«Joiz»-Interview

22. August 2013 11:04; Akt: 22.08.2013 11:23 Print

Hatten Sie was mit Frau Merkel, Herr Steinbrück?

von P. Dahm - Wenn bei «Joiz» in Deutschland Politiker zu Wort kommen, dann nur beim Frech-Format «Jung & Naiv». Nun wagte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück das TV-Experiment beim Jungsender.

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«Magst du dich kurz vorstellen?», fragt der Moderator. «Mein Name ist Peer Steinbrück, ich bin 66 Jahre alt», lautet die Antwort. Der Politiker ist zu Gast beim deutschen Ableger von «Joiz» und steht Tilo Jung Rede und Antwort. Das Motto seiner Sendung «Jung & Naiv» ist Programm: Es geht um «Politik für Desinteressierte».

«Erzähl mal», Kumpel

Und genau diese Wählergruppe muss der Kanzlerkandidat der SPD erreichen, wenn er die Bundestagswahl am 22. September für sich entscheiden will. Die Kanzlerin und die CDU liegen in Umfragen klar vorn: «Bürger geben Steinbrück keine Chance gegen Merkel», titelt zuletzt die «Welt». Moderator Tilo Jung nimmt bei seinen Interviews kein Blatt vor den Mund: Wie will der gebürtige Hamburger ausgerechnet in betont legerer TV-Umgebung beim jungen Wähler Boden gutmachen? Immerhin ist «Joiz» für seine «unkonventionelle» Machart bekannt – beziehungsweise berüchtigt.

Der Schlipsträger reagiert gelassener auf den kumpelhaften Jargon, als es sein grauer Anzug vermuten lässt. «Erzähl mal, wie wird man Kanzlerkandidat der SPD?», will Jung wissen. «Da sind die Leute, die einen kennen. Die sind ein bisschen neugierig auf einen und haben mitgekriegt, dass man woanders tätig war», erklärt Steinbrück geduldig. «In Nordrhein-Westfalen, in Schleswig-Holstein, ich war mal Bundesfinanzminister. Daher kennen sie mein Gesicht und haben den Eindruck, ich kann mit Geld umgehen.»

«Wir waren das Traumpaar 2008»

Jung fragt, was gewesen wäre, wenn «Frank-Walter» hätte kandidieren wollen – gemeint ist der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier: Steinbrück nimmt solche Spielbälle locker auf. «Ich wäre auch nicht gegen Frank-Walter angetreten.» Und wenn der Moderator seinen Gast den «Klartext-Peer» nennt und sich wundert, warum er das Wahlvolk nicht besser über die Griechenland-Krise aufgeklärt habe, bestätigt der den Beinamen und den gewählten Ton: «Mensch, das hab ich doch schon ein paar Mal gesagt.»

Keine Frage ist dem TV-Gast zu peinlich. Jung wirft ein, dass Steinbrück früher in der grossen Koalition unter dem Kanzler Finanzminister war. «Das war mit Merkel zusammen?», hakt er kritisch nach. Steinbrück pariert: «Ja, wir waren das Traumpaar 2008. So ähnlich wie beim Eiskunstlauf.» Jung schonungslos: «Habt ihr was miteinander gehabt?» Steinbrück trocken. «Ne, das wäre zu weit gegangen.» Aber? «Ne, kein aber. Wir haben das, glaube ich, ganz gut hingekriegt.»

Wenn aus «Sie» ein «Du» wird

Eine Hürde nimmt Steinbrück souverän: Es gelingt ihm, komplizierte Sachverhalte verständlich auszudrücken. Wie beim Thema Banken: «Man muss denen Spielregeln geben – so ähnlich wie beim Fussball. Man muss ihnen sagen, wann sie abseits spielen.» Er meint Spekulationen mit Rohstoffen und Lebensmitteln. «Ich bin dagegen.» Moderator Jung fragt, wie viel Geld eine Bank bei einem Kredit von 100 Euro selbst haben müsse. Steinbrücks Antwort sorgt für Staunen. «Fünf, sechs, acht Euro. So wenig.»

Als es um Verschuldung geht, appelliert Steinbrück klug an das Solidaritätsgefühl der Jugend. Man müsse den Schwächeren helfen, wie auch Deutschland mit dem Mashall-Plan geholfen worden sei. Jung fragt, ob nicht sogar Geld mit Griechenland-Krediten verdient werde. «Du hast völlig Recht», bestätigt Peer, der ob der gemeinsamen Position doch glatt das «Sie» gegen ein «Du» austauscht. Wenn Deutschland so viel einsparen will wie Griechenland, müsste es pro Jahr etwa 170 Milliarden Euro kürzen. Was wäre dann in Deutschland los? «Der Teufel!»

Fazit

«Ich will das Ding gewinnen»: In seinem Schlusswort fordert der Kandidat die jugendlichen Zuschauer auf, an die Urne zu gehen. Er tut das, wie er auch fast das gesamte Gespräch bestreitet: geschickt bis souverän – oder wie es die Zielgruppe sagen würde – flauschig bis easy.


Das komplette Interview. Quelle: YouTube/Tilo Jung

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Franz B. am 22.08.2013 11:29 Report Diesen Beitrag melden

    Cool!

    Cool! Anfänglich ist Steinmeier etwas verkrampft gewesen, nachher wie gewohnt locker. Der Moderator Jung sollte allerdings noch etwas an seiner Kommunikation feilen: jeder Satz find mit "aber" an...

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  • Dax Shep am 22.08.2013 11:54 Report Diesen Beitrag melden

    Kreditwesen der Banken

    Lange als Verschwöhrungstheorie abgetan kann man es nun nicht länger ignorieren. Kredite welche gar nicht vorhanden sind können herausgegeben werden. Doch woher kommt der Zins den man auf das nicht vorhandene Geld zurückzahlen muss?

  • Chris S. am 22.08.2013 11:36 Report Diesen Beitrag melden

    Steinbrück for president

    Einfach cool dieser Steinbrück. Leider verstehen ihn sehr viele Schweizer falsch. Ein hochintelligenter und fähiger Mann mit viel Humor. Ich wünschte mir in der Schweiz ein paar ähnliche Politiker.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • sozialist am 22.08.2013 18:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sozialist

    Steinbrück =Untergang Deutschlands daraus folgt Untergang Europas Er will den zweiten Versailler Vertrag für das schuldige deutsche Volk. Der Herr hat wohl vergessen was nach dem ersten Vertrag passiert ist ... Das Volk weiß es und deswegen kann die SPD glücklich sein wenn das Ergebnis am Wahlabend zweistellig wird . Die AGENDA 2010 (Hartz 4, Rente 67, usw.) wird das deutsche Volk nie vergessen .

  • Baschi am 22.08.2013 17:39 Report Diesen Beitrag melden

    Hätt ich nicht gedacht..

    ..von ihm, dass der das so locker hinkriegt und SO reden kann. Daumenhoch. Im gegensatz zu dem was man sonst von ihm hört..

  • peter p. ann am 22.08.2013 17:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    pah

    wahnsinnig wie sich manche durch ein einziges interview umpolen lassen. ich finde es absolut daneben bei jugendlichen auf stimmenfang zu gehe, anschliessend kann man sie dann ja getrost zur seite schieben. besonders intensiv ist der fang wenns um wahlen geht. bei herkömlichen abstimmungen sind alle froh, dass die 'dummen, ahnungslosen' jugendlichen nicht ihre stimme abgeben, damit man mit seinem anliegen besser durchkommt.

  • Kutscher am 22.08.2013 15:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Richtig "D"

    Steinbrück verkörbert "Deutsch" perfekt!! Wählt ihn und es wird weiter geredet mit den Händen über dem Kopf und das wars auch schon! Die Mundwinkel ähneln der Merkel doch sehr!! Smile!!

  • Lars G. am 22.08.2013 15:31 Report Diesen Beitrag melden

    afrikanische Verhältnisse

    Noch einmal Frau Merkel und Deutschland hat fast afrikanisch Verhältnisse, was die Amtszeiten betrifft. Der lebende Blazer sitzt doch nur noch aus.