06. Dezember 2007 15:30; Akt: 06.12.2007 17:09 Print

Franzosen schlagen ihre Kinder

Die «Fessée», wie das Hinternversohlen in Frankreich genannt wird, ist nach wie vor eine allgemein akzeptierte Erziehungsmethode. Szenen in der Öffentlichkeit gehören zum Alltag.

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Vor der Supermarktkasse in Buc westlich von Paris staut sich die Schlange. Ein kleiner Junge büchst seinem Vater aus und greift ins Süssigkeitenregal. «Komm sofort zurück», ruft der entnervte Vater. Das Kind kümmert sich nicht darum und packt einen Schokoriegel aus. Dem Vater platzt der Kragen. Er greift sich sein Kind und haut ihm mit kräftigen Schlägen auf den Hintern. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Das Kind schreit vor Schmerz und Schreck, die wartenden Einkäufer verziehen keine Miene. Niemand stört sich an der öffentlichen Züchtigung oder gebietet dem Vater Einhalt.

Szenen wie diese gehören in Frankreich zum Alltag. Die «Fessée», wie das Hinternversohlen beim westlichen Nachbarn genannt wird, ist nach wie vor eine allgemein akzeptierte Erziehungsmethode. In einer am Donnerstag von der Organisation Union des Familles en Europe (UFE) veröffentlichten Studie gaben 96 Prozent der befragten Kinder an, schon mindestens ein Mal derart gezüchtigt worden zu sein. 87 Prozent der Eltern räumten ein, eine Tracht Prügel auf den Allerwertesten gehöre zu ihren pädagogischen Praktiken.

«Das ist auch gut so», sagt Isabelle Bourgois vom deutsch-französischen Forschungsinstitut Cirac in Cergy bei Paris. «Die Erziehung bei uns ist nicht so soft wie in Deutschland.» Wegen der hohen Berufstätigkeit der Mütter müssten sich die Kinder schon von klein auf in die Gesellschaft fügen. «Die Kleinen sind keine halben Erwachsenen, denen man alles zu erklären versucht», sagt sie. «Die Kinder werden mit dem Klaps auf den Po gezwungen, die Spielregeln zu akzeptieren.»

Allerdings glauben nur 55 Prozent der befragten Kinder, ihre Eltern hätten pädagogische Motive. Jeder Dritte hat den Eindruck, seine Erziehungsberechtigten würden sich mit den Schlägen schlicht abreagieren - was acht von zehn Müttern und Vätern auch zugeben. Der Erfolg ist erwartungsgemäss zweischneidig: Zwar gehorchen die Kinder oft, um Schläge zu vermeiden, sagt Bourgois. Französische Lehrer und Erzieher warnen trotzdem immer häufiger vor einer alarmierende Zunahme der Gewalt in Schulen und Vorschulen.


Mehrheit gegen Prügelverbot

Staatspräsident Nicolas Sarkozy kündigte im Wahlkampf an, gegen eine grassierende Disziplinlosigkeit vorzugehen. Er machte die 68er für einen moralischen Sittenverfall verantwortlich. An fehlenden «Fessées» kann es nicht liegen: Pikanterweise langt die Generation der Studentenbewegung der UFE-Studie zufolge sogar um einen Prozentpunkt häufiger zu als die Nachkriegsgeneration.

Manche Experten sehen die Ergebnisse daher als verheerendes Zeugnis für die französische Gesellschaft. «Prügelstrafen sind sehr schädlich für Kinder, das steht wissenschaftlich ausser Frage», sagt die Kinderärztin Jacqueline Cornet. Gegenüber der Zeitung «Le Figaro» verwies sie auf die enge Korrelation von Schlägen und psychosomatischen Krankheiten. «Wir müssen endlich mit dieser negativen Erziehung aufhören.»

Danach sieht es nicht aus. Anders als in Deutschland und den meisten anderen europäischen Staaten ist die körperliche Züchtigung von Kindern in Frankreich nicht verboten. Sarkozys Regierung plant kein derartiges Gesetz zum Schutz Minderjähriger, und ignoriert damit eine Forderung des Europarates. Öffentlichen Druck gibt es nicht: 53 Prozent der französischen Eltern sind gegen ein Verbot der Schläge. Und sieben von zehn Kindern gaben in der Studie an, bei einer Familiengründung selbst zu dem schmerzhaften Mittel greifen zu wollen. Immerhin ist die Ohrfeige auf dem Rückzug, sie gehört noch zum Repertoire von einem Viertel der Eltern.

(ap)