Wien

21. März 2016 18:44; Akt: 21.03.2016 18:44 Print

Entführer filmte Kampusch in ihrem Verlies

Die Ermittler haben mehrstündiges Videomaterial von Natascha Kampuschs Entführer Wolfgang Priklopil als «privat» eingestuft. Die Aufnahmen sind nun im Besitz der 28-Jährigen.

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Natascha Kampusch berichtete in der Doku «3096 Tage Gefangenschaft» ausführlich über ihre Zeit in den Fängen ihrers Entführers. Der Entführer Wolfgang Priklopil galt als einzelgängerisch und kontaktscheu. Natascha Kampuschs Mutter Brigitta Sirny sprach in der Dokumentation über die jahrelange Ungewissheit. Priklopils Freund Ernst Holzapfel, der auch im Visier der Ermittler stand, wiederholte in der Doku, dass er nichts von Natascha Kampuschs Entführung wusste. Im Keller dieses Hauses verbrachte Natascha Kampusch achteinhalb Jahre. Ein kleiner Tresor war der einzige Zugang zum Verlies. Im Bild: Ein Ermittler der Polizei zwängt sich durch die Öffnung. Der Kellerraum war klein und stickig. Mit jedem Tropfen Wasser stieg die Luftfeuchtigkeit. Schimmel wurde im Keller zu einem Problem. Die zur Lüftung eingesetzten Ventilatoren entwickelten sich mit ihren allgegenwärtigen Geräuschen zur «Folter» für das eingesperrte Mädchen. Insekten waren - auch im Bett des Mädchens -allgegenwärtig. Mit einer Zeitschaltuhr simulierte Priklopil Tag und Nacht im Keller. War der Strom aus, musste Natascha Kampusch in völliger Finsternis ausharren. Ihr Gefängnis durfte Natascha Kampusch nur ganz selten verlassen. Bei einem seltenen Ausflug in den Garten durfte Natascha Kampusch einmal einen Heckenzweig abbrechen und ihn mit in den Keller nehmen. Im Haushalt musste Kampusch wie eine Sklavin für Priklopil alles erledigen. Trotz sofort eingeleiteter Fahndung kam die Polizei Priklopil nicht auf die Spur. Schliesslich gelang Natascha Kampusch die Flucht, als Priklopil das Gartentor offenliess, während sie sein Auto waschen musste. Sie wurde in einem Garten in Strasshof entdeckt. Natascha Kampusch stellt am Ende der Doku noch einmal entschieden in Abrede, dass sie einem Kinderpornoring in die Hände gefallen war. Es habe nur Priklopil gegeben.

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Der Entführer von Natascha Kampusch (28) hat sein Opfer während der Gefangenschaft gefilmt. Die Polizei fand das mehrstündige Videomaterial nach ihrer Flucht im Jahr 2006.

Kampuschs Anwalt und die Wiener Staatsanwaltschaft bestätigten am Montag einen entsprechenden Bericht der «Welt am Sonntag». «Der Untersuchungsrichter hat mit den Ermittlern die Videos gesichtet und das Material als privat mit keinerlei Relevanz eingestuft», sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Laut Kampuschs Anwalt Gerald Ganzger gab es in den Videos «keine Hinweise auf strafrechtliche Taten von Lebenden». Es habe keinerlei Anzeichen dafür gegeben, dass neben dem Entführer Wolfgang Priklopil ein weiterer Täter beteiligt gewesen sein könnte. Deshalb seien die Aufnahmen an Kampusch übergeben worden. Die Staatsanwaltschaft habe keine Kopien angefertigt, erklärte ihr Sprecher.

Acht Jahre im Keller

Als Zehnjährige war Natascha Kampusch am 2. März 1998 entführt und mehr als acht Jahre lang in einem Keller in Priklopils Haus gefangen gehalten worden. Am 23. August 2006 gelang der damals 18-Jährigen die Flucht. Stunden später wurde der Entführer von einem Zug überfahren. Um den Fall ranken sich immer wieder Verschwörungstheorien. Die Polizei hatte in ihrem Endbericht vom April 2013 keinen Zweifel daran, dass sich der Entführer selbst das Leben nahm.

Die «Welt am Sonntag» hatte am Wochenende über die Videos berichtet. Die Zeitung zitierte in ihrem Bericht aus dem Buch «Der Entführungsfall Natascha Kampusch: Die ganze beschämende Wahrheit» des ehemaligen Kriminalbeamten Peter Reichard, das am Montag veröffentlicht wurde.

(sda)