Missbrauch auf Campingplatz

01. Februar 2019 06:50; Akt: 01.02.2019 06:50 Print

«Er hat immer wieder kleine Kinder berührt»

Zehn Jahre lang soll Andreas V. (56) auf einem Campingplatz in Lügde Kinder missbraucht haben. Die Anzeigen eines Vaters nahmen die Behörden nicht ernst.

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Beschuldigte haben Dutzende Kinder missbraucht: Spielwaren vor dem Tatort auf dem Campingplatz in Lügde. (Archivbild) Mitte April 2019 haben Mitarbeiter eines Abrissunternehmers neue Datenträger auf der Parzelle von Andreas V. entdeckt. Seit dem 9. April stehen Bagger vor der Parzelle und reissen die Behausung des 56-Jährigen V. ab. Als die Angestellten der Firma Vs. Wohnwagen zerlegten, fanden sie drei CDs und zwei Disketten, die die Polizei bei der Durchsuchung offenbar übersehen hatte. Die Datenträger seien in einem Zwischenraum des doppelten Holzbodens des Wohnwagens gelegen. Eine weitere CD sei später im Schutt des bereits zerstörten Wohnwagens gefunden worden. Die Missbrauchsserie im nordrhein-westfälischen Lügde hätten die Behörden schon vor mindestens zwei Jahren aufdecken können. Das behauptet der 57-jährige Jens Ruzsitska, dessen Töchter sich unter den Opfern befinden. Am 30. Januar 2019 wurde bekannt, dass drei Männer auf dem Campingplatz in Lügde 23 Kinder sexuell missbraucht und kinderpornografisches Material hergestellt hatten. Während zehn Jahren sollen die Täter über 1000-mal zugeschlagen haben. 23 Kinder konnten bisher als Missbrauchsopfer ermittelt werden. Bei den drei Männern, die mittlerweile festgenommen wurden, handelt es sich um einen 56-Jährigen aus Lüdge, einen 48-Jährigen aus Stade und einen 33-Jährigen aus Steinheim. Während zwei von ihnen die Taten auf dem Campingplatz begingen, erwarb der dritte Täter kinderpornografisches Material der Missbrauchsfälle. Die Polizei stellte mehr als 400 CDs und DVDs mit einer Grösse von rund 14 Terabyte mit kinderpornografischen Inhalten sicher. Auf dem Campingplatz können auch kleine Blockhäuser oder Langzeitplätze gemietet werden. Der mutmassliche Haupttäter lebte als Dauercamper auf dem Platz. Während sich im Hintergrund diese Horror-Taten abspielten, warb der Campingplatz in der Öffentlichkeit mit diesen Worten: «Beginnen Sie bei uns Ihre erlebnisreichen Ausflüge und erholen Sie sich zwischendurch in herrlicher Ruhe der malerischen Landschaft.»

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Die Missbrauchsserie im nordrhein-westfälischen Lügde hätten die Behörden schon vor mindestens zwei Jahren aufdecken können. Das behauptet der 57-jährige Jens Ruzsitska, dessen Töchter sich unter den Opfern befinden.

Über einen Zeitraum von zehn Jahren sind auf dem Campingplatz Eichwald mindestens 23 Kinder sexuell missbraucht worden. Bei den 21 Mädchen und zwei Buben handelt es sich um die Kinder, die auf und im Umfeld des Campingplatzes wohnten. Hauptverdächtig ist der 56-jährige Andreas V. Zusammen mit einem 33-jährigen Komplizen habe V. die Opfer missbraucht und gefilmt. Ein 48-Jähriger habe die Taten über das Internet verfolgt, währenddessen aber auch selbst aktiv eingegriffen und die anderen Männer aufgefordert, bestimmte Handlungen an den Kindern vorzunehmen. Die drei Männer sitzen seit Dezember in Untersuchungshaft.

Das Jugendamt nahm Anzeige nicht ernst

Ruzsitska erhebt gegenüber dem Jugendamt im Kreis Lippe schwere Vorwürfe. Nachdem seine Töchter, damals acht und fünf Jahre alt, ihm erzählt hatten, das Camping-Bewohner Andreas V. sie unsittlich berührt hatte, meldete Ruzsitska den Fall der Polizei – ohne Erfolg.

Erst nach einigen Wochen sollen sich die Behörden bei ihm gemeldet haben. «Sie sicherten mir zu, dass beim Dauercamper alles in Ordnung sei. Ich solle vorsichtig sein mit meinen Äusserungen, da ich auch wegen Rufmordes und übler Nachrede angezeigt werden könnte», sagte Ruzsitska zur «Lippischen Landeszeitung». Dabei sei laut Ruzsitska offensichtlich gewesen, dass V. pädophil sei. «Er hat immer wieder kleine Kinder berührt», sagt der Familienvater.

Campingplatz-Besitzer hatte volles Vertrauen in V.

Auch der Eigentümer des Campingplatzes Frank Schäfsmeier will nie etwas Auffälliges beim arbeitslosen V. bemerkt haben. Er kenne den mutmasslichen Haupttäter seit 30 Jahren, sagt Schäfsmeier zur «Süddeutschen Zeitung». Er beschreibt V. als «hilfsbereiten Camper», für den er seine «Hand ins Feuer gelegt» hätte. Das Vertrauen sei so gross gewesen, dass Schäfsmeier sogar vor vielen Jahren seine eigenen beiden Töchter zum Spielen zum 56-Jährigen geschickt habe.

V. war bei den Kindern beliebt

Die Opfer sollen offenbar in V. eine Bezugsperson gesehen haben. «Er baute eine Wohlfühlatmosphäre auf und machte den Kindern Geschenke. Zeitweise hatte er ein eigenes Pferd», erklärte der Chef der Ermittlungskommission, Gunnar Weiss, bei einer Pressekonferenz. So soll der Dauercamper den Kindern Freizeitaktivitäten wie beispielsweise Ausflüge in Schwimmbäder oder in Freizeitparks, Quad-Touren und Ausritte mit dem Pferd angeboten haben. Gleichzeitig habe er ihnen auch gedroht, falls sie etwas verraten würden.

Im Jahr 2016 überliess die Mutter eines Mädchens dem alleinstehenden und kinderlosen V. sogar ihr damals sechsjähriges Kind. Die Frau sei mit der Erziehung ihrer Tochter überfordert gewesen, sagten die Ermittler. Sie wandte sich an das Jugendamt mit der Bitte, man genehmige V. als Pflegevater für das Mädchen. Doch schon kurz danach ging ein Hinweis beim Jugendamt ein. Zwar war von sexuellem Missbrauch nicht die Rede, doch das Mädchen sei verwahrlost gewesen, hiess es.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Jugendämter

Campingplatz-Besitzer Schäfsmeier erinnert sich an die Besuche des Jugendamtes. «Die waren ja alle zwei Wochen da.» Doch V.s «recht unordentliche Parzelle» hätten die Mitarbeiter vom Jugendamt geduldet, das Kindeswohl des Mädchens sei nicht in Gefahr, lautete die Schlussfolgerung der Behörden. Sie sahen keinen Anlass, das Kind aus der Obhut des Mannes zu nehmen.

Auch Schäfsmeier machte sich keine grossen Gedanken darüber. «Das Mädchen war fröhlich, es schien ihm gut zu gehen», sagt er zur «Süddeutschen». Was seinen eigenen Töchter betrifft, ist er heute erleichtert: «Ich habe die beiden sofort gefragt. Aber ihnen ist zum Glück nichts passiert.»

Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft Detmold gegen die Mitarbeiter der Jugendämter in Hameln-Pyrmont und im Landkreis Lippe, wie der Sender NDR berichtet. Es besteht der Verdacht der Fürsorgeverletzung.

Ermittlungen auch gegen Polizei

Auch gegen die Polizei wird ermittelt. Nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Ralf Vetter gab es bereits 2016 Hinweise von zwei Zeugen zum möglichen sexuellen Missbrauch eines Pflegekindes durch den Hauptbeschuldigten. «Ein Zeuge hatte sich im August 2016 telefonisch an die Polizei, das Jugendamt und den Kinderschutzbund gewandt», sagte Vetter am Donnerstag.

Die Polizei habe den Hinweis auch an das Jugendamt weitergeleitet. Polizeiliche Ermittlungen habe es aber nicht gegeben. «Wir prüfen jetzt, ob die Polizei nicht weitere Schritte hätte einleiten müssen», sagt Vetter.

Im November 2016 erfolgte eine weitere Meldung durch eine Mitarbeiterin des Jobcenters Blomberg an die Polizei und das Jugendamt. Dabei ging es laut Vetter um Äusserungen des Pflegevaters, die auf sexuellen Missbrauch des Kindes hindeuten konnten. Auch in diesem Fall reichte die Polizei den Hinweis an das Jugendamt weiter. Weitere Ermittlungen oder ein Hinweis an die Staatsanwaltschaft erfolgten nicht.

(kle)