Grusel-Ostalgie

23. Dezember 2008 10:41; Akt: 23.12.2008 13:21 Print

Die Stasi online erleben

Falsche Bärte und Perücken, Uniformen und Abhörgeräte, Vorrichtungen zum heimlichen Öffnen von Briefen: Das Bürgerkomitee Leipzig für die Auflösung der ehemaligen Staatssicherheit gewährt neuerdings online Einblicke in die Arbeitsweise des DDR-Geheimdienstes.

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Die Postuniform wurde von Mitarbeitern, die für die Kontrolle des Brief-, Paket- und Telegrammverkehrs zuständig war, zur Tarnung bei der Arbeit in den Postämtern der Deutschen Post getragen. Der gefütterte Wintermantel eines Unteroffiziers war bis 1986 Teil der Uniformierung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Hinten ist der Mantel geschlitzt. Der dunkelgraue Kragen ist aus Filz. Die Häftlingsjacke stammt aus einem der Bautzener Gefängnisse. Sie ist aus dunkelgrünem Stoff und hat vier aufgesetzte Taschen. An den Ärmeln und auf dem Rücken sind gelbe Stoffstreifen eingenäht. Die Trainingsjacke der Sportvereinigung SV Dynamo: Unter der Tasche ist das unverkennbare Dynamo-Emblem mit dem geschwungenen «D» aufgenäht. Die Schaftstiefel aus schwarzem glatten Leder wurde je nach Dienstgradgruppe zur Dienst-, Parade- und Felddienstuniform (nur für Generale) getragen. Die Feldmütze war Teil einer Dienstuniform eines Soldaten der Grenztruppen der DDR, vorn auf der Mützenkokarde war ein kleines maschinensgesticktes DDR-Emblem angebracht. Die «Maskierungskoffer» aus der Leipziger Maskierungswerkstatt des Ministeriums für Staatssicherheit enthielten ein fertiges Set für eine bestimmte Verkleidung - in diesem Fall für die Verkleidung als «Araber». Mit der Variante «Bauarbeiter» ist noch ein weiteres fertiges Maskierungsset übeliefert. Die Maskierungswerkstatt versorgte die Mitarbeiter der Linie «Beobachtung und Ermittlung» mit Verkleidungen für diverse Einsätze. Die Stasi-Mitarbeiter sollten unerkannt zur «Lösung operativer Aufgaben» beitragen. Die Übungshandgranate aus Gusseisen diente dem Ministeriums für Staatssicherheit als Attrappe bei Wehrübungen. Die Übungspistole Makarow aus Gummi diente den Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) als Attrappe bei Wehrübungen. Die echte Pistole Makarow gehörte von 1958 bis 1990 zur Standardbewaffnung des MfS. Die «Knebelkette» wurde vom MfS benutzt, um «feindlich-negative Kräfte» abzuführen. Die Kette wurde um das Handgelenk des Festgenommenen gelegt und anschliessend fest miteinander verschlossen. Der Aktenkoffer wurde vom Operativ-technischen Sektor (OTS) des Ministeriums für Staatssicherheit durch einen speziellen Holzeinbau zu einer Tarnung für eine Maschinenpistole «Skorpion» umfunktioniert. Der Schutzschild bildete zusammen mit Einsatzhelm und Schlagstock die «Sonderausrüstung» der VP-Bereitschaften, die für Einsätze aus der Waffenkammer ausgegeben wurde. Bei dem Einweckglas mit dem gelben Filztuch handelt es sich um eine so genannte «Geruchsspur», die in einer eigens dafür vorgesehenen Tasche verwahrt bzw. transportiert wurde. Das Telegrammlesegerät wurde zur Überwachung der telegrafischen Kommunikation benutzt. Der Inhalt aller eingehenden Telegramme wurde zeitgleich auch dem Ministerium für Staatssicherheit übermittelt. Der Dampfentwickler diente der Abteilung M, die für die Kontrolle des Brief-, Paket- und Telegrammverkehrs zuständig war, zum Öffnen von Briefen, die mit wasserlöslichen Leimen verklebt waren. Der Holzkasten dient der Aufbewahrung und dem Transport eines tragbaren Reproduktionsgerätes Yelka C-64 samt zahlreichem Zubehör.

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Was bisher nur Besucher der Gedenkstätte «Museum in der Runden Ecke», des früheren Sitzes der Leipziger Stasi, in Augenschein nehmen konnten, steht jetzt allen Neugierigen im Internet zur Verfügung. Mehr als 1000 Stücke sind zu sehen, detaillierte Beschreibungen machen die Einsatzgebiete fassbar.

«Die ausgewählten Objekte stammen aus fast allen Sammlungsbereichen und geben einen breiten Überblick über die Arbeitsweise und alle Arbeitsbereiche der kommunistischen Geheimpolizei», erläutert Tobias Hollitzer vom Bürgerkomitee. In den Räumen der Leipziger Staatssicherheit hatten die Mitglieder des Bürgerkomitees nach der Wende umfangreiches Material sichergestellt und zu einer Ausstellung zusammengetragen, die im «Museum in der Runden Ecke» gezeigt wird.

Für Laien ebenso wie für Wissenschaftler

Im Internet ist sogar noch mehr zu sehen: Präsentiert werden hier nämlich auch eine ganze Reihe von Stücken, die aus restauratorischen oder Platzgründen nicht in die ständige Ausstellung integriert sind und der Öffentlichkeit sonst überhaupt nicht zugänglich wären.

«Angesprochen sind mit dem Online-Angebot sowohl interessierte Laien, die sich einen fundierten thematischen Zugang verschaffen können, als auch Fachbesucher mit wissenschaftlichem Interesse», umreisst Hollitzer den Personenkreis, den die Leipziger erreichen wollen. Zugleich versteht er die Datenbank als Beitrag zur politischen Bildung, auf den Schüler und Studenten bei Recherchen zurückgreifen können. Nicht zuletzt steht die Datenbank auch anderen Gedenkstätten und Museen für die Suche nach Leihgaben für Sonderausstellungen zur Verfügung.

Musikkassetten zum Abhören benutzt

Wie in der Dauerausstellung «Macht und Banalität» lassen die gezeigten Objekte schaudern und zugleich verzweifelt schmunzeln. Wie die Geheimdienstler den Menschen nachstellten, wird angesichts von Telefon-Abhöranlagen und Einrichtungen zum Durchleuchten von Paketen deutlich. In der Mottenkiste wenig einfallsreicher Spionagethriller würde man den Maskierungskasten der Stasi eher vermuten denn als Bestandteil tatsächlicher Spionagetätigkeit. Wie konnte ein Unterdrückungsapparat funktionieren, der aus Westpaketen Musikkassetten stahl, um sie für die Aufzeichnung abgehörter Telefonate zu verwenden?

Detailliert gibt die Online-Datenbank Antwort auf Fragen wie «Welche Orden und Abzeichen erhielten MfS-Mitarbeiter für ihre Dienste?» oder auch «Wie funktionierte konspirative Fotografie?». Ausführlich werden nicht nur die dargestellten Objekte beschrieben und ihre Funktionsweise erklärt, zugleich wird auf weitere virtuelle Ausstellungsstücke verwiesen. Doch damit nicht genug: In Querverweisen werden besondere Begriffe wie etwa der der «Operativen Personenkontrolle» erläutert. Ferner kann der Besucher der Datenbank erfahren, wie sich die Stasi zusammensetzte, welche Aufgaben die einzelnen Abteilungen hatten.

Finanziell unterstützt wurde der Aufbau der bundesweit sicher einmaligen Datenbank von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Vor allem auch nachkommende Generationen würden durch sie in die Lage versetzt, sich umfassend über den Geheimdienst der SED-Diktatur zu informieren, sagte Sabine Ross von der Bundesstiftung anlässlich der Freischaltung. «Wir hoffen, dass es dem Museum gelingt, die Datenbank sukzessive auszubauen», erklärte sie.

Datenbank soll weiter wachsen

«Die Mitarbeiter der Gedenkstätte arbeiten bereits daran, die Objektzahl mehr als zu verdoppeln», versichert Hollitzer. Hinzuzufügen gibt es genug: Insgesamt umfasst die Sammlung des Leipziger Bürgerkomitees, das neben dem Museum in der Runden Ecke auch den ehemaligen Stasibunker in Machern bei Leipzig betreut, mehr als 40.000 Objekte. «Da aufgrund der beschränkten räumlichen Möglichkeiten nur ein Bruchteil dieser Objektfülle in Ausstellungen gezeigt werden kann, möchten wir mit unserer Datenbank die Möglichkeit geben, virtuell in unseren Magazinen zu stöbern und so einen Blick hinter die Kulissen der Ausstellungen zu werfen.»

(ap)