Mitternachtssonne

14. August 2011 13:24; Akt: 14.08.2011 13:25 Print

Ewiges Fasten am Polarkreis

von Kian Ramezani - Wähend des Ramadans soll der Gläubige bis Sonnenuntergang fasten. Und wenn die Sonne nicht untergeht? Die Muslime im Norden Norwegens wissen sich zu helfen.

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Die 70 000-Seelen-Stadt Tromsø hoch im Norden Norwegens um Mitternacht am 7. Juli 2008. (Bild: Wikimedia/Rritvos)

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Der Prophet Mohammed hat es vermieden, den Gläubigen einen exakten Zeitpunkt anzugeben, wann sie ihr Fasten brechen dürfen. «Haltet das Fasten durch bis zur Nacht», heisst es im Koran. Wann die Dämmerung aufhört und die Nacht anfängt, ist aber Interpretationssache. Seit jeher gilt deshalb der Sonnenuntergang als verbindlich. Dummerweise funktioniert dieser Kunstgriff nicht überall: Wenn der Ramadan wie dieses Jahr in die Sommerzeit fällt, geht die Sonne in der Nähe des nördlichen Polarkreises nur kurz oder überhaupt nicht unter.

Dem Propheten ist gewiss kein Vorwurf zu machen. Wie viele andere Textstellen im Koran lassen auch die Suren über den Ramadan reichlich Interpretationsspielraum zu. Dadurch wollte er sicher stellen, dass die heilige Schrift auch nach Jahrtausenden noch flexibel genug für eine moderne Auslegung ist. Den Einbruch der Nacht pragmatisch auf den Sonnenuntergang festzulegen, haben seine Nachkommen verbrochen. Ihre Annahme: Wo auch immer ein Gläubiger sich aufhält, den Sonnenuntergang wird er immer sehen. Das mag auf die Arabische Halbinsel und weite Teile der Welt zutreffen. Aber eben nicht auf alle.

Mekka-Zeit in Norwegen

Das Problem stellte sich lange Zeit nicht, denn weiter nördlich als Zentralasien vermochten die arabischen Eroberer nicht vorzustossen. Erst mit den modernen Migrationsbewegungen siedelten Menschen islamischen Glaubens in Gebieten hoch im Norden. In Norwegen leben heute rund 100 000 Muslime, die meisten von ihnen in den Bevölkerungszentren in der Südhälfte. Knapp 2000 Hartgesottene haben sich in der Nordhäfte niedergelassen. Die Hälfte von ihnen konzentriert sich auf Tromsø, 344 Kilometer nördlich des Polarkreises.

Der Tag – und damit die theoretische Fastenzeit - dauert in Tromsø aktuell knapp 19 Stunden. Sonnenaufgang ist um halb vier morgens, Sonnenuntergang um zehn Uhr abends. Zum Essen und Trinken bleiben also fünf Stunden, und das zu einer sehr ungünstigen Tageszeit. «Wir haben uns mit diesem Thema in den vergangenen Jahren intensiv beschäftigt», schreibt Sandra Maryam Moe vom islamischen Zentrum Tromsø auf Anfrage. «Wir haben beschlossen, uns nach der Zeit Mekkas zu richten, dem heiligsten Ort der Muslime». Aus dieser Umstellung resultiert ein «Nachtgewinn» von sechs Stunden.

Auch in der Polarnacht konsequent

Offenbar sind auch Islamgelehrte und Astronomen aus dem Ausland auf die besonderen Bedingungen am Polarkreis aufmerksam geworden. Tromsø erhielt kürzlich Besuch von einer Delegation aus der Türkei, deren Bericht mit Spannung – und einer gewissen Beunruhigung erwartet wird: «Ihre Empfehlungen werden wahrscheinlich völlig anders ausfallen», vermutet Moe. Dabei ist Tromsø nicht einmal der nördlichste Aussenposten des Islams. Auch in Hammerfest und Alta steht je eine Moschee. Erstere ist die nördlichste der ganzen Welt.

Unabhängig von den Befunden der türkischen Expertenkommission: Opportunismus kann den Muslimen im äussersten Norden Norwegens nicht vorgeworfen werden. In den Polarnächten, wenn die Sonne gar nicht oder nur kurz aufgeht, wären sie faktisch vom Fasten befreit. Doch auch dann gilt die Mekka-Regelung. Wenn der Ramadan in die sieben bis acht Monate mit «normalen» Tages- und Nachtzeiten fällt, gelten hingegen die lokalen Bedingungen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • A.F. am 17.08.2011 06:33 Report Diesen Beitrag melden

    Jahrtausende?

    Jahrtausende...? Den Koran gibts eigentlich erst ca seit 400 nach Christus :)

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  • H.K. am 14.08.2011 18:04 Report Diesen Beitrag melden

    unwichtig

    Das ist jetzt nun wirklich nichts Wichtiges.

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  • gelöscht am 15.08.2011 18:29 Report Diesen Beitrag melden

    gelöscht

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ortadox am 30.08.2011 09:24 Report Diesen Beitrag melden

    Ortodox

    für die muslime und denen fastenzeit werden überal grosse werbungen und gross geschrieben. für den Heilige Land und denen fastenzeit habe nie ein mal etwas gelesen. Die Ortodoxen Haben auch einen Fastenzeit!!!

  • R.W. am 18.08.2011 15:50 Report Diesen Beitrag melden

    Die Muslime? Differenzieren bitte...

    Der Artikel differenziert aus meiner Sicht zu wenig unterschiedliche Haltungen zwischen Muslimen. Für viele Muslime ist die Situation der langen Tage nicht so überraschend, da es Überlieferungen vom Propheten Muhammed (saw) dazu gibt: Vom Propheten wurde vorausgesagt, dass es die Situation geben wird, wo 1 Tag Wochen, Monate oder sogar Jahre lang dauern wird. Die Gefährten vom Prophten fragent ihn ob Sie dann nur 5 mal pro Jahr beten können. Was der Prophet verneinte und erwiderte, das man Berechnungen anstellen soll für die Gebetszeiten. [Ref: Tirmidhi, Fitan, 57; Madschma az-Zawaid, 7, 351]

    • Us. Ba., Lugano am 19.08.2011 15:20 Report Diesen Beitrag melden

      Ramadan

      Tessiner, R.W. hat vollig recht!

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  • Nachdenken am 17.08.2011 08:49 Report Diesen Beitrag melden

    Gesund?

    Den ganzen Tag nichts trinken schadet den Nieren. Vorallem im Sommer wenn man draussen arbeitet. Was ist also der Sinn der Regelung wenn sie der Gesundheit schadet? Als Mohamed lebte musste man das Trinkwasser kaufen. Arme Leute hatten oft nicht das Geld dazu. Wenn man am eigenen Leib erlebt wie es ist den ganzen Tag durstig zu sein sollte man eher bereit sein einem Armen mal ein Schluck Wasser zu spendieren. Vieleicht sollten wir das heute als Mahnung nehmen auf das Trinkwasser zu achten und die Umwelt schuetzen.

  • A.F. am 17.08.2011 06:33 Report Diesen Beitrag melden

    Jahrtausende?

    Jahrtausende...? Den Koran gibts eigentlich erst ca seit 400 nach Christus :)

    • Henri Sollberger am 17.08.2011 12:34 Report Diesen Beitrag melden

      Quatsch!

      Der Koran entstand im 7. Jahrhundert! Die von Ihnen zitierten Jahrtausende beziehen sich im Artikel auf die künftigen Jahrtausende.

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  • Wolf am 16.08.2011 13:35 Report Diesen Beitrag melden

    Fasten

    Fasten ist gut und reinigend für Körper und Geist. es ist offensichtlich dass hierzulande kaum gefastet, wird.

    • M. S. am 17.08.2011 01:40 Report Diesen Beitrag melden

      Fasten = Festen.

      Wir nehmen während der Fastenzeit zu, wir essen (nach Sonnenuntergang) ungesünder als sonst!

    • B. R, am 17.08.2011 08:55 Report Diesen Beitrag melden

      Gewichtszunahme

      Ramadan heisst nicht weniger essen es heisst nur auf weniger Mahlzeiten verteilt essen. Die meisten Muslime legen im Ramadan Gewicht zu. Ich arbeite mit einigen muslimischen Arbeitskollegen zusammen. Den ganzen Tag nichts essen: "ja" aber fasten im Sinne von insgesamt weniger essen: ganz klar "nein".

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