Bedrückt weil beleibt

23. Februar 2012 23:43; Akt: 24.02.2012 11:05 Print

Dumbos Diät

Er ist 370 Kilogramm schwer und hat seit zehn Jahren sein Bett nicht verlassen: Der dickste Mann der Welt heisst Keith Martin, ist 42 Jahre alt und lebt in London. Im Guinness-Buch möchte er nicht erwähnt werden.

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2012 gilt der 370 Kilogramm schwere Keith Martin als dickster Mann. Vor dem Briten ... ... hatte Manuel Uribe, der am 11. Juni 1965 zur Welt kam, diese zweifelhafte Ehre. Der Mexikaner brachte in Spitzenzeiten 592 Kilo auf die Waage, hungerte sich aber auf 200 Kilogramm herunter. Pauline Potter wog im Februar 2011 291 Kilogramm, was sie zur schwersten lebenden Frau macht. Damit setzte sie sich gegen Susan Eman (Jahrgang 1959) durch, die ebenfalls den Titel wollte, ihr Gewicht aber nicht offiziell belegen konnte. Doch die Amerikanerin hat noch grosses vor: Ihr Ziel ist, sich mit 20 000 Kalorien täglich 725 Kilogramm anzufressen, um den Rekord von Rosalie Bradford zu brechen. Dasselbe Ziel hatte die Amerikanerin Donna Simpson (Jahrgang 1967), die zu Spitzenzeiten 290 Kilo wog und den Weltrekord als dickste Gebärende hält. Sie hält mittlerweile Diät und wiegt noch 170 Kilogramm. Kenneth Brumley (geboren 1968) war bis zum Alter von 19 Jahren sportlich, doch als er inaktiv wurde, kamen die Pfunde. Er brachte offiziell 468 Kilogramm auf die Waage - einer der höchsten bestätigten Messungen. Als er einen Magen-Bypass bekommen sollte, musste die Feuerwehr seine Häuserwände einreissen, um ihn herauszubekommen. Eine Diät lässt ihn in 40 Tagen 76 Kilogramm verlieren. Inzwischen wiegt er «nur» noch 241 Kilo. Michael Hebranko (geboren 14. Mai 1953) hielt den Weltrekord für den grössten Gewichtsverlust. Im «St. Luke's Hospital» in New York konnte er es von 411 auf 90 Kilogramm reduzieren, seine Hüfte schmolz von 290 auf 91 Zentimeter herunter. In einer Vortragsreise durch die USA berichtete er von seinem Erfolg, der jedoch nicht lange anhielt. 1999 hatte er sich wieder 500 Kilogramm angefressen. Patrick D. Deuel (geboren am 28. März 1962) nahm Hebranko seinen Rekord ab, als er 410 Kilogramm verlor. Nach einem Magenbypass und Fettabsaugungen blieben 76 Kilogramm übrig, doch heute wiegt der Restaurantleiter wieder 193 Kilogramm. Carol Ann Yager (1960 bis 1994) soll zu Spitzenzeiten 725 Kilogramm gewogen haben. Als sie ein Jahr vor ihrem Tod ins Hospital eingeliefert wurde, wurden 540 Kilogramm gemessen. Die Amerikanerin starb an Nierenversagen. Walter Hudson (1944 bis 1991) hielt 1987 den Weltrekord für die weiteste Taille (3,02 Meter) und brachte maximal 543 Kilo auf die Hüften. Er starb wenige Wochen, nachdem er seine Verlobung bekannt gegeben hatte und wurde 47 Jahre alt. Zuletzt wog er 510 Kilogramm. Rosalie Bradford (1943 bis 2006) hält den Rekord im Gewichtsverlust bei Frauen. Als sie das College beendet, soll sie über 136 Kilogramm gewogen haben. Anschliessend wurde sie Fitnesstrainerin und obwohl sie regelmöässig joggte, nahm sie weiter zu. Nach der Geburt des ersten Kindes brachte sie 226 Kilo auf die Waage, später fesselte sie eine Blutvergiftung ans Bett. So soll sie sich 544 Kilogramm angefressen haben, der Umfang des Dekolletés betrug über 254 Zentimeter. Eine fünfjährige Diät brachte sie dann aber auf 136 Kilogramm herunter. Robert Earl Hughes (1926 bis 1958) war mit 486 Kilogramm zu Lebzeiten der dickste Mann der Welt. Er starb 32-jährig an den Folgen einer Harnvergiftung. Jon Brower Minnoch (1941-1983) soll schätzungsweise 635 Kilogramm gewogenn haben. Er wurde 1978 nach Herzversagen ins Hospital eingeliefert, im selben jahr heiratete er seine 50 Kilogramm schwere Frau. Sein Umfang ist einer Krankheit, der Gewebewassersucht, zuzuschreiben. Nach 16 Monaten strenger Diät wurde er mit 216 Kilogramm entlassen, landete 1981 aber wieder im Krankenbett, nachdem sich sein Gewicht auf 432 verdoppelt hatte. Zwei Jahre apäter starb er 362 Kilo schwer. Mills Darden (1799 bis 1857) soll nicht nur schwer, sondern mit 2,30 Metern auch sehr gross gewesen sein. Er brachte angeblich zwischen 454 und 499 Kilogramm auf die Waage und hatte eine Frau, die bloss 1,50 Meter gross war und 44 Kilogramm wog.

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Was Keith Martin zum Frühstück zu sich nimmt, reicht bei anderen für den ganzen Tag. Der 42-Jährige verputzt acht Hot Dogs und vier Scheiben Brot, die er mit gezuckertem Kaffee herunterspült. Bis Mittag reicht die Diät aber nicht: Bevor es 16 Würstchen und eine Familienpackung Ofen-Pommes gibt, isst der Engländer noch Kuchen, Biskuits und Schokolade.

Keith Martins Heisshunger ist sein Verhängnis: Mit einem Gewicht von knapp 370 Kilogramm ist er der wohl dickste Mann der Welt. Den zweifelhaften Titel hat er dem Mexikaner Manuel Uribe abgenommen, weil der auf Diät gesetzt worden war und nun «nur» noch 200 Kilogramm auf die Waage bringt.

Jährlich Kosten von 72 000 Franken

Der Preis, den Keith Martin und die Gesellschaft für die Fettleibigkeit zahlen, ist enorm: Der Mann hat sein Bett seit zehn Jahren nicht mehr verlassen – mal abgesehen von den Spitalbesuchen, die immer mal wieder nötig wurden. Zweimal täglich müssen sieben Pfleger anrücken, um Keith zu waschen, zu drehen und umzuziehen. Trotzdem überziehen Druckstellen seinen Körper, die täglich von zwei Krankenschwestern versorgt werden müssen. Wenn der frühere Lagerist zum Arzt gefahren wird, steht ein Grosseinsatz an: Ein Spezial-Krankenwagen und acht Männer sind für die Fahrt vonnöten.


Bilder von Keith Martin. Quelle: YouTube

Dass Martin auf Wohlfahrt angewiesen ist, versteht sich von selbst. Der Staat bezahlt die Miete für sein WG-Zimmer und eine Behindertenrente. Gut 72 000 Franken kommen so jedes Jahr zusammen, errechnete die britische «Daily Mail».

«Entweder bekomme ich das oder ich sterbe », wehrt sich Martin gegenüber dem Boulevardblatt gegen Kritik. Auch Raucher oder Extremsportler würde geholfen, so sein Argument. «So lange die Leute nicht so gelebt haben, können sie auch nicht über mich urteilen.» Doch der Pfundskerl weiss auch, dass es so nicht weitergeht. «Ich versuche abzunehmen. Hoffentlich dauert es nicht so lange.»

Nach dem Tod der Mutter ging das grosse Fressen los

Wie konnte es für Martin so dick kommen? Keith war ein 76 Kilogramm schwerer Junge, bis seine Mutter starb, als er 16 Jahre alt war. Von seinem Vater hatte sie sich zuvor getrennt. Mit dem Verlust begann der Brite hemmungslos zu essen und zu trinken. «Ich liess mich gehen. Das Essen war kein Trost, es war mir einfach egal.»

Er brach die Schule ab und arbeitete im Lagerhaus, bis sein Gewicht es nicht mehr zuliess. Die Zeit schlägt er mit Fernsehen, Gamen und Lesen tot. «Es ist mein Fehler. Ich bin derjenige, der gegessen hat, niemand hat mir eine Pistole an den Kopf gehalten und mich gezwungen. Ich hasse, was ich mir selbst angetan habe.»

Mit dem Fett gingen Depressionen einher – auch weil der Übergewichtige «Dumbo» gerufen wurde: Seit 20 Jahren hatte der 42-Jährige keine Freundin mehr. Seine Masse sind Martin, dessen Hüftumfang mit 183 Zentimetern seine Körpergrösse übertrifft, peinlich.

«Ich werde das Guinness-Buch der Rekorde nicht kontaktieren. Es ist nichts, worauf man stolz ist.» Im Gegenteil: Seine ganze Hoffnung liegt jetzt auf dem Einsatz eines Magenbandes. Dafür muss er aber erst sein Gewicht halbieren: Unterstützt wird er dabei von einem staatlichen Ernährungsberater. «Ich versuche meine Kalorienzufuhr bei 2500 pro Tag zu halten. Früher waren es 9000.»

(phi)