 25.11.2010 08:41 Print

Der ruhige «potenzielle Serienmörder»

Nach der Aufklärung der Doppelmorde wartet die Polizei auf ein Geständnis des mutmasslichen Täters. Für die Ermittler wird immer deutlicher, mit wem sie es zu tun haben.

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Mehr als ein halbes Jahr nach dem Mord an zwei Jugendlichen im niedersächsischen Bodenfelde hat das Landgericht Göttingen den Täter zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Der 26-jährige Jan O. soll in die Psychiatrie eingewiesen werden, wie Richter Ralf Günther am Montag sagte. Anschliessend solle er zudem in Sicherungsverwahrung. Am 27. November 2010 wurde der 13-jährige Tobias beigesetzt: Hunderte Menschen begleiteten den getöteten Jungen auf seinem letzten Weg, darunter viele seiner Klassenkameraden aus der 8c und Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Bodenfelde. Gleichzeitig wurde bekannt, dass die Polizei Jan O. schon vor seinen Taten verhaften wollte, aber keinen Sicherungshaftbefehl erwirken konnte. Der 26-Jährige war am 4. November wegen fahrlässiger Brandstiftung vorläufig festgenommen worden. Ein Tag vorher war die 14-jährige Nina auf dem Friedhof von Bodenfelde beerdigt worden. Rund 400 Menschen, darunter auch Mitschüler von Nina, kamen zur Beisetzung. Zuvor hatten sie eine Menschenkette zwischen der Kirche in Bodenfelde und dem Friedhof gebildet. Der 26-jährige Jan O. soll binnen einer Woche die 14-jährige Schülerin Nina und den 13-jährigen Tobias durch Würgen und Messerstiche ermordet haben. Der Mann hat nach Aussage eines Ermittlers das «Potenzial zum Serienmöder». Seine letzte Wohnung liegt in einem schmucklosen, etwas verwahrlosten Mehrfamilienhaus am Rande von Uslar. Einer der Briefkästen ist tief eingedrückt: «Jan wenn Du nicht rauskommst...», ist mit Filzstift daraufgekritzelt. Die Wohnungstür von Jan O. ist mit einem amtlichen Siegel der Kriminalpolizei Northeim verschlossen. Die Nachbarn beschreiben O. als «einen ruhigen Jungen, bei dem man nie an Gewalttätigkeit gedacht hat». Einen Beruf hat Jan O. offenbar nie gelernt. Nach seiner Schulzeit war er immer wieder arbeitslos. Im Oktober 2007 wurde er vom Landgericht Lüneburg zu zwei Jahren und neun Monaten Haft wegen zahlreicher schwerer Diebstähle verurteilt. Der Vater von Jan O. reagiert erschüttert auf die mutmassliche Täterschaft seines Sohnes. Er habe in der Vergangenheit alles versucht, sei aber mit seinem Sohn «nicht fertig geworden». Die Staatsanwaltschaft Göttingen hatte am späten Abend des 23. November den Haftbefehl gegen den 26-Jährigen beantragt, weil sich belastende Beweise gegen den Festgenommenen ergeben hatten. Fast zur gleichen Zeit fand in Bodenfelde ein Trauergottesdienst für die 14-jährige Nina und den 13-jährigen Tobias statt. Die Bilder von Nina und Tobias, auf denen beide sehr kindlich wirken, stehen auf dem abgedeckten Taufbecken der Kirche. Einige Trauergäste stellten Kerzen vor die Bilder. Inzwischen wird bekannt, dass der mutmassliche Täter aus der Region stammt und arbeitslos ist. Jan O. wurde am Morgen des 23. November in der Nähe des Bahnhofs Bodenfelde festgenommen. Laut Medienberichten soll der Tatverdächtige zuletzt in einer Drogeneinrichtung untergebracht gewesen sein. Besonders brisant: Die 14-jährige Nina soll zuletzt bei dem mutmasslichen Täter gewohnt haben. Medien hatten berichtet, dass der Tatverdächtige sich an der Hand verletzt habe. Die Polizei klärt die Alibis des Verdächtigen. Es müssten be- und entlastende Momente mit Blick auf den Tatverdächtigen gefunden werden, sagte der Sprecher. In der norddeutschen Stadt waren am 21. November die Leichen zweier Jugendlicher gefunden worden: Bei den Toten handelt es sich um Tobias L., einen 13 Jahre alten Jungen, und Nina B., ein Mädchen im Alter von 14 Jahren. Erste Obduktionsergebnisse ergaben, dass es sich bei der Tat nicht um ein Sexualdelikt handelt. Beide Kinder wurden durch «Erwürgen und Erstechen» umgebracht. Indizien hatten zunächst auf ein Sexualdelikt hingedeutet. Unter anderem waren die Leichen der Jugendlichen nicht vollständig bekleidet gewesen. Nina B. war schon seit dem 15. November 2010 verschwunden. Sie hatte ihr Elternhaus nach einem Streit mit ihrer Mutter verlassen, am Tag darauf wurde sie als vermisst gemeldet. Das Mädchen war demnach im Lauf der Woche mehrfach von Zeugen «wohlbehalten» in Bodenfelde gesehen worden, zuletzt am Nachmittag vor dem Leichenfund. Nina sei nur leicht bekleidet gewesen und habe kein Bargeld bei sich gehabt, sie müsse also «irgendwo übernachtet haben», vermuten die Ermittler. Die 14-Jährige war in der Vergangenheit bereits mehrfach von zu Hause ausgerissen, kehrte aber meist noch am selben Tag zurück. Tobias L. war am 20. November nicht nach Hause gekommen. In der Nacht zum Sonntag wurde er als vermisst gemeldet. Er wurde zuletzt am Abend vor dem Leichefund von Zeugen gesehen, als er einen Freund auf Inlineskates zum Bahnhof in Bodenfelde brachte. Danach verlor sich seine Spur. Seine Leiche wurde von seiner Mutter am Mühlengraben in einem etwas abgelegenen Waldstück gefunden, wenige Meter davon entfernt wurde dann auch Ninas Leiche entdeckt. Einen Medienbericht, wonach die 14 Jahre alte Nina erstochen und der 13-jährige Tobias erschlagen wurde, wollte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft nicht bestätigen. Ermittler waren sofort nach dem Fund der Leichen dabei, Spuren zu sichern. Die Polizei richtete unverzüglich eine 23-köpfige Mordkommission ein. Beide Jugendliche besuchten die Heinrich-Roth-Gesamtschule in Bodenfelde, standen nach bisherigen Ermittlungen aber in keiner Verbindung. Vor der Heinrich-Roth-Gesamtschule, die die beiden Opfer besuchten und an der rund 500 Schüler lernen, standen am Morgen nach dem Leichenfund Polizeibeamte und ein Streifenwagen.

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Der 26-jährige Jan O. hat nach Aussage des Northeimer Kripochefs Andreas Borchert das «Potenzial zum Serienmöder». Der mutmassliche Doppelmörder von Bodenfelde ist dringend verdächtig, binnen einer Woche die 14-jährige Schülerin Nina und den 13-jährigen Tobias durch Würgen und Messerstiche ermordet zu haben. Im gleichen Zeitraum sprach er nach Angaben der Behörden zudem ein weiteres Mädchen an. Die Jugendliche wandte sich später an die Polizei und gab ihr damit den entscheidenden Tipp für die Ergreifung des 26-Jährigen.

Dessen letzte Wohnung liegt in einem schmucklosen, etwas verwohnten Mehrfamilienhaus am Rande von Uslar. Einer der Briefkästen ist tief eingedrückt: «Jan wenn du nicht rauskommst ...», ist mit Filzstift daraufgekritzelt. Die Hälfte der acht Wohnungen in dem grauen Gebäude steht leer. Die Wohnungstür von Jan O. ist seit Mittwoch mit einem amtlichen Siegel der Kriminalpolizei Northeim verschlossen. Die Nachbarn im Haus kennen den jungen Mann nach eigenen Angaben allenfalls vom Sehen.

Ein im Nachbarhaus wohnender Arbeiter beschreibt den mutmasslichen Doppelmörder als «einen ruhigen Jungen, bei dem man nie an Gewalttätigkeit gedacht hat». Jan O. sei oft mit schlechten Schuhen und kaputter Jacke herumgelaufen, sagt der Nachbar. Er habe ihm schon Kleidung schenken wollen.

Der 26-Jährige sei stets mit dem Fahrrad oder zu Fuss unterwegs gewesen und oft in das neun Kilometer entfernte Bodenfelde oder sogar in das 18 Kilometer entfernte Dorf Amelith gefahren oder gewandert, sagt der Nachbar weiter. Über seine Drogentherapie in Amelith, die im vergangenen Winter endete, habe er offen gesprochen.

Der Stadtverwaltung Uslar war der aus der Therapie Entlassene nicht näher bekannt. Der 26-Jährige habe zur Behörde keinerlei Kontakt gehabt, erklärt das Büro der Bürgermeisterin. Zu seiner Person könne man sich nicht äussern. Die Morde in Bodenfelde seien schrecklich, und auch in Uslar sei man fassungslos.

Geschlossene und offene Drogentherapie

Die christliche Therapieeinrichtung «Neues Land» im Dorf Amelith, in der Jan O. ein Jahr lang lebte, ist in einer ehemaligen Pension untergebracht. «Er hatte schon den Willen aus den Drogen auszusteigen», erinnert sich der Leiter der Einrichtung, Eberhard Russ. Allerdings sei Jan O. mit schwieriger Vergangenheit nach Ametlith gekommen. Mental sei der damals 24-Jährige noch auf dem Niveau eines Jugendlichen gewesen. Russ attestiert ihm eine «Reifeverzögerung».

In der Therapie hat Jan O. clean gelebt. Letztlich sei er aber nur von den illegalen Drogen, nicht aber vom Alkohol losgekommen, sagt Russ. «Die Droge Alkohol wird in unserer Gesellschaft leider sehr bagatellisiert», sagt er. In der Therapie habe Jan O. gut mitgearbeitet. Weitergehende Unterstützung nach seiner Entlassung habe er jedoch nicht erhalten.

Schon als Jugendlicher straffällig

Einen Beruf hat Jan O. nach den bei der Justiz geführten Akten nie gelernt. Nach seiner Schulzeit war er immer wieder arbeitslos. Der heute 26-Jährige wurde im Oktober 2007 vom Landgericht Lüneburg zu zwei Jahren und neun Monaten Haft wegen zahlreicher schwerer Diebstähle verurteilt. Zuvor legte er gegen ein in März 2007 vom Amtsgericht Uelzen verhängtes Urteil Berufung ein.

Nach der Verurteilung in zweiter Instanz wurde der junge Mann für zwei Jahre zur geschlossenen Suchttherapie in ein Landeskrankenhaus bei Zeven in Westniedersachsen eingewiesen. Er galt als abhängig von Alkohol, Tabletten und Cannabis. Gelegentlich soll er auch harte Drogen konsumiert haben. Bei der Entlassung aus der geschlossenen Anstalt sei die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt worden, hiess es weiter. Als Bewährungsauflage habe er die weitere offene Therapie in Amelith im Solling machen müssen.

Jan O. wurde im September 1984 in Uelzen geboren. Dort besuchte er die Grundschule, die Orientierungsstufe und danach eine Förderschule. Diese verliess er ohne Abschluss. Schon als Jugendlicher kam er mit dem Gesetz in Konflikt. Er wurde wegen Diebstählen, Sachbeschädigung und wegen Handels mit geringen Mengen von Betäubungsmitteln verurteilt. Wegen Gewalttaten stand der mutmassliche Doppelmörder bislang aber noch nicht vor Gericht.

Vater von Jan O. ist mit seinem Sohn «nicht fertig geworden»

Der Vater von Jan O. reagiert erschüttert auf die mutmassliche Täterschaft seines Sohnes. «Ja, ich kann mir vorstellen, dass es Jan war», sagt er der Onlineausgabe der in Uelzen erscheinenden «Allgemeinen Zeitung». Er habe in der Vergangenheit alles versucht, sei aber mit seinem Sohn «nicht fertig geworden». Schon in der zweiten Klasse habe dieser Mitschüler tätlich angegriffen. Vor allem mit dessen Alkoholkonsum sei es «schlimm» gewesen. Als er ihn vor die Wahl gestellt habe, eine Therapie zu machen oder den Kontakt abzubrechen, habe der Sohn gedroht, «das Haus anzuzünden», sagte der Vater dem Blatt.

(ap)