19-seitiges «Endgeständnis»

21. Juni 2011 16:49; Akt: 21.06.2011 17:31 Print

Doppelmörder zeigt späte Reue

Jan O., dem mutmasslichen Mörder zweier Jungendlicher, werden kannibalische und sexuelle Motive vorgeworfen. Trotz seinem Beedauern, fordert der Staatsanwalt eine Sicherheitsverwahrung. Am Montag wird das Urteil erwartet.

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Mehr als ein halbes Jahr nach dem Mord an zwei Jugendlichen im niedersächsischen Bodenfelde hat das Landgericht Göttingen den Täter zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Der 26-jährige Jan O. soll in die Psychiatrie eingewiesen werden, wie Richter Ralf Günther am Montag sagte. Anschliessend solle er zudem in Sicherungsverwahrung. Am 27. November 2010 wurde der 13-jährige Tobias beigesetzt: Hunderte Menschen begleiteten den getöteten Jungen auf seinem letzten Weg, darunter viele seiner Klassenkameraden aus der 8c und Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Bodenfelde. Gleichzeitig wurde bekannt, dass die Polizei Jan O. schon vor seinen Taten verhaften wollte, aber keinen Sicherungshaftbefehl erwirken konnte. Der 26-Jährige war am 4. November wegen fahrlässiger Brandstiftung vorläufig festgenommen worden. Ein Tag vorher war die 14-jährige Nina auf dem Friedhof von Bodenfelde beerdigt worden. Rund 400 Menschen, darunter auch Mitschüler von Nina, kamen zur Beisetzung. Zuvor hatten sie eine Menschenkette zwischen der Kirche in Bodenfelde und dem Friedhof gebildet. Der 26-jährige Jan O. soll binnen einer Woche die 14-jährige Schülerin Nina und den 13-jährigen Tobias durch Würgen und Messerstiche ermordet haben. Der Mann hat nach Aussage eines Ermittlers das «Potenzial zum Serienmöder». Seine letzte Wohnung liegt in einem schmucklosen, etwas verwahrlosten Mehrfamilienhaus am Rande von Uslar. Einer der Briefkästen ist tief eingedrückt: «Jan wenn Du nicht rauskommst...», ist mit Filzstift daraufgekritzelt. Die Wohnungstür von Jan O. ist mit einem amtlichen Siegel der Kriminalpolizei Northeim verschlossen. Die Nachbarn beschreiben O. als «einen ruhigen Jungen, bei dem man nie an Gewalttätigkeit gedacht hat». Einen Beruf hat Jan O. offenbar nie gelernt. Nach seiner Schulzeit war er immer wieder arbeitslos. Im Oktober 2007 wurde er vom Landgericht Lüneburg zu zwei Jahren und neun Monaten Haft wegen zahlreicher schwerer Diebstähle verurteilt. Der Vater von Jan O. reagiert erschüttert auf die mutmassliche Täterschaft seines Sohnes. Er habe in der Vergangenheit alles versucht, sei aber mit seinem Sohn «nicht fertig geworden». Die Staatsanwaltschaft Göttingen hatte am späten Abend des 23. November den Haftbefehl gegen den 26-Jährigen beantragt, weil sich belastende Beweise gegen den Festgenommenen ergeben hatten. Fast zur gleichen Zeit fand in Bodenfelde ein Trauergottesdienst für die 14-jährige Nina und den 13-jährigen Tobias statt. Die Bilder von Nina und Tobias, auf denen beide sehr kindlich wirken, stehen auf dem abgedeckten Taufbecken der Kirche. Einige Trauergäste stellten Kerzen vor die Bilder. Inzwischen wird bekannt, dass der mutmassliche Täter aus der Region stammt und arbeitslos ist. Jan O. wurde am Morgen des 23. November in der Nähe des Bahnhofs Bodenfelde festgenommen. Laut Medienberichten soll der Tatverdächtige zuletzt in einer Drogeneinrichtung untergebracht gewesen sein. Besonders brisant: Die 14-jährige Nina soll zuletzt bei dem mutmasslichen Täter gewohnt haben. Medien hatten berichtet, dass der Tatverdächtige sich an der Hand verletzt habe. Die Polizei klärt die Alibis des Verdächtigen. Es müssten be- und entlastende Momente mit Blick auf den Tatverdächtigen gefunden werden, sagte der Sprecher. In der norddeutschen Stadt waren am 21. November die Leichen zweier Jugendlicher gefunden worden: Bei den Toten handelt es sich um Tobias L., einen 13 Jahre alten Jungen, und Nina B., ein Mädchen im Alter von 14 Jahren. Erste Obduktionsergebnisse ergaben, dass es sich bei der Tat nicht um ein Sexualdelikt handelt. Beide Kinder wurden durch «Erwürgen und Erstechen» umgebracht. Indizien hatten zunächst auf ein Sexualdelikt hingedeutet. Unter anderem waren die Leichen der Jugendlichen nicht vollständig bekleidet gewesen. Nina B. war schon seit dem 15. November 2010 verschwunden. Sie hatte ihr Elternhaus nach einem Streit mit ihrer Mutter verlassen, am Tag darauf wurde sie als vermisst gemeldet. Das Mädchen war demnach im Lauf der Woche mehrfach von Zeugen «wohlbehalten» in Bodenfelde gesehen worden, zuletzt am Nachmittag vor dem Leichenfund. Nina sei nur leicht bekleidet gewesen und habe kein Bargeld bei sich gehabt, sie müsse also «irgendwo übernachtet haben», vermuten die Ermittler. Die 14-Jährige war in der Vergangenheit bereits mehrfach von zu Hause ausgerissen, kehrte aber meist noch am selben Tag zurück. Tobias L. war am 20. November nicht nach Hause gekommen. In der Nacht zum Sonntag wurde er als vermisst gemeldet. Er wurde zuletzt am Abend vor dem Leichefund von Zeugen gesehen, als er einen Freund auf Inlineskates zum Bahnhof in Bodenfelde brachte. Danach verlor sich seine Spur. Seine Leiche wurde von seiner Mutter am Mühlengraben in einem etwas abgelegenen Waldstück gefunden, wenige Meter davon entfernt wurde dann auch Ninas Leiche entdeckt. Einen Medienbericht, wonach die 14 Jahre alte Nina erstochen und der 13-jährige Tobias erschlagen wurde, wollte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft nicht bestätigen. Ermittler waren sofort nach dem Fund der Leichen dabei, Spuren zu sichern. Die Polizei richtete unverzüglich eine 23-köpfige Mordkommission ein. Beide Jugendliche besuchten die Heinrich-Roth-Gesamtschule in Bodenfelde, standen nach bisherigen Ermittlungen aber in keiner Verbindung. Vor der Heinrich-Roth-Gesamtschule, die die beiden Opfer besuchten und an der rund 500 Schüler lernen, standen am Morgen nach dem Leichenfund Polizeibeamte und ein Streifenwagen.

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Ganz zum Schluss zeigte Jan O. Bedauern für das was, er getan hat. Der mutmassliche Mörder zweier Jugendlicher im niedersächsischen Bodenfelde hat sich für seine Taten bei den Familien der Getöteten entschuldigt. «Ich weiss auch nicht, was mich da geritten hat», sagte der 26-Jährige am Dienstag vor dem Landgericht Göttingen in seinem Schlusswort. Sein Verteidiger hatte sich zuvor in seinem Plädoyer weitgehend den Forderungen der Staatsanwaltschaft angeschlossen, allerdings gefordert, auf eine Sicherungsverwahrung zu verzichten.

Schon die Unterbringung in der Psychiatrie gewährleiste, dass Jan O. nicht freikomme, solange er noch gefährlich sei, sagte Anwalt Markus Fischer. Wenn der Angeklagte erfolgreich behandelt werden könnte, sei er nicht mehr gefährlich, müsse aber nach dem Antrag der Staatsanwaltschaft dennoch weiter sicherungsverwahrt werden. «Das käme einer nicht zulässigen Verlängerung der Freiheitsstrafe um zehn Jahre gleich», so Fischer.

Kannibalische und sexuelle Motive

Der 26-jährige Jan O. hatte bereits gestanden, im November 2010 zunächst die 14-jährige Nina und fünf Tage später den 13 Jahre alten Tobias getötet zu haben. Die Staatsanwaltschaft sowie die Anwälte der Eltern der Getöteten hatten am Montag wegen einer schweren Persönlichkeitsstörung und «erheblicher Rückfallgefahr» 15 Jahre Haft, die Unterbringung in der Psychiatrie und Sicherungsverwahrung gefordert. Nach Ansicht des Staatsanwaltes handelte Jan O. in beiden Fällen aus sexuellen und kannibalischen Motiven.

Bei der Frage nach den Beweggründen für den Mord an Tobias folgte Fischer den Erklärungen des Staatsanwaltes. Unklar blieb bis zuletzt, ob Jan O. den damals 13-Jährigen aus sexuellen Motiven tötete, oder, weil er sich ertappt fühlte. Er hatte den Jungen zunächst für ein Mädchen gehalten. Im Prozess gab er an, keine sexuellen Motive verfolgt zu haben, als er erkannte, dass es sich um einen Jungen handelt.

Allerdings fanden sich Blutspuren von Tobias an seiner Unterhose, was laut Staatsanwaltschaft für sexuelle Absichten spreche. Im Prozess soll Jan O., der Kontakte zur rechten Szene pflegte, ausgesagt haben, dass seine politische Überzeugung so etwas nicht zulasse. «Ich bin doch keine Schwuchtel», sagte er laut Fischer. Im Zweifel müsse jedoch von sexuellen Motiven ausgegangen werden, machte der Anwalt klar. Andernfalls könnte Jan O. zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt werden, da keine verminderte Schuldfähigkeit vorliegt.

Taten nicht wieder gut zu machen

Fischer ging in seinem Plädoyer auch auf seine eigene Rolle ein. Oft sei er gefragt worden, wie er «so einen Menschen» verteidigen könne. «Weil das meine Aufgabe ist», habe er dann geantwortet. An der Grausamkeit der Taten liess er am Montag aber keinen Zweifel aufkommen. «Was der Angeklagte den Familien angetan hat, ist mit rechtlichen Mitteln nicht wieder gut zu machen», sagte er und schrieb seinem Mandanten «seelische Abartigkeit» zu.

Der Anwalt machte auch klar, dass er Jan O. zwar zu einem Geständnis geraten habe, aber von dem detailreichen «Endgeständnis» dann doch überrascht worden sei. Dies habe der Angeklagte ohne sein Wissen an das Gericht versandt und damit «Tatsachen geschaffen», machte er deutlich. In dem 19-seitigen Schriftstück hatte der 26-Jährige kannibalische Handlungen bei den Taten zugegeben. Unter anderem soll er bei Nina ein Stück Fleisch aus einer Wunde am Hals abgebissen und herunter geschluckt haben.

Das Urteil wird am nächsten Montag erwartet.

(ap)

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