Grossbritannien

17. Juli 2015 11:52; Akt: 17.07.2015 13:05 Print

Ein Stripper-Abend für Mamas Dignitas-Tod

Tara Baker und ihre Schwester wollen mit Strippern Geld für ihre Mutter sammeln – damit die kranke Frau in der Schweiz den Freitod wählen kann.

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Tara Baker (40) und ihre Schwester Rose (29) schmeissen am Freitagabend im «Goal House» in Llanelli, South Wales, eine Party nur für Frauen: Zunächst tritt eine Travestiekünstlerin auf, dann legen die Männer eine Stripshow hin, wo frau alles sieht, was es zu sehen gibt. Die «Ladies Night» hat für die Baker-Schwestern einen ernsten Hintergrund: Mit den Eintrittstickets von umgerechnet rund 22 Franken sammeln sie für den Freitod ihrer Mutter in der Schweiz.

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Jackie Baker (59) ist an der Motoneuron-Krankheit erkrankt, an der auch der weltbekannte Physiker Stephen Hawkins leidet. Dabei degenerieren die für die Motorik zuständigen Nervenzellen immer mehr. Der Körper zerfällt, während der Geist wach bleibt. Bereits Bakers Mutter war qualvoll daran gestorben. Dem will Jackie zuvorkommen: Sie will zur Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas reisen, um ihrem Leben ein Ende zu setzen.

«Ihr Sterbewunsch hat mit Würde und Kontrolle zu tun»

«Es war hart, als sie uns ihren Entschluss mitteilte», sagt Jackies Tochter Tara. Sie sprach mit 20 Minuten über die schwere Zeit, die ihre Familie durchmacht. «Natürlich haben wir lange darüber geredet. Doch meine Mutter ist ein freier Geist, ein kleiner Hippie. Zuzuschauen, wie es ihr täglich schlechter geht, ist schlimmer als das Wissen, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen will. Sie soll ihren Willen haben, so viel Würde müssen wir ihr zugestehen.»

Da die Familie sich Reise und Aufenthalt in der Sterbeklinik nicht leisten kann, kam Tara auf die Idee mit der Party – obwohl einige einen Abend mit Strippern, der Geld für einen Freitod einbringen soll, als geschmacklos bezeichnen könnten. Tara räumt ein: «Diese Art von Party ist nicht wirklich nach dem Geschmack meiner Mutter. Ihr Sterbewunsch hat viel mit Würde und Kontrolle zu tun. Die Veranstaltung vom Freitag nimmt dieser Würde etwas. Aber der Zweck heiligt die Mittel. Und meine Mutter musste lachen, als sie davon erfuhr.»

«In Grossbritannien wird jedes Haustier besser behandelt»

Der Zustand ihrer Mutter lasse es nicht mehr zu, an dem Stripabend teilzunehmen. Doch Jackie werde per Video zugeschaltet und versuchen, eine kleine Rede zu halten. «Sie will über ihre Krankheit reden, über ihr Vorhaben und die Gründe, wieso sie sterben will. Sie ist sehr entschlossen, das Thema ist ihr sehr wichtig.»

Das ist es auch für Tara. Sie hat lokale Zeitungen in South Wales informiert. Nicht nur, damit sie am Freitagsabend möglichst viele der insgesamt 400 Tickets verkaufen kann, sondern auch, um die Diskussion über die in Grossbritannien verbotene Sterbehilfe anzuregen. «Glauben Sie mir», sagt die 40-Jährige, «meine Mutter würde die Reise in die Schweiz lieber nicht auf sich nehmen. Wer will denn schon in der Fremde sterben? In Grossbritannien wird jedes Haustier besser behandelt!»

Dignitas-Chef: «Prüfen finanzielle Situation individuell»

Bislang hat die Familie auf den Stripabend, der im idyllischen Llanelli mit auffälligen Postern beworben wird, vornehmlich positive Reaktionen erhalten. Das bekräftigt sie, weitere Spendenprojekte anzupacken. Im September etwa will Tara aus einem Flugzeug springen. 8000 Pfund, umgerechnet fast 12'000 Franken sollen so bis Ende Jahr zusammenkommen. «Wir wissen nicht, wie viel Zeit uns bleibt», sagt Tara.

Dass der Plan an den Kosten scheitert, ist aber unwahrscheinlich, wie eine Anfrage von 20 Minuten bei Dignitas zeigt: «In unseren Statuten ist ausdrücklich festgehalten, dass wir die finanzielle Situation individuell prüfen und gegebenenfalls Beiträge herabsetzen oder gar streichen», sagte Dignitas-Chef Ludwig A. Minelli. Dafür aber müsste die finanzielle Situation der Betroffenen offengelegt werden, etwa mit einer Rentenbescheinigung. Tara reagiert überrascht, als sie davon erfährt – Minelli meint dazu lakonisch: «Entscheidend ist, dass die Leute das Info-Material genau lesen – was viele aus irgend einem Grund nicht tun»,

«Es wird immer realer», sagt Tara. Das sei beängstigend. «Aber wir wollen alles tun, um den Wunsch meiner Mutter zu erfüllen.»

(gux)