Melbourne

24. November 2016 17:54; Akt: 24.11.2016 17:54 Print

Gewitter-Asthma bringt Spitäler ans Limit

In Melbournes Kliniken herrscht Chaos – wegen einer seltenen Asthma-Form, die durch Gewitter ausgelöst wird. Vier Menschen starben an den Anfällen.

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Ein Gewitter über Australiens zweitgrösster Stadt Melbourne hat seltene Asthma-Attacken ausgelöst, die mindestens vier Menschen das Leben kosteten. Hunderte weitere Menschen wurden wegen des sogenannten Gewitter-Asthmas in Spitälern behandelt.

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Das schwere Unwetter am Montagabend (Ortszeit) liess regendurchnässte Graspollen zerplatzen. Deren feiner Blütenstaub verteilte sich über der Stadt und sorgte dafür, dass Menschen Asthma-Attacken bekamen, die vorher noch nie unter der Atemwegserkrankung gelitten hatten.

Spitäler am Limit

In den Spitälern der Metropole herrscht seither Ausnahmezustand. Der Sprecher der Rettungsdienste des Bundesstaates Victoria, Mick Stephenson, berichtete von mehr als 1870 Fällen und einer dadurch sechsmal so hohen Arbeitsbelastung. Binnen vier Stunden waren laut CNN am Montag mehr als 1900 Notrufe eingegangen – alle vier bis fünf Sekunden ein Anruf.

Die Stadt stellte 60 zusätzliche Krankenwagen bereit, zudem waren Polizei und Feuerwehr im Einsatz. Sieben Patienten mussten auf die Intensivstation gebracht werden, wie der Chef der Notfallaufnahme des Royal Melbourne Hospital, George Braitberg, am Mittwoch sagte. In der Nacht nach dem Gewitter habe die Situation in der Klinik einem Schlachtfeld geglichen. Am Donnerstag befanden sich gemäss CNN noch drei Patienten in kritischem Zustand.

Pollen gelangt in die Lungen

Schuld an den Tausenden Asthma-Attacken waren mehrere Faktoren: «Wenn an einem Tag mit hohem Pollenaufkommen hohe Luftfeuchtigkeit und ein schweres Gewitter hinzukommen, dann saugen sich die Pollen der Gräser mit Wasser voll und zerplatzen in Tausende Teile», erläutert Robin Ould von der australischen Asthma-Stiftung. Normalerweise würden sich etwa Pollen von Roggengras in den Nasenhaaren verfangen. Doch wenn diese zerfallen, gelangen sie direkt in die Lunge. Der Pollen irritiert dann die Bronchien, sie entzünden sich, füllen sich mit Schleim und erschweren den Patienten das Atmen.

Die Universität von Melbourne führte kurz nach den Vorfällen eine Umfrage durch. Von 2500 Befragten gaben 74 Prozent an, eine Asthma-Attacke erlitten zu haben – von diesen erlebten 32 Prozent zum ersten Mal einen solchen Asthma-Anfall.

Jüngstes Todesopfer war erst 18 Jahre alt

Unter den Asthma-Toten ist der 18-Jährige Omar Moujalled. «Er war der fitteste in unserer Clique», zitiert CNN einen Freund. Doch er litt an Asthma und der Anfall am Montag war offenbar so schwer, dass er Moujalled das Leben kostete. Ausserdem starben der 35-jährige Apollo Papadopoulos und die 20-jährige Hope Carnevali. Die junge Frau starb in den Armen ihrer Familie, nachdem sie mehr als 40 Minuten auf eine Ambulanz gewartet hatte. Am frühen Dienstagmorgen erlag zudem der zweifache Familienvater Clarence Leo einem Asthma-Anfall.


Gewitter-Asthma trat in den vergangenen Jahren auch in Grossbritannien, in den USA, Italien und Kanada auf. Das erste Mal weltweit kam es laut der Nachrichtenagentur AP 1987 in Melbourne zu Gewitter-Asthma, das letzte Mal kam es in der Stadt 2010 zu derartigen Vorfällen. Experten raten besonders Menschen mit Heuschnupfen in der Pollen-Saison zur Vorsicht. Sie sollten Antihistaminika, Augentropfen und andere Medikamente nutzen, um bei speziellen Wetterbedingungen nicht einen schweren Asthma-Anfall zu erleiden.

CNN befragte Patienten zu ihren Asthma-Anfällen:


(mlr/sda)