Massive Vorwürfe

15. Februar 2011 10:41; Akt: 15.02.2011 17:24 Print

Eigene Kinder 350 Mal missbraucht?

Der Prozess gegen den «deutschen Fritzl» hat begonnen: Die Staatsanwaltschaft wirft dem 48-Jährigen jahrelangen sexuellen Missbrauch und die Prostitution seiner Kinder vor.

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In diesem Haus sollen die Gräuel passiert sein. (Bild: Keystone)

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Zum Auftakt des Prozesses um Hunderte Fälle sexuellen Missbrauchs in einer Familie im Westerwald hat der Angeklagte die Vorwürfe bestritten und ansonsten die Aussage verweigert. Der 48-Jährige aus Fluterschen (Kreis Altenkirchen) gab am Dienstag vor dem Koblenzer Landgericht nur zu, Vater der acht Kinder seiner Stieftochter zu sein; ein Kind starb im Babyalter. DNA-Tests beweisen die Vaterschaft des 48-Jährigen.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, in 350 Fällen seine leibliche Tochter und zwei seiner Stiefkinder misshandelt und sexuell missbraucht zu haben. Seit 10. August sitzt er in Untersuchungshaft.

Am Dienstag sind neue Missbrauchsvorwürfe gegen den Mann bekannt geworden. Wie die Beweisaufnahme ergab, hat er möglicherweise auch eine gemeinsame im Februar 2004 geborene Tochter von ihm und seiner Stieftochter missbraucht. Gestützt wurde diese Vermutung durch ein ärztliches Gutachten aus dem vergangenen Jahr. Die Staatsanwaltschaft ermittele daher in einem separaten Verfahren, sagte der Richter.

Anti-Baby-Pille weggenommen

Da der Angeklagte zu keiner Aussage bereit war, wurde seine Stieftochter in nicht öffentlicher Sitzung befragt. Begründet wurde dies mit intimen Details, die nicht vor den Zuschauern und Journalisten dargelegt werden sollten. Laut Gericht wurde die Anklage aber durch die Vernehmung der Stieftochter gestützt. Zudem sind weitere Details bekannt geworden: Den Angaben zufolge habe der Angeklagte seiner Stieftochter die Anti-Baby-Pille weggenommen. Sie vermute daher, dass er es darauf angelegt habe, sie zu schwängern, berichtete der Richter über der nicht öffentliche Vernehmung. Als Beweise wurden zudem Fotos vorgelegt, die die Stieftochter bei sexuellen Handlungen mit weiteren Männern zeigen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 48-Jährigen unter anderem vor, seine Tochter und Stieftochter in 35 Fällen zur Prostitution gezwungen zu haben. Der Anklage zufolge begannen die Übergriffe auf die damals vier und fünf Jahre alten Stiefkinder im Jahr 1987. Der Missbrauch der leiblichen Tochter soll am Tag ihres zwölften Geburtstags begonnen haben. Nachdem die Kinder die Geburtstagsfeier verlassen hatten, zwang er das Mädchen, sich aufs Bett zu legen, heisst es in der Anklage. Als das Kind sich wehrte, soll er zu ihm gesagt haben, er dürfe das als Vater.

Ausgelöst wurden die aktuellen Ermittlungen durch einen Brief der leiblichen Tochter des Angeklagten, der an das zuständige Jugendamt weiter geleitet wurde. Darin beschuldigt die Tochter den Vater, sich immer wieder an ihr vergangen zu haben.

Ab dem Jahr 1995 hat der Familienvater laut Anklage seine Stieftochter regelmässig zwei Männern gegen Bezahlung zum Geschlechtsverkehr überlassen. Der Staatsanwaltschaft zufolge wurden das Opfer mit Schnaps gefügig gemacht. Bei den Treffen soll sich der Angeklagte mehrmals selbst befriedigt haben. Auch die heute 18 Jahre alte leibliche Tochter soll zur Prostitution gezwungen worden sein.

15 Jahre Haft drohen

Der 48-Jährige ist wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen und der Förderung sexueller Handlungen von Minderjährigen angeklagt. Laut Staatsanwaltschaft hatte er die Kinder auch brutal mit Gegenständen, unter anderem einer Peitsche, geschlagen. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm laut Gericht bis zu 15 Jahre Haft. Wegen der Schwere der Taten prüft die Staatsanwaltschaft, ob sie Sicherungsverwahrung beantragt. Die mutmasslichen Missbrauchsopfer sind am Prozess als Nebenkläger beteiligt.

Für den Prozess, der mit starkem Medieninteresse begann, sind insgesamt fünf Verhandlungstermine bis Ende Februar angesetzt.

Wegen des Falls steht auch das Jugendamt des Kreises Altenkirchen in der Kritik, das die Familie zwar über Jahre hinweg regelmässig besucht hatte, aber nicht eingeschritten war.

(ap)