Deutscher Fritzl

16. Februar 2011 13:47; Akt: 16.02.2011 14:49 Print

Die «Horrorjahre» mit Detlef S.

Grauenhafte Details brachte der erste Prozesstag gegen den Familienvater ans Licht, der seine Kinder 350-mal missbraucht haben soll. Der 48-Jährige liess sich allerdings wenig beeindrucken.

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Wegen hundertfachen sexuellen Missbrauchs muss der 48-jährige Detlef S. aus Fluterschen in Rheinland-Pfalz für 14 Jahre und sechs Monate in Haft. Das Koblenzer Landgericht ordnete zudem die anschliessende Sicherungsverwahrung des Mannes an. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Detlef S. seine leibliche Tochter, eine Stieftochter und einen Stiefsohn über Jahrzehnte misshandelt und sexuell missbraucht hat. Überraschende Wende im Westerwälder-Missbrauchsprozess: Detlef S. legt unter Tränen ein umfassendes Geständnis ab. Er liess über seinen Rechtsanwalt mitteilen, er habe sich «grundsätzlich falsch verhalten». Er räumte ein, sowohl seine Tochter als auch die Stieftochter zu fremden Männer gefahren, sie zur Prostitution gezwungen und dafür Geld bekommen zu haben. Bislang hatte er nur den sexuellen Missbrauch an seiner leiblichen Tochter zugegeben. Erika S., die Ehefrau des Angeklagten hat ihre Aussage verweigert. Die Frau stand knapp zwei Minuten vor den Richtern. Sie sah zu ihrem Mann, zuckte mit den Schultern, dann verliess sie den Gerichtssaal wieder. Stiefsohn Markus S. berichtet vor Gericht von regelmässigen Gewalttätigkeiten. Er sei mit «verschiedenen Gegenständen» geschlagen worden. Einmal seien die Schläge so heftig ausgefallen, dass sein ganzes Gesicht angeschwollen war. Vom sexuellen Missbrauch seines Stiefvaters gegenüber seiner Schwester Natascha, mit der dieser acht Kinder zeugte, wusste er allerdings nichts. Er könne sich aber erinnern, dass der Stiefvater öfter mit Natascha «unterwegs» war. Sven S. gab vor Gericht an, seit 1987 von Detlef S. sexuell missbraucht worden zu sein. In diesem Haus, mitten im kleinen Dorf Fluterschen, im Westerwald, soll der 48-jährige Detlef S. seine leibliche Tochter und seine beiden Stiefkinder über Jahre hinweg sexuell missbraucht und zum Teil zur Prostitution gezwungen haben. S. wurde in Betzdorf (Kreis Altenkirchen) geboren. Seine Ehefrau ist 52 Jahre alt. Sie ist Mutter seiner vier leiblichen Kinder und hat vier weitere Kinder mit in die Ehe gebracht. Nach eigenen Angaben hat er einen Hauptschulabschluss und etliche Jahre als Lkw-Fahrer gearbeitet. Seit einiger Zeit ist er jedoch arbeitslos und bezieht Hartz IV. Seit dem 10. August 2010 sitzt er in Untersuchungshaft. Der 48-Jährige soll von Herbst 1987 bis Sommer 2010 zwei seiner Stiefkinder sowie seine heute 18-jährige Tochter sexuell missbraucht haben. Zudem soll er die beiden Mädchen zu zwei Männern gebracht haben, die sexuelle Handlungen an ihnen vorgenommen haben. Die 28-jährige Natascha S. ist die Stieftochter von Detlef S., mit der er acht Kinder gezeugt hat. Eines der Kinder ist bereits als Säugling gestorben. Er soll der Anklage zufolge Natascha S. bereits als vier Jahre altes Mädchen missbraucht und später zur Prostitution gezwungen haben. Björn B. ist der Zwillingsbruder von Natascha S. An ihm soll der Stiefvater das erste Mal 1997 sexuelle Handlungen vorgenommen haben. Zudem soll Detlef S. ihn regelmässig unter anderem mit Gegenständen wie einem Teppichklopfer und einer selbst gebauten Peitsche verprügelt haben. Von der 18-jährigen Jasmin S. gibt es keine Bilder. Sie ist die leibliche Tochter von Detlef S. Durch einen von ihr geschriebenen Brief wurde das Ermittlungsverfahren gegen ihn ausgelöst. S. hatte sie laut Anklage regelmässig sexuell missbraucht. Nach Angaben des Gerichts liegt ein DNA-Gutachten vor, das die Wahrscheinlichkeit einer Vaterschaft des Angeklagten der sieben überlebenden Kinder mit 99,99 Prozent angibt. Die Anklage fordert Sicherungsverwahrung für den Mann.

Seit Dienstag muss sich der 48-jährige Detlef S. wegen Misshandlung und sexuellem Missbrauch vor Gericht verantworten.

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Reglos sitzt Detlef S. im Verhandlungssaal des Koblenzer Landgerichts. Ihm gegenüber steht Staatsanwalt Thorsten Kahl und erhebt schwere Vorwürfe: Der 48 Jahre alte Mann habe in mindestens 350 Fällen seine leibliche Tochter, seine Stieftochter und seinen Stiefsohn missbraucht und zur Prostitution gezwungen. Mit seiner heute 28-jährigen Stieftochter hat er acht Kinder gezeugt. Das gesteht er am Dienstag beim Auftakt des Prozesses.

Doch von den Missbrauchsvorwürfen will S. nichts wissen. Über seinen Verteidigter lässt er diese in einer knappen Erklärung bestreiten. Dabei hoffen die drei mutmasslichen Opfer, die als Nebenkläger auftreten, so sehr auf ein Geständnis. «Ich will, dass er gerecht bestraft wird», sagt der 28-jährige Björn B. vor dem Gerichtsgebäude, das von den Kamerateams umlagert wird. Detlef S. habe ihm mit seinen Übergriffen die ganze Jugend verdorben, fügt er hinzu. Ständige Prügel seien in der Familie an der Tagesordnung gewesen. Hätte das Jugendamt früher eingegriffen, wären ihm «viele Horrorjahre» erspart geblieben, sagt Björn B.

«Alle haben die Augen zugemacht»

B. hatte bereits vor Prozessbeginn schwere Vorwürfe gegen das Kreisjugendamt erhoben. Schon im Februar 1998, nachdem sein Adoptivvater ihn wieder einmal aus nichtigem Anlass verprügelt habe, habe er sich an das Jugendamt gewandt. Dort habe man ihm nur gesagt, dass eine härtere Erziehung in Grossfamilien ganz normal sei und dass man sich kümmern werde. «Das hat dann achteinhalb Jahre gedauert», fügte der 27-Jährige hinzu, der seit seiner Heirat den Nachnamen seiner Ehefrau trägt. «Alle haben die Augen zugemacht. Keiner hat der Familie geholfen», fügte er hinzu.

Stieftochter muss aussagen

Auch Stieftochter Natascha S. wurde regelmässig von Detlef S. sexuell missbraucht und gegen Bargeld für Geschlechtsverkehr an zwei Männer verkauft. Ihre Rechtsanwältin, Katharina Hellwig, hoffte bis zuletzt, dass der Angeklagte doch noch seine Taten gestehen würde. So hätte eine nervlich aufreibende Zeugenaussage von Natascha S. vermieden werden können. Doch das geschieht an diesem Dienstag nicht. Die Stieftochter muss sich äussern, muss dem Gericht Details schildern, wie sie von S. an seine Bekannten Ali T. und Mustafa H, «verkauft» wurde.

Intime Details drangen ohnedies schon an die Öffentlichkeit: Richter Winfried Hedge verliest einen handgeschriebenen Brief. Das Schriftstück, das im vergangenen Jahr an das Jugendamt weitergeleitet wurde, ist der Grund für das Bekanntwerden der Anschuldigungen. Die leibliche Tochter von Detlef S., Jasmin S, wirft ihrem Vater darin vor, sich regelmässig an ihr vergangen zu haben. «Er hat seine Tochter entehrt», liest Richter Hedge die Worte von Jasmine S. vor. Er habe sie in «all den Jahren kaputt gemacht», schrieb sie in dem Brief. Ihr Vater sei nie ein «Papa» gewesen. «Du hast mir das Leben zur Hölle gemacht.»

Wie die deutsche «Bild»-Zeitung schreibt, soll der Horror begonnen haben, als Jasmin gerade erst neun Jahre alt war. S. habe sie auf dem Rücksitz seines Autos vergewaltigt. Obwohl das Kind vor Schmerzen geschrien habe, machte ihr Vater weiter. Bis 2006 soll er mindestens einmal in der Woche über Jasmin hergefallen sein. Selbst nach einen Autounfall, bei dem sich das Mädchen die Wirbelsäule bricht, hört der Albtraum nicht auf: Weil kein Geschlechtsverkehr möglich ist, zwingt er sie «oral zu befriedigen».

Missbrauch nach Kindergeburtstag

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 48-Jährigen zudem vor, seine Tochter und Stieftochter in 35 Fällen zur Prostitution gezwungen zu haben. Der Anklage zufolge begannen die Übergriffe auf die damals vier und fünf Jahre alten Stiefkinder im Jahr 1987. Der Missbrauch der Stieftochter soll am Tag ihres zwölften Geburtstags begonnen haben. Nachdem die Kinder die Geburtstagsfeier verlassen hatten, zwang er das Mädchen, sich aufs Bett zu legen, heisst es in der Anklage. Als das Kind sich wehrte, soll er zu ihm gesagt haben, er dürfe das als Vater, sagt Staatsanwalt Kahl in seiner Anklage und will die Vorwürfe in den weiteren angesetzten vier Prozesstagen belegen.

Natascha S. wirft ihrem Stiefvater auch vor, sich an ihrer siebenjährigen Tochter – seiner Enkelin – vergangen zu haben. Es sie ihr aufgefallen, dass S. immer wieder mit den Kinder alleine wegfuhr. Ihre Tochter sei nach der Rückkehr «sehr verstört» gewesen. Als sie sie am 12. August 2010 in einem Spital untersuchen lässt, stellen die Ärzte «Verletzungen im Intimbereich» fest.

Detlef S. verzieht weiterhin keine Miene: Natascha S, Jasmine S. und Björn B. hingegen steht der Druck ins Gesicht geschrieben. Als Björn B. erfährt, dass sein Stiefvater nicht aussagen wird, verlässt er unter Kopfschütteln den Gerichtssaal. «Dass er mir das auch noch antun muss!», sagt er den wartenden Journalisten.
Björn B. begibt sich zum Gerichtstermin.(Quelle: APTN-Video)

(kle/ap)