Kulturhauptstädte 2012

27. Dezember 2011 09:40; Akt: 27.12.2011 11:27 Print

Guimarães: «Hier wurde Portugal geboren»

von Maria Handler, APA - Während sich das westlichste Land der EU in einer schweren Wirtschaftskrise befindet, wird die Wiege Portugals zur Europäischen Kulturhauptstadt 2012 ausgerufen.

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Guimarães ist ein malerisches mittelalterliches Städtchen, das von einer reichen Geschichte und einer Gegenwart mit grosser Armut geprägt wird. Als Kulturhauptstadt setzt man auf die Kreativindustrie als ökonomische Triebfeder und auf engen Kontakt mit der Bevölkerung.

«Wir wollen, dass jeder dabei mitmacht, Ideen für Europa zu entwickeln», sagt Direktor Carlos Martins gegenüber der Nachrichtenagentur APA: «Auch wenn wir von Brüssel weit weg sind.»

Vom Café des Centro Cultural Vila Flor, dem etwas ausserhalb der Stadtmauern gelegenen Herz des Kulturhauptstadtjahres, blickt man über die Talsenke, in die das Städtchen geschmiegt ist. Um 1100 wurde hier Alfonso Henrique geboren, Portugals erster König.

Die historische Bedeutung ist es vor allem, die den rund 50 000 Einwohnern den Tourismus beschert, doch die Textilindustrie war es, die über Jahrzehnte für grossen Wohlstand sorgte. Heute sind die meisten Fabriken geschlossen, die Arbeitslosigkeit liegt bei 15 bis 20 Prozent - doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt.

Jetzt soll die Stadt ein neues, buntes, kreatives Gesicht bekommen. «In den verlassenen Industriegebäuden wird die Kreativbranche angesiedelt», sagt Martins über die vor allem auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Projekte von Guimarães 2012.

Hochkarätiges Musikprogramm

Gemeinsam mit der eigenen Universität sowie der nahe gelegenen Uni in Braga werden Felder wie Architektur, Software-Entwicklung oder verschiedene Designsparten in der Stadt angesiedelt. Technology- Lab und Design Center lauten die Projekte, mit denen man Kultur nicht trotz, sondern gerade wegen der Krise fördert.

Das Gesamtbudget von 118 Millionen Euro ist für das krisengeplagte Portugal stattlich. 70 Millionen fliessen in die Infrastruktur. Alte Märkte, die Stadtburg, der Palast Paco Ducal und das Lederviertel wurden restauriert und kleine Kinos digitalisiert.

Zudem entstand ein interaktives «Haus des Gedächtnisses». Die Arbeit hat das Team im März 2010 aufgenommen, der Startschuss für das eigentliche Jahresprogramm, in das 25 Millionen Euro investiert werden, soll am 21. Januar fallen.

Doch eigentlich scheint 2012 hier schon lange begonnen zu haben. Das eigens gegründete Orchester spielte bereits zur Programmpräsentation, das neue Kulturzentrum wird schon seit Monaten mit hochkarätigem Musikprogramm bespielt und der örtliche Chor sowie die Theatergruppe proben eifrig.

«Für immer Kulturhauptstadt»

«Wir vergleichen uns nicht mit grossen Städten», sagt Martins als Leiter der bisher kleinsten Kulturhauptstadt: «Wir zeigen, welche Rolle eine kleine Stadt für eine Entwicklung Europas spielen kann.» Und so ist das Festivalprogramm der kleinere Teil des Projekts.

«Der Prozess ist wichtiger als das Ergebnis», betont Martins, während er durch die mittelalterlichen Gassen spaziert. In vielen der Räume mit den typisch nordportugiesischen hohen Fenstern haben sich Projekte für Medienkunst oder Softwaredesign eingenistet.

Immer wieder öffnet sich das Gassengewirr zu einem der Plätze. Die Bewohner von Guimarães sitzen gerne draussen. Am Praça da Oliveira herrscht den ganzen Tag buntes Treiben, zur Dämmerung ist er rappelvoll. Freudig soll das Hauptstadtjahr auch enden.

«Wir machen eine End-of-the-world-Party», erklärt Martins. Schliesslich prophezeiten einige den Weltuntergang für Ende 2012: «Falls es doch weitergeht, bleiben wir für immer Kulturhauptstadt.»