«Idealisiert ungesunde Beziehung»

14. Januar 2018 19:51; Akt: 14.01.2018 19:51 Print

Streit nach Flüchtlings-Doku im Kinder-TV

Eine Doku über die Liebe zwischen einem syrischen Flüchtling und einem deutschen Mädchen beschäftigt Deutschland seit Tagen. Der Syrer bekommt sogar Morddrohungen.

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«Malvina, Diaa und die Liebe». So heisst die Dokumentation, die in deutschen Medien und sozialen Netzwerken seit Tagen für heftige Diskussionen sorgt. Sie wurde auf dem Kinderkanal (KiKa) in der Reihe «Schau in meine Welt» ausgestrahlt und zeigt die Liebesbeziehung zwischen der Deutschen Malvina (16) und dem syrischen Flüchtling Diaa (19).

Stein des Anstosses war zunächst vor allem das Alter von Diaa: Nachdem es auf der Website des TV-Senders geheissen hatte, der Syrer sei 17 Jahre alt, wurde sein Alter vergangenen Montag auf 19 Jahre korrigiert. Nachdem die Bild darüber berichtet hat, ist eine öffentliche Debatte über den 25-minütigen Film entbrannt.

Malvina ist «kompromissbereit»

Die Doku zeigt den Beziehungsalltag des Paares – und auch die kulturellen Unterschiede. «Es ist für mich sehr schwierig zu sehen, wenn sie mit anderen Typen redet. Umarmen geht gar nicht», sagt etwa Diaa. «Du kannst mir nicht vorschreiben, mit wem ich mich unterhalten soll», antwortet seine deutsche Freundin. Malvina sagt aber auch, sie sei kompromissbereit, etwa wenn es um das Tragen von kurzen Kleidern geht: «Er ist mir wichtiger als meine Hotpants.» Ausserdem hat sie aufgehört, Schweinefleisch zu essen.

Diaa ist strenggläubig. «Die Religion gibt mir Regeln. Ohne Religion hast du keine Regeln und ohne Regeln kein Leben», sagt er. Kopftuch tragen oder zum Islam konvertieren will seine Freundin aber nicht: «Ich bin Christin – und eine Emanze!» Dennoch sagt sie: «Ich habe oft das Problem mit ihm, dass ich in eine Richtung gelenkt werde, in die ich gar nicht kommen möchte.»

Kritik an fehlender Einordnung

Kritisiert wurde vor allem die fehlende Einordnung der Aussagen der Protagonisten in einer Sendung, die sich laut Kika an 3- bis 13-Jährige richtet. Psychologin Anke Precht sagte zur Bild: «Aus meiner Sicht kann man den Film 12-, 13- oder 14-jährigen Kindern in der Schule zeigen und anschliessend mit ihnen diskutieren. Für kleinere Kinder ist er absolut ungeeignet und pädagogisch äusserst fragwürdig.»

Der Sender konterte: «‹Schau in meine Welt› ist eine Dokumentations-Reihe und erzählt Geschichten konsequent aus der Sicht von Protagonisten. Es geht darum, möglichst authentisch ihre Innensicht zu zeigen und die Welt aus ihrer Sicht zu erzählen. Dieses Genre schliesst eine direkte Kommentierung oder Einordnung von aussen aus.»

Diaa bekommt Morddrohungen

Aufgrund der Diskussionen hat der Hessische Rundfunk (HR) am Samstagnachmittag eine Sondersendung zum Thema ausgestrahlt. AfD-Politiker Dirk Spaniel kritisierte dort, dass die Doku eine ungesunde Beziehung idealisiere. Darauf konterte Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, Malvina unterwerfe sich nicht, auch wenn sie in einigen Punkten kompromissbereit sei.

Ursprünglich sollte auch Diaa selbst Stellung beziehen. Denn vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass er die Facebookseite des radikalen Predigers Pierre Vogel geliked hat. Doch das voraufgezeichnete Interview wurde nicht ausgestrahlt – «aus Verantwortung unserem Protagonisten gegenüber», wie HR-Fernsehdirektorin Gabriele Holzner sagte. Der junge Mann bekomme nämlich Morddrohungen von radikalen Islamisten. Ihnen gefalle nicht, «wie ‹modern› er ist und ‹wie viel er sich von seiner Freundin sagen lässt›», so Holzner weiter.

Der Syrer kommt aber am Schluss der Sendung trotzdem noch zu Wort, zusammen mit seiner Freundin. Ihm gehe es «seelisch nicht sehr gut», sagt er. Er werde im Internet als Terrorist dargestellt, das sei ganz falsch.

(nk)