Severn Road

26. Dezember 2011 21:27; Akt: 27.12.2011 09:05 Print

Geschichten zur teuersten Strasse der Welt

von Patrick Toggweiler - Die Severn Road in Hongkong ist das teuerste Pflaster der Welt. Doch nicht nur die Aussicht und die Bodenpreise sind fantastisch, sondern auch die Storys, die sich darum ranken.

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Wer es hierhin geschafft hat, hat einen steilen und schweisstreibenden Aufstieg hinter sich. Die 1,6 Kilometer lange Severn Road schlängelt sich über Hongkongs Wolkenkratzern dem Mount Gough entlang. Die Strasse ist übersät mit Unebenheiten und teilweise so eng, dass nur ein gewiefter Fahrer einen Rolls Royce ohne Kratzer ans Ziel bringt. Es wimmelt hier nur so von Luxuskarossen, auch wenn die Strasse auf den ersten Blick etwa so viel Glamour versprüht wie die Winterthurerstrasse in Schwamendingen. Tatsächlich aber wohnen hier nur die Reichsten der Reichen – jene, die den steilen Aufstieg auch sprichwörtlich hinter sich haben.

Laut der «Financial Times» wird an der Severn Road mit 78 200 Dollar der höchste Quadratmeterpreis für Wohneigentum weltweit bezahlt. Die Konkurrenzzeitung «Financial News» sieht die Severn Road hinter der Avenue Princesse Grace in Monaco auf dem zweiten Platz. Ein Formel-1-Rennen kann das unebene Strässchen zwar nicht bieten. Dafür aber eine der spektakulärsten Aussichten der Welt. Und das bei so viel Ruhe wie in Hongkong halt möglich.

Die Lage ist exklusiv, die Aussicht auf die Skyline von Hongkong traumhaft. Nur gerade 60 Privatresidenzen lauten auf die Adresse Severn Road. Laut Telefonbuch wohnt hier nicht ein einziger Lee – immerhin gibt es davon in China ca. 100 Millionen. Doch das Telefonbuch ist für die Severn Road ein schlechter Ratgeber. Mehr geben die Klatschspalten der lokalen Zeitungen her.

Severn 8: Das «Dallas» von Hongkong

22 Häuser der Severn Road gehören zu einem Villenkomplex mit der Nummer 8, der chinesische Zahl für Wohlstand. Erbaut wurde «Severn 8» 2006 von Hongkongs grösster Immobilienfirma Sun Hung Kai Properties (SHKP). Das Unternehmen wurde damals von den drei Brüdern Thomas, Raymond und Walter Kwok (CEO) kontrolliert. Mit einem geschätzten Vermögen von 20 Milliarden Dollar, sind die Kwoks die zweitreichste Familie der Finanzmetropole.

Das enorme Vermögen war auch einem gewissen Cheung Tze-keung nicht entgangen. Der Gangsterboss war 1996 mit der Entführung des Sohnes von Hongkongs reichstem Einwohner zu 165 Millionen Schweizer Franken Lösegeld gekommen. Ähnliches erwartete er sich 1997 vom Kidnapping von Walter Kwok. Nach sieben Tagen Gefangenschaft bezahlte Walters Mutter nach Verhandlungen 600 Millionen HK$ (70 Millionen Schweizer Franken). Es wird gemunkelt, entgegen dem Willen von Raymond und Thomas.

Nach einer kürzeren Auszeit kehrte Walter Kwok wieder an die Spitze des Unternehmens zurück. Die Entführung hatte aber seine Spuren hinterlassen, das wenigstens behaupteten seine jüngeren Brüder. Sie versuchten vor Gericht seine Urteilsfähigkeit in Frage zu stellen - ausserdem stehe der verheiratete Walter unter dem negativen Einfluss seiner Geliebten Ida Tong, die er aufgrund des Vetos seines Vaters Jahre zuvor nicht ehelichen durfte. Am Ende war es wieder die Mutter, die das Problem löste und Walter als CEO ersetzte. Seit wenigen Tagen wird die Firma nun von Raymond und Thomas geführt. Walter hat sich von den Geschäften zurückgezogen.

Feng-Shui-Meister und Erbschleicher

Eine Entführung kann auch die Story um das Haus Nr. 3 an der «Severn 8» bieten. Es gehörte dem Geschäftsmann Tony Chan. Nach dem Tod von Hongkongs reichster Frau Nina Wang im Jahre 2007 behauptete Chan, nicht nur ihr Feng-Shui-Berater sondern auch ihr geheimer Liebhaber gewesen zu sein und deshalb Anspruch auf ihr Erbe (geschätzte 4 Milliarden Franken) zu haben.

Nina Wang hatte sich ihr Vermögen ihrerseits per Gerichtsentscheid erstritten, nachdem ihr Mann Teddy trotz Lösegeldbezahlung von 4 Millionen Franken von seinen Entführern nicht freigelassen wurde. Er blieb verschollen. Obwohl man seine Leiche nie fand, wurde Teddy 1999 aufgrund von Aussagen von Triaden-Mitgliedern offiziell für tot erklärt. Nicht wenige in Hongkong bezweifeln sein Ableben und vermuten, er würde im Hintergrund noch immer die Fäden ziehen.

Einen Tag nachdem Feng-Shui-Meister Chan seine Ansprüche an Nina Wangs Vermögen geltend machte, stand die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl vor seinen Türen. Statt sich das unermessliche Vermögen unter den Nagel reissen zu können, kriegte Chan Ärger mit der Steuerbehörde. Laut «The Standard» schrieb Chan in der Folge neben einem Privatjet und einer Yacht auch sein Haus an der Severn Road zum Verkauf aus - für 18 Millionen Franken. Man sagt, sein Lächeln, Chans Markenzeichen, sei verblasst.

Nachbar von Chan in Haus Nummer 1 war zu diesem Zeitpunkt Thaksin Shinawatra. Gerüchten zufolge soll der in seiner Heimat gesuchte ehemalige thailändische Ministerpräsident von der Severn Road aus sein politisches Comeback vorbereitet haben. Für sein 470m²-Haus bezahlte der Thailänder 2007 knapp 25 Millionen Franken – Rekord für Hongkong. Heute bekommt man für denselben Preis nicht einmal mehr die Hälfte des Wohnraums. Denn nicht nur die Bewohner haben einen steilen Aufstieg hinter sich.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tom Fah am 27.12.2011 06:53 Report Diesen Beitrag melden

    Wolkenkratzer

    Spektakuläre Aussicht sieht für mich anders aus. Wolkenkratzer ... pffffffff ... da muss schon Natur her!

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  • Misteryshopper am 27.12.2011 08:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schön ist anders...

    Schön ist anders! Zudem: keine Aussicht der Welt rechtfertigt solche Preise! Ausserdem kann man sich für so viel Geld wohl etwas Eigenes kaufen, statt sich mit einem Gemeinschaftspool zu begnügen...

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  • J. S. am 27.12.2011 09:34 Report Diesen Beitrag melden

    PEAK TOWER

    Also ich bin diese Strasse schon öfters herunter spaziert. Vom Peak Tower aus ist es ein sehr schöner Weg runter nach Central, als mit dem Peak Tram (schweizer Zahnradbahn). Ist wirklich eine sehr sehr schöne Strecke, erstrecht in der Nacht.

Die neusten Leser-Kommentare

  • G. Ier am 27.12.2011 14:16 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Neid, eher Verachtung

    Jaja ... und in Hongkong, in den Strassen, da sitzen die Ärmsten und versuchen zu überleben ... aber das ist ja weit weg und tief unten im Smog, kaum sichtbar ... Hauptsache die Aussicht ist gut.

    • Pragmatiker am 28.12.2011 17:45 Report Diesen Beitrag melden

      Wo bitte?

      Gibt es "die Ärmsten" die zu überleben versuchen? In Hong-Kong? Warst du mal da? Hast su sie gesehen?

    • Philipp am 29.12.2011 16:39 Report Diesen Beitrag melden

      Allerdings!

      Ja die gibt es z.B. an den Fähre-Stationen auf Hong Kong Island und in Kowloon!

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  • Rafael am 27.12.2011 12:00 Report Diesen Beitrag melden

    Billionäre...

    Also Billionäre wird man wohl kaum als Nachbarn haben. Vielleicht aber Milliardäre (engl. billionaires)

    • Urs B. Senn am 28.12.2011 06:37 Report Diesen Beitrag melden

      Denkende Menschen

      Hervorragend - ich bin froh, dass dies noch jemand bemerkt hat... :-)

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  • J. S. am 27.12.2011 09:34 Report Diesen Beitrag melden

    PEAK TOWER

    Also ich bin diese Strasse schon öfters herunter spaziert. Vom Peak Tower aus ist es ein sehr schöner Weg runter nach Central, als mit dem Peak Tram (schweizer Zahnradbahn). Ist wirklich eine sehr sehr schöne Strecke, erstrecht in der Nacht.

  • Petra Müller am 27.12.2011 09:30 Report Diesen Beitrag melden

    Schöne Aussicht = üblicherweise Smog

    "die Aussicht auf die Skyline von Hongkong traumhaft" Mag sein, wenn das Wetter so gut ist, wie auf den Fotos. Wer schon mal in Hongkong war, der weiss, dass man vom Peak nur mit Glück durch den Smog auf die andere Seite des Wassers sieht... Die Anzahl Tage mit schöner Aussicht hält sich wohl in Grenzen.

  • Misteryshopper am 27.12.2011 08:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schön ist anders...

    Schön ist anders! Zudem: keine Aussicht der Welt rechtfertigt solche Preise! Ausserdem kann man sich für so viel Geld wohl etwas Eigenes kaufen, statt sich mit einem Gemeinschaftspool zu begnügen...

    • Xiang Gang am 27.12.2011 09:33 Report Diesen Beitrag melden

      Platzproblem

      Die Preise kommen nicht durch die Aussicht zu stande. Die Preise kommen durch die Einzigartigkeit der Aussicht zu stande. In HK hats so wenig Platz, die müssen sich was einfallen lassen, dass nicht alles sofort verkauft wird.

    • Urs B. Senn am 28.12.2011 06:40 Report Diesen Beitrag melden

      Falsch

      Die Preise kommen durch 'den Markt' zustande - d.h. Angebot und Nachfrage. Dies wirkt fast gleich wie der Mechanismus, welchen Sie erwähnt haben, doch im Innern wirken dabei konzeptionell andere Kräfte. So oder so - die preise sind heutzutage scheinbar "gebräuchlich" - oder hat jemand nicht von der knapp über 20-jährigen Studentin gelesen, welche in NY eine Wohnung für 80 Mio. gekauft hat...

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