Entführte Zwillinge

30. März 2011 16:34; Akt: 31.03.2011 01:17 Print

Die Ermittlungen werden weitergeführt

Seit Wochen suchen Ermittler aus drei Ländern nach den vermissten Zwillingen Alessia und Livia – bislang erfolglos. Die Polizei will die Fahndung aber noch nicht aufgeben.

Bildstrecke im Grossformat »
Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Noch immer fehlt jede Spur der seit dem 30. Januar vermissten 6-jährigen Zwillinge Alessia und Livia aus St-Sulpice VD: Die für die Suche verantwortlichen Ermittler aus Italien, Frankreich und der Schweiz haben sich am Mittwoch in Lausanne getroffen.

Neues hatte sich dabei jedoch kaum ergeben. Dies bestätigt auch Jean-Christophe Sauterel von der Waadtländer Kantonspolizei. «Die Polizei wird alles daran setzen, die Zwillinge zu finden», sagte Polizeikommandant Jacques Antenen anlässlich einer Medienkonferenz. Kosten spielten dabei keine Rolle, betonte er. Damit reagierte Antenen auf entsprechende Kritik der Familie. Zahlen wollten die Verantwortlichen jedoch keine nennen.

Die Polizei konnte bis anhin mit Hilfe von Überwachungsbildern einen grossen Teil der Irrfahrt des 43-jährigen Vaters der Mädchen zwischen dem 30.Januar und dem 3. Februar nachzeichnen. Dabei waren Aufnahmen von Überwachungskameras bei diversen Zahlstellen auf der französischen Autobahn hilfreich.

Mädchen nicht in Frankreich gesehen

Anders sieht die Situation bei den vermissten Mädchen aus. Glaubwürdig ist lediglich eine Zeugenaussage, nach denen sich die beiden am Tag ihres Verschwindens gegen Abend in Genf aufgehalten hatten.

Zudem wurden die Zwillinge vermutlich in der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar auf der Fähre von Marseille nach Korsika gesehen. Sauterel betonte jedoch, dass es weder DNS-Spuren noch Aufnahmen gibt, welche die Anwesenheit der Zwillinge auf dem Schiff bestätigen. «Zudem gibt es keine Beweise dafür, dass sich die Zwillinge je auf französischem Territorium befunden haben», ergänzte Philippe Albrand von der französischen Polizei.

Ermittlungen konzentrieren sich auf Korsika

Der Vater hingegen war am 1. Februar auf Korsika gesehen worden. Dort hatte er noch am gleichen Tag eine Fahrkarte für die Fähre zurück nach Marseille gekauft. In Marseille angekommen fuhr er mit dem Auto weiter nach Nizza. Dann verliert sich seine Spur.

Das nächste Mal tauchte er erst wieder am Donnerstag, 3. Februar, in Vietri sul Mare in der Nähe von Neapel auf. Er setzte seine Reise nach Cerignola fort, wo er sich am gleichen Tag gegen 23 Uhr vor einen Zug warf.

Auch weitere interessante Spuren haben bis anhin keine neuen Erkenntnisse gebracht. Die Daten auf dem zerstörten Navigationsgerät etwa konnten bisweilen noch immer nicht rekonstruiert werden. Der Mikrochip, der zuerst in die Vereinigten Staaten geschickt wurde , befindet sich mittlerweile in Korea. Auch ist das Resultat der DNS-Spuren des auf dem in Cerignola zwischen den Geleisen gefundenen Kugelschreibers noch ausstehend.

Die Polizei konzentriert nun ihre Ermittlungen vor allem auf Korsika. In der Schweiz werden keine konkreten Untersuchungen mehr durchgeführt, «ausser es taucht eine neue Spur auf», sagte Sauterel. Man habe alles erdenkliche getan - mit Hubschraubern, Tauchern und Spürhunden.

(sda)