54. Kunstbiennale Venedig

03. Juni 2011 20:28; Akt: 03.06.2011 20:35 Print

Die Grotte in der Lagunenstadt

von Karl Wüst, SDA - Zwei Schweizer Kunstschaffende sind an der diesjährigen Biennale in Venedig dabei: Thomas Hirschhorn und Andrea Thal. Doch Hauptdarstellerin ist eine Kristallgrotte.

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Kuratiert wird internationale Ausstellung an der 54. Kunstbiennale in Venedig «ILLUMInazioni» erstmals von einer Frau, der Schweizerin Bice Curiger (2. v. rechts) Die Show beleuchtet Werke von 82 in der Mehrzahl jungen Künstlerinnnen und Künstlern. Doch auch die Länderpavillons sind sehenswert. Hier eine Auswahl. Thomas Hirschhorn zeigt im Schweizer Pavillon die Installation «Crystal of Resistance». Es ist ein Pavillon, umfunktioniert in eine riesige, begehbare Kristallgrotte. Ausgekleidet mit Silberfolie, präsentiert sie sich wie ein Gemischtwarenladen voller Ramsch. Andrea Thal kuratiert in einem Theater die Schau «Chewing the Scenery». Hier bei der Eröffnung mit Bundesrat Didier Burkhalter. Mit der Wahl der 1975 in Bern geborenen Andrea Thal geht die Schweiz in Venedig neue Wege. Erstmals nämlich lässt sie sich offiziell von einer Kunstvermittlerin vertreten. Wie immer lockt der deutsche Pavillon, in der Nähe des Schweizer Pavillons gelegen, viel Publikum an. Dieses Jahr kommt hier - eine Besonderheit - nicht ein lebender Künstler zu Ehren, sondern Christoph Schlingensief (1960-2010). Der auch in der Schweiz bekannte Theaterregisseur, Performer, Filmer und Künstler war damit beauftragt, diesen Pavillon zu bespielen, ist aber letztes Jahr seiner Krebserkrankung erlegen. Nun widmet ihm die Kuratorin Susanne Gaensheimer einen Kirchenraum, der das Publikum - ganz im Sinne des Künstlers - provozieren soll. Der saudische Pavillon. Besuchenswert ist auch der dänische Pavillon. Die hier ausgestellten 18 unterhaltsamen Arbeiten - karikaturistische Malerei, Videoanimation, Fotografie und vieles mehr - stammen allesamt von nichtdänischen Künstlern. Der serbische Pavillon des Künstlers Rasa Todosijevic. Im ägyptischen Pavillon ist die 5-teilige Videoinstallation «30 Days of Running in the Space» von Ahmed Basiony (1978-2011) zu sehen. Basiony hat die Anfang Jahr stattfindenden Demonstrationen auf dem Tahrir Platz in Kairo gefilmt und tritt zudem als Performer auf. Der Multimediakünstler ist im nordafrikanischen Land zu einer Symbolfigur des demokratischen Aufbruchs geworden. Er wurde im Januar, am vierten Tag der Proteste, erschossen. Für Österreich hat Markus Schinwald eine schwebende labyrinthische Installation eingerichtet, in deren Korridoren man auf altmeisterlich gemalte Porträts trifft. Sphärische Klänge begleiten einen, bis man auf die Videoinstallation «Orient» trifft, welche die klaustrophobische Stimmung noch verstärkt. Nackte Haut bei der Performance im italienischen Pavillon. Der italienische Pavillon von Coltro und Arrivabene. Wolke des chinesischen Kuenstlers Yuang Gong Jogger. Der koreanische Pavillon. Frankreich wird von Christian Boltanski vertreten. Er hat ein dichtes Gerüst aus Eisenstangen in den Pavillon gebaut. Filmrollen mit schwarzweissen Kinderporträts rasen durch dieses Gerüst und vermitteln ein Gefühl der Enge und Kälte. Der irakische Pavillon von Azad Nanakeli. Der Pavillon der USA von Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla.

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Die Schweiz hat am Donnerstag an der 54. Kunstbiennale in Venedig den Medien ihre Beiträge vorgestellt. Thomas Hirschhorn zeigt im Pavillon die Installation «Crystal of Resistance», Andrea Thal kuratiert in einem Theater die Schau «Chewing the Scenery».

Das hat das Kunstpublikum in Venedig noch nie gesehen: einen Pavillon, umfunktioniert in eine riesige, begehbare Kristallgrotte. Gebaut hat sie, zusammen mit seinem Team, der Installationskünstler Thomas Hirschhorn.

«Ich bin glücklich über diese Arbeit», sagte er am Donnerstag dem Schweizer Feuilleton-Dienst. «Gemacht habe ich sie nicht für die Schweiz, sondern für mich, für die Kunst, für die Welt.»

Und tatsächlich, die Kunstwelt interessiert sich dafür. Der Schweizer Pavillon gehörte in den Giardini zu den vielbesuchten Pavillons.

Kunst ist Widerstand

Sie ist spektakulär, diese verwinkelte Grotte: Ausgekleidet mit Silberfolie, präsentiert sie sich wie ein Gemischtwarenladen voller Ramsch. Es stapeln sich Autopneus, Plastikbecken, Alubüchsen, PET- Flaschen, Stühle, ausgediente Handys, TV-Geräte, alles fixiert mit braunem Klebeband und vielfach auch übersät mit echten Kristallen.

Man kann sich kaum sattsehen an all den alltäglichen Details und müsste sich auch gar nicht weiter darum kümmern, wären da nicht diese Pressebilder und Videos. Sie zeigen Szenen des Grauens: blutig geschlagene Körper, Exekutionen, erschossene Demonstranten.

Man sieht diese Bilder und notgedrungen auch sich selbst, denn überall hängen Spiegel. Und sie sorgen dafür, dass man das Grauen nicht einfach links liegen lassen kann. Man ist Teil davon. Hirschhorn hat nicht nur eine Welt voller Glamour geschaffen, er spiegelt auch eine grauenvolle, die man im Kopf mitnimmt.

Gute Kunst sei Widerstand und so hart wie ein Kristall, betont Hirschhorn - Widerstand gegen die Gleichgültigkeit, gegen das Vergessen, gegen die Unmenschlichkeit - und liefert den Beweis.

Andrea Thal im Theater

Mit der Wahl der 1975 in Bern geborenen Andrea Thal geht die Schweiz in Venedig neue Wege. Erstmals nämlich lässt sie sich offiziell von einer Kunstvermittlerin vertreten.

Für die von ihr kuratierte Ausstellung «Chewing the Scenery» hat Thal einen Ort am Canale delle Navi mit Blick auf die Friedhofsinsel San Michele ausgewählt: das Teatro Fondamenta Nuove, das auch sonst für zeitgenössische Künste reserviert ist.

Hier, abseits des Rummels, erwartet einen eine dreiteilige Ausstellung: im Theater drin die Filminstallation «No Future/No Past» von Pauline Boudry und Renate Lorenz und eine von verschiedenen Künstlern entwickelte Publikation, im Eingangsbereich des Theaters die installative Dramatisierung «Deviare - Vier Agenten - Part of a Movie» von Tim Zulauf.

Das Leben proben

Zulauf hat sich einen Namen gemacht mit theatralen Produktionen, welche die Grenze zwischen Bühne und Publikum, zwischen Kunstraum und Öffentlichkeit, zwischen Fiktion und Realität auflösen.

Er bleibt sich auch in Venedig treu. Faszinierend zu sehen, wie sich der Schauspieler Christoph Rath inmitten des Publikums auf der Gasse und im Dialog mit der Theaterszene und der nahen Toteninsel bemüht, seine Orientierung, seine Rolle zu finden. «Das ganze Leben ist proben», schallt es etwa aus den Lautsprechern. Wer möchte dem nicht zustimmen?

Impressionen Biennale 2011 in Venedig (YouTube)

Thomas Hirschhorns Ausstellung ist bis 27. November zugänglich, diejenige von Andrea Thal bis 2. Oktober. Zu beiden Ausstellungen sind Kataloge erschienen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • U.I. Benz am 04.06.2011 05:14 Report Diesen Beitrag melden

    Energieverschwendung auf Bundeskosten

    Kunst auf Abwegen , grosse Reden und Commerz...

  • Sarah am 04.06.2011 09:39 Report Diesen Beitrag melden

    Kunst?

    "Voller Ramsch" ist richtig...ist das wirklich Kunst?!?

  • U.I. Benz am 05.06.2011 05:51 Report Diesen Beitrag melden

    was ist Kunst, oder wo hoert sie auf ?

    Frueher versuchten Kuenstler mit ihrer Kunst was auszusagen, Heute ist eine Aussage bereits Kunst.

Die neusten Leser-Kommentare

  • U.I. Benz am 05.06.2011 05:51 Report Diesen Beitrag melden

    was ist Kunst, oder wo hoert sie auf ?

    Frueher versuchten Kuenstler mit ihrer Kunst was auszusagen, Heute ist eine Aussage bereits Kunst.

  • Sarah am 04.06.2011 09:39 Report Diesen Beitrag melden

    Kunst?

    "Voller Ramsch" ist richtig...ist das wirklich Kunst?!?

  • rico3110 am 04.06.2011 09:22 Report Diesen Beitrag melden

    Kunst ?

    Wer es kann soll mir bitte erklären was das mit Kunst zu tun hat. Angenommen ich hätte das gleiche in Venedig unter meinem Namen ausgestellt und nicht unter dem Namen von Th.Hirschhorn was wäre dann??

  • U.I. Benz am 04.06.2011 05:14 Report Diesen Beitrag melden

    Energieverschwendung auf Bundeskosten

    Kunst auf Abwegen , grosse Reden und Commerz...

  • P.P. am 03.06.2011 22:05 Report Diesen Beitrag melden

    "Kunst"

    Man kann, wenn man denn will, in jedem Flecken oder Abfallberg "Kunst" sehen. Manchmal muss man dazu ein enormes Vorstellungsvermögen haben, den ich anscheinend nicht besitze.