Der deutsche Fritzl

23. Februar 2011 20:12; Akt: 23.02.2011 20:12 Print

Detlef S. zieht Geständnis zurück

Der «deutsche Fritzl» Detlef S. hat überraschend sein Teilgeständnis widerrufen. Derweil muss sich das zuständige Jugendamt rechtfertigen.

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Wegen hundertfachen sexuellen Missbrauchs muss der 48-jährige Detlef S. aus Fluterschen in Rheinland-Pfalz für 14 Jahre und sechs Monate in Haft. Das Koblenzer Landgericht ordnete zudem die anschliessende Sicherungsverwahrung des Mannes an. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Detlef S. seine leibliche Tochter, eine Stieftochter und einen Stiefsohn über Jahrzehnte misshandelt und sexuell missbraucht hat. Überraschende Wende im Westerwälder-Missbrauchsprozess: Detlef S. legt unter Tränen ein umfassendes Geständnis ab. Er liess über seinen Rechtsanwalt mitteilen, er habe sich «grundsätzlich falsch verhalten». Er räumte ein, sowohl seine Tochter als auch die Stieftochter zu fremden Männer gefahren, sie zur Prostitution gezwungen und dafür Geld bekommen zu haben. Bislang hatte er nur den sexuellen Missbrauch an seiner leiblichen Tochter zugegeben. Erika S., die Ehefrau des Angeklagten hat ihre Aussage verweigert. Die Frau stand knapp zwei Minuten vor den Richtern. Sie sah zu ihrem Mann, zuckte mit den Schultern, dann verliess sie den Gerichtssaal wieder. Stiefsohn Markus S. berichtet vor Gericht von regelmässigen Gewalttätigkeiten. Er sei mit «verschiedenen Gegenständen» geschlagen worden. Einmal seien die Schläge so heftig ausgefallen, dass sein ganzes Gesicht angeschwollen war. Vom sexuellen Missbrauch seines Stiefvaters gegenüber seiner Schwester Natascha, mit der dieser acht Kinder zeugte, wusste er allerdings nichts. Er könne sich aber erinnern, dass der Stiefvater öfter mit Natascha «unterwegs» war. Sven S. gab vor Gericht an, seit 1987 von Detlef S. sexuell missbraucht worden zu sein. In diesem Haus, mitten im kleinen Dorf Fluterschen, im Westerwald, soll der 48-jährige Detlef S. seine leibliche Tochter und seine beiden Stiefkinder über Jahre hinweg sexuell missbraucht und zum Teil zur Prostitution gezwungen haben. S. wurde in Betzdorf (Kreis Altenkirchen) geboren. Seine Ehefrau ist 52 Jahre alt. Sie ist Mutter seiner vier leiblichen Kinder und hat vier weitere Kinder mit in die Ehe gebracht. Nach eigenen Angaben hat er einen Hauptschulabschluss und etliche Jahre als Lkw-Fahrer gearbeitet. Seit einiger Zeit ist er jedoch arbeitslos und bezieht Hartz IV. Seit dem 10. August 2010 sitzt er in Untersuchungshaft. Der 48-Jährige soll von Herbst 1987 bis Sommer 2010 zwei seiner Stiefkinder sowie seine heute 18-jährige Tochter sexuell missbraucht haben. Zudem soll er die beiden Mädchen zu zwei Männern gebracht haben, die sexuelle Handlungen an ihnen vorgenommen haben. Die 28-jährige Natascha S. ist die Stieftochter von Detlef S., mit der er acht Kinder gezeugt hat. Eines der Kinder ist bereits als Säugling gestorben. Er soll der Anklage zufolge Natascha S. bereits als vier Jahre altes Mädchen missbraucht und später zur Prostitution gezwungen haben. Björn B. ist der Zwillingsbruder von Natascha S. An ihm soll der Stiefvater das erste Mal 1997 sexuelle Handlungen vorgenommen haben. Zudem soll Detlef S. ihn regelmässig unter anderem mit Gegenständen wie einem Teppichklopfer und einer selbst gebauten Peitsche verprügelt haben. Von der 18-jährigen Jasmin S. gibt es keine Bilder. Sie ist die leibliche Tochter von Detlef S. Durch einen von ihr geschriebenen Brief wurde das Ermittlungsverfahren gegen ihn ausgelöst. S. hatte sie laut Anklage regelmässig sexuell missbraucht. Nach Angaben des Gerichts liegt ein DNA-Gutachten vor, das die Wahrscheinlichkeit einer Vaterschaft des Angeklagten der sieben überlebenden Kinder mit 99,99 Prozent angibt. Die Anklage fordert Sicherungsverwahrung für den Mann.

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Der wegen hundertfachen Missbrauchs angeklagte Familienvater aus Fluterschen hat sein vergangene Woche abgelegtes Teilgeständnis überraschend widerrufen. Das wurde nach Ende der Gerichtsverhandlung am Mittwoch in Koblenz bekannt. Der Widerruf des Teilgeständnisses gehe aus dem psychologischen Gutachten hervor, das am Ende der Verhandlung an die Prozessbeteiligten verteilt wurde, sagte der Verteidiger von Detlef S., Thomas Düber, der Nachrichtenagentur dapd.

Sein Mandant habe das Geständnis im Gespräch mit dem Gutachter widerrufen, sagte Düber. Von dieser Entwicklung sei er «selbst überfahren worden», fügte der Anwalt hinzu. Das psychologische Gutachten soll Thema der nächsten Verhandlung am Freitag dieser Woche sein.

«Nicht den Eindruck, dass ich in seinem Haus willkommen war»

Ortstermine im Haus der Familie in Fluterschen hätten sich meist schwierig gestaltet, sagte die derzeit für die Familie zuständige Sachbearbeiterin am Mittwoch vor dem Landgericht Koblenz. «Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich in seinem Haus willkommen war», fügte die Sozialarbeiterin hinzu.

Insgesamt waren am Mittwoch vier zum Teil ehemalige Mitarbeiter des Jugendamts Altenkirchen als Zeugen geladen. Amtsleiter Hermann-Josef Greb wies erneut Vorwürfe zurück, er sei mit dem Angeklagten näher bekannt gewesen. Greb bestätigte jedoch, dass er als junger Sozialarbeiter den damals 16-jährigen Detlef S. und seine minderjährigen Geschwister nach dem Tod der Eltern betreut hatte.

«Er war sehr darauf bedacht, einen guten Eindruck zu machen», sagte Greb über den Angeklagten. Die Kinder hätten in Gesprächen mit Mitarbeitern der Behörde immer wieder abgestritten, dass sie misshandelt worden wären. In der vergangenen Woche hatten die mutmasslichen Opfer dem Jugendamt vorgeworfen, es sei trotz etlicher Hinweise auf Missbrauch und Misshandlung nicht eingeschritten.

Angeklagter begleitete Stieftochter ins Jugendamt

Die für die Familie zuständige Sachbearbeiterin betonte in ihrer Aussage, wegen der Schwierigkeiten bei den Ortsterminen habe man die Stieftochter des Angeklagten, Natascha S., immer wieder zu Terminen ins Jugendamt in Altenkirchen bestellt. Bei fast allen diesen Terminen sei Detlef S. aber ebenfalls erschienen. Die 28-Jährige, die in dem Prozess als Nebenklägerin auftritt, hat acht Kinder von ihrem Stiefvater bekommen, wovon eines kurz nach der Geburt starb.

Gerade in Bezug auf Natascha S. sei es immer das Ziel des Amtes gewesen, sie in ihrer Persönlichkeit zu stabilisieren, sagte die Sozialarbeiterin. Es sei allerdings nicht ihre Aufgabe gewesen sei, die Vaterschaft der Kinder von Natascha S. herauszufinden, fügte sie hinzu.

Vor den Aussagen der Jugendamtsmitarbeiter hatte der Vorsitzende Richter Winfried Hetger diese darauf aufmerksam gemacht, dass sie die Aussage verweigern könnten, weil im Zusammenhang mit dem Fall inzwischen auch gegen sie ermittelt werde. Grund sind mehrere Anzeigen gegen Jugendamtsleiter Hermann-Josef Greb und dessen Mitarbeiter, denen die Staatsanwaltschaft nachgehen muss, wie Staatsanwalt Thorsten Kahl erläuterte. Die Jugendamtsmitarbeiter verzichteten aber auf ihr Aussageverweigerungsrecht.

Ehefrau verweigert Aussage

Die Ehefrau des Angeklagten Detlef S. dagegen machte von ihrem Recht zur Aussageverweigerung Gebrauch. Ihr Auftritt als Zeugin vor Gericht dauerte am Mittwoch nur rund zwei Minuten, dann verliess die Frau den Gerichtssaal wieder.

Die 52-Jährige sei verängstigt gewesen, behauptete nachher einer der Stiefsöhne des Angeklagten gegenüber «Bild». Im Saal habe sie mit gefalteten Händen nur auf ihren Mann geschaut und die Schultern gezuckt: «Klar», so die Erklärung ihres Sohnes, «wenn er im Raum ist, wird sie nichts sagen.»

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 48-Jährigen aus Fluterschen 350 Fälle von sexuellem Missbrauch vor. Unter anderem soll er die Stieftochter Natascha und seine leibliche Tochter Jasmine zur Prostitution gezwungen haben.

In der vergangenen Woche hatten die beiden Stiefsöhne von Detlef S. ausgesagt, der Angeklagte habe sie immer wieder mit einer selbst gebauten Peitsche und anderen Gegenständen geschlagen. Detlef S. hatte einen Teil seiner Taten gestanden. Er räumte 325 Fälle von sexuellem Missbrauch an seiner Tochter Jasmine ein.

(kle/ap)