Schreckliche Familie

02. Dezember 2011 11:27; Akt: 02.12.2011 12:02 Print

Gequält, bedroht und missbraucht

Eine junge Frau wurde fast ein Jahr lang gefangen gehalten und sexuell missbraucht. Nun stehen die Peiniger der «Haussklavin» aus dem deutschen Hassmersheim vor Gericht.

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Das Blitzlichtgewitter ist der blonden Frau aus dem deutschen Würzburg sichtlich unangenehm, sie hält den Kopf gesenkt und trommelt mit den Fingern auf den Tisch. Seit ihr Schicksal als «Haussklavin» von Hassmersheim bundesweit für Schlagzeilen sorgte, steht Sandy M. ungewollt im Rampenlicht. Zu Beginn des Prozesses gegen ihre mutmasslichen Peiniger am Donnerstag vor dem Mosbacher Landgericht musste sich die 21-Jährige als Nebenklägerin erneut dem Medienrummel stellen – und den beiden Menschen, die sie laut Staatsanwaltschaft fast ein Jahr lang gefangen hielten.

Die Anklagebehörde legt Horst und Lilia Ingrid K. Geiselnahme zur Last. Der 51-jährige Mann muss sich zudem wegen gefährlicher Körperverletzung in 50 Fällen, vorsätzlicher Körperverletzung in 71 Fällen und sexueller Nötigung verantworten. Regungslos verfolgen beide das Verlesen der Anklageschrift.

Opfer suchte familiären Halt

Demnach war Sandy M. eine Internet-Bekannte ihres minderjährigen Sohnes und im Frühjahr 2010 zu der Familie gezogen, weil sie keine eigene Bleibe hatte. Im Juni habe Horst K. sie zum ersten Mal geschlagen. Immer häufiger setzte es laut der Anklage Schläge, doch sie ertrug sie, weil sie familiären Halt suchte und nicht wusste, wohin sie sonst sollte.

Doch die Schikanen wurden immer schlimmer. Der Anklageschrift zufolge musste Sandy M. im Haushalt schuften, durfte die Wohnung nicht allein verlassen und wurde bei Ausgängen streng bewacht. Ihren Ausweis, ihre EC-Karte und die SIM-Karte ihres Handys musste sie abgeben. Nach einem fehlgeschlagenen Fluchtversuch soll ihr Horst K. gedroht haben, sie die Treppe hinunterzustossen und ihr den Kopf abzuschneiden. Immer häufiger und brutaler soll K. zugeschlagen haben und dabei auch zu Stöcken und einem Gürtel gegriffen haben. Seine Frau soll die Taten ihres Mannes gerechtfertigt und das Opfer als «frech und hinterlistig» beschimpft haben.

Opfer trug bleibende Schäden davon

K. habe ein «Herrschafts- und Gewaltverhältnis» aufgebaut mit dem Ziel, Sandy M. an der Flucht zu hindern und sie gefügig zu machen, meint die Staatsanwaltschaft. Er habe seine sadistischen Neigungen ausgelebt und seinem Opfer gesundheitliche Schäden zugefügt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft erlitt die junge Frau durch einen Faustschlag einen Netzhauteinriss am rechten Auge, der ihre Sehfähigkeit voraussichtlich dauerhaft beeinträchtigen wird.

Bei der Untersuchung der jungen Frau nach ihrer Flucht entdeckten Ärzte demnach zahlreiche Hautunterblutungen sowie Hinweise auf Nasenbeinbruch und eine ältere Fraktur von zwei Rippen. «Mir tut alles weh. Ich kann nicht mehr», hatte Sandy M. kurz nach ihrer Flucht Anfang Juni in einer E-Mail geschrieben, die sie ausgerechnet an ihre Peinigerin Lilia K. schickte.

Die beiden Angeklagten, die wegen eines ähnlich gelagerten Falls bereits von einem anderen Gericht verurteilt wurden, äusserten sich zu Prozessbeginn nicht zu den Vorwürfen. Zumindest Lilia K. wirkte jedoch nachdenklich. Sie wolle auf alle Fälle «ein anderes Leben», sagt die 46-Jährige auf die Frage, wie es nach dem Prozess weitergehen solle. Auch über eine Scheidung denke sie nach.

(ap)