Nach Knox' Freispruch

04. Oktober 2011 12:01; Akt: 04.10.2011 12:53 Print

Die Familie der Ermordeten ist empört

Am Tag nach dem Freispruch für die Amerikanerin Amanda Knox fordert die Familie der getöteten britischen Austauschstudentin Meredith Kercher einen neuen Prozess. Knox hat die Heimreise in die USA angetreten.

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Die US-Amerikanerin Amanda Knox ist im Berufungsprozess um den Mord an der britischen Studentin Meredith Kercher im italienischen Perugia freigesprochen worden. Ein Berufungsgericht hat damit die langjährige Haftstrafe wegen Mordes gegen die 24-Jährige aufgehoben. Noch vor Mitternacht verliess die junge US-Studentin das Gefängnis von Perugia, in dem sie rund vier Jahre gefangen war. Sie wurde in einem schwarzen Mercedes mit unbekanntem Ziel vom Gelände der Haftanstalt gefahren. Tränenüberströmt nahm die 24-Jährige, auch «Engel mit den Eisaugen» genannt, das Urteil entgegen. Sicherheitskräfte mussten sie aus dem Gerichtssaal führen. Auch ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito sprach das Geschworenengericht in Perugia am 3. Oktober 2011 frei. Er verliess ebenfalls noch in der Nacht das Gefängnis. Die beiden hätten die Tat nicht begangen, erklärte das Gericht. «Ich habe das Unerträgliche ertragen», sagte sie nach Angaben von Corrado Maria Daclon, Generalsekretär einer amerikanisch-italienischen Stiftung, die sich in dem jahrelangen juristischen Tauziehen für Knox eingesetzt hatte. Sie wolle «einfach nur nach Hause, sich wieder mit ihrer Familie vereinen, ihr Leben wieder in Besitz nehmen und ihre Fröhlichkeit zurückgewinnen», sagte Daclon weiter. Vor dem Gerichtssaal spielten sich nach dem Urteil tumultartige Szenen ab. Für den Freispruch gab es Buh-Rufe und Jubel zugleich. Das Interesse an dem Prozess war enorm: Rund 400 Journalisten aus aller Welt waren angereist und hatten den ganzen Tag vor dem Gebäude ausgeharrt. Die vor dem Gericht versammelte Menschenmenge entlud ihre Anspannung in Jubelrufen einerseits und Drohungen und Beschimpfungen andererseits. Die Angehörigen der getöteten Meredith Kercher hörten der Urteilsverkündung wie versteinert zu. Die Schwester der ermordeten Meredith Kercher brach in Tränen aus. Die Stunde der Wahrheit für Amanda Knox und ihr Ex-Freund Raffaele Sollecito hatte am frühen Morgen begonnen. Beim Eintreffen im Gerichtsgebäude machte Amanda Knox noch einen angespannten Eindruck. In einer letzten Rede an das Gericht hatte die 24-Jährige erneut ihre Unschuld beteuert. «Ich habe weder getötet noch vergewaltigt», sagte Knox im perfekten Italienisch. Mehr als zehn Stunden berieten dann die zwei Richter und sechs Geschworenen, bevor sie das Urteil um etwa 22.00 Uhr verkündeten. Die Angehörige von Mordopfer Meredith Kercher hatten sich ebenfalls vor der Urteilsverkündigung zu Wort gemeldet: Vier Jahre nach der Tat habe sich der Fokus der Berichterstattung «vollkommen verschoben», sagte Schwester Stephanie. Es gehe heute kaum mehr darum, was an jenem Abend geschah. Die 24-jährige Amanda Knox, zu Beginn des Verfahrens als «Engel mit den eisigen Augen» apostrophiert, stand im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. In Knox' Heimatstadt Seattle wurde in der Nacht vor dem Urteil Mahnwache gehalten. Ihre treue Fangemeinde hoffte auf einen Freispruch. Die Gruppe applaudierte auch am Ende der Rede, die Knox zu ihrer Verteidigung hielt.

Am 3. Oktober ist Amanda Knox in Perugia überraschend freigesprochen worden.

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Die Familie der 2007 in Perugia getöteten britischen Austauschstudentin Meredith Kercher will nach dem Freispruch der US-Amerikanerin Amanda Knox und deren Ex-Freund Raffaele Sollecito ein neues Verfahren. Dies forderte die Familie am Tag nach dem Berufungsurteil vom Montagabend.

«Wir respektieren das Urteil der Richter in Perugia, begreifen aber nicht, wie es möglich ist, dass das erstinstanzliche Urteil auf diese Weise geändert worden ist», sagte Meredith Kerchers Bruder Lyle bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Perugia.

Bruder: «Wir wissen: Guede war nicht allein am Tatort»

Der Freispruch werfe neue Fragen auf. «Wir wissen, dass sich Guede nicht allein am Tatort befand. Wenn Amanda und Raffaele nicht bei ihm waren, muss man herausfinden, wer beim Mord dabei war», sagte Lyle Kercher. Der Ivorer Rudy Guede war 2008 nach einem Teilgeständnis zu 16 Jahren Haft verurteilt worden.

«Wir wollen nicht, dass Unschuldige im Gefängnis sitzen. Wir wollen aber, dass die Wahrheit ans Licht kommt», sagte Merediths Schwester Stephanie. Die Familie Kercher werde weder Knox noch Sollecito treffen, solange die Hintergründe des Mordes in Perugia nicht geklärt seien. «Das Traurigste für uns ist zu wissen, dass der Mörder Merediths noch frei ist», so Stephanie Kercher.

Vater John Kercher sagte der Zeitung «Daily Mirror»: «Wir sind alle geschockt.» Er hätte es verstanden, wenn der Richter das ursprüngliche Urteil gelockert hätte. «Aber ein kompletter Freispruch? - Wow!»

Keine Erklärung mehr

Im Heimatland der Kerchers konzentrierten sich die öffentlichen Reaktionen auf die Angehörigen von Meredith. «Die Eltern hatten eine Erklärung für das, was ihrer wunderbaren Tochter zugestossen ist, und diese Erklärung gibt es jetzt nicht mehr», sagte der britische Regierungschef David Cameron gegenüber dem TV-Sender ITV. Seine Gedanken seien jetzt bei der Familie Kercher.

Die 21-jährige Meredith Kercher war vor vier Jahren halbnackt, mit durchschnittener Kehle und mit Dutzenden Messerstichen in der Wohnung im italienischen Perugia gefunden worden, die Amanda Knox und sie gemeinsam bewohnt hatten.

Knox fliegt nach Hause

Knapp zwei Jahre später wurden Knox und ihr Ex-Freund Raffaele Sollecito zu 26 und 25 Jahren Haft verurteilt. Am Montag hob ein Gericht in Perugia dieses Urteil auf. Knox und Sollecito verliessen noch am gleichen Abend das Gefängnis, in dem sie fast vier Jahre lang inhaftiert gewesen waren.

Knox hat in der Zwischenzeit die Heimreise angetreten. Sie sei mit ihrer Familie nach London abgeflogen, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Flughafenmitarbeiter. Von London aus wird Knox weiter in ihre Heimatstadt Seattle an der US-Westküste fliegen.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter Zoebeli am 04.10.2011 18:09 Report Diesen Beitrag melden

    Schuldig

    Viele Kommentarschreiber scheinen zu vergessen, dass Knox bei der ersten Einvernahme geständig war. Das Geständnis hat sie dann erst später widerrufen. Ihr Alibi war schwach und voller widersprüchlicher Angaben, dazu kommt noch, dass sie von Guede, der ja eh nichts mehr zu gewinnen hat, massiv belastet wurde. In so einem Fall noch von "in dubio pro reo" zu sprechen, auch wenn die DNA-Spuren verunreinigt waren, scheint mir persönlich dann doch sehr fragwürdig.

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  • Sven am 05.10.2011 22:14 Report Diesen Beitrag melden

    Mangel an Beweisen IST gleich unschuldig

    Ich nehme an das im Italienischen Recht auch das Prinzip "im Zweifel für den Angeklagten" gilt. Wenn ihr also der Mord nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann ist sie (rechtlich gesehen) unschuldig.

  • Fred Ng am 04.10.2011 12:26 Report Diesen Beitrag melden

    Revidiertes Urteil ist zu akzeptieren

    Schon das römische recht sagte: "in dubio pro reo" oder im Zweifelsfalle für den Angeklagten. Ohne schlüssige Beweise hat niemand das Recht jemanden einzusperren - dies sollten sich vor allem amerikanische Staatsanwälte und amerikanische Geschworenengerichte hinter die Ohren schreiben!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sven am 05.10.2011 22:14 Report Diesen Beitrag melden

    Mangel an Beweisen IST gleich unschuldig

    Ich nehme an das im Italienischen Recht auch das Prinzip "im Zweifel für den Angeklagten" gilt. Wenn ihr also der Mord nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann ist sie (rechtlich gesehen) unschuldig.

  • Der Kritische am 05.10.2011 20:53 Report Diesen Beitrag melden

    Freiheit/Gefängnis

    Ein schlecht geschriebener Artikel. Genauso hat sich der Rest der Presse verhalten, Mutmassungen, Vorurteile und gegenseitiges Abschreiben mit einer Prise Boulevard und schon ergibt das ganze eine wundervolle Story welche überall verbreitet wird. Und schon haben wir eine Vorverurteilung durch die Presse. Ich bin für die Pressefreiheit, dies ist ein Recht aber kein Privileg in das Leben anderer Menschen einzugreifen und zu verunglimpfen, so wie hier deutlich an diesem Artikel zu lesen ist.

  • Loquito Steve am 05.10.2011 18:28 Report Diesen Beitrag melden

    Medienzirkus made in Italia, nicht USA

    Man sollte nicht vergessen, dass der ganze Medienzirkus in Italien gestartet hat, und zwar damals gegen Knox, die als sexbesessene, manipulierende Frau, kurz als Engel mit den Eisaugen betitelt wurde. Der Staatsanwalt Mignini hat seine eigene Version des Tathergangs erstellt, welche ziemlich kinoreif ist. Sexspiele nach Mangavorbild, die schlecht enden. Ich weiss nicht, ob die beiden schuldig sind. Die Rolle von Guede ist sehr seltsam. Wenn die anderen Mittäter sind, warum reagiert er nicht, jetzt wo diese frei werden? Dazu braucht es kein Geld oder starke Anwälte...

  • J. Meyer am 05.10.2011 17:52 Report Diesen Beitrag melden

    Unnötiger Hype

    Habe nun etliches über den Fall gelesen wie auch die Kommentare hier. Ich komme zum Schluss, das berechtigte Zweifel bleiben, auch wenn einiges für die Unschuld der Knox u ihrem Freund spricht, so gibt es auch andere, aber nicht bewiesene Fakten, welche für die Schuld sprechen könnten. Dennoch, ich frage mich, warum wird so ein Hype darum gemacht? Geschieht bei anderen Verbrechen ja auch nicht, weder hier noch in Italien. Da kann die Justiz kaum noch neutral bleiben u steht selbst unter Zugzwang, was zu falschen Ergebnissen führt. Verstehe es daher also nicht so recht mit diesem Theater.

  • Spiri am 05.10.2011 15:55 Report Diesen Beitrag melden

    Kann der Fall weitergezogen werden?

    Prozessbeobachter davon aus, dass die Verliererpartei den Fall bis zu Italiens Hohem Gerichtshof weiterzieht. Dies wurde auch entsprechend gemacht Für Knox und Sollecito würde dies bedeuten, dass sie auch bei einem Freispruch und nach kurzer Zeit auf freiem Fuss wieder ins Gefängnis kämen.