Brandkatastrophe

09. August 2010 13:48; Akt: 09.08.2010 16:48 Print

Hitze und Smog töten Hunderte in Moskau

Wegen der Rekordhitze in Russland und des giftigen Smogs sterben derzeit doppelt so viele Moskauer wie sonst. Derweil bedrohen die Flammen die Atomanlagen von Majak und Sneschinsk im Ural.

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Rund um die Hauptstadt loderten noch vier Wald- und fünf Torfbrände. In ganz Russland stünden noch Hektar in Flammen, hiess es am 18. August. Oleg Mikhailov (42) birgt Münzen, die er im von Bränden versehrten Dorf Kartonosovo in der Region Riazan gefunden hat (180 Kilometer südöstlich von Moskau), 12. August 2010. Kartonosovo. Feuerwehrmann in der Nähe des Dorfes Ryabinovka in der Region Riazan. Ein Löschflugzeug wirft seine Ladung etwas ausserhalb der Stadt Schatura ab, 110 Kilometer südöstlich von Moskau. Feuerwehrmann vor Schatura. Dicke Luft in Moskau. Hund mit Schutzmaske am 10. August 2010. Seit Wochen lodernde Wald- und Torfbrände haben Mitte August dafür gesorgt, dass Moskau unter einer dicken Smogschicht begraben liegt. Auf den internationalen Flughäfen kam es wegen der schlechten Sicht zu langen Verspätungen, mehrere Flüge wurden in andere Städte umgeleitet. Die Sterblichkeitsrate in der russischen Hauptstadt schnellte im Vergleich zum Saisondurchschnitt auf fast das Doppelte. Jeden Tag werden 700 Todesfälle gemeldet. Die Schadstoffe in der Luft waren gegenüber dem Grenzwert um das Zwei- bis Dreifache erhöht. Dicke Luft auf dem Roten Platz. Grund für den Smog sind die in Russland seit Wochen wütenden Wald- und Torfbrände. Laut der Umweltschutzorganisation WWF wurden mehr als 7000 Brandherde gezählt. Tausende Einsatzkräfte bemühen sich darum, die Flammen einzudämmen. Die Regierung hat die Zahl der Soldaten massiv aufgestockt. Mittlerweile sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums 10 000 Mann im Einsatz. Sie sollen Brandschneisen anlegen ... ... und Wasserleitungen bauen. Regierungschef Wladimir Putin sagte bei einem Besuch von Feuerwehrleuten in der besonders betroffenen Region um die Stadt Woronesch, die Lage bleibe angespannt und gefährlich. Die Feuerwalze bedroht nach Angaben der russischen Regierung auch 89 erdölverarbeitende Betriebe. Die Raffinerien verfügen weder über automatische Feuerlöschanlagen noch über Giftgas-Warnsensoren. Wegen der heranrückenden Waldbrände haben die russischen Behörden ausserdem die Atomanlage in Sarow gesichert. Alle radioaktiven und explosiven Materialien wurden aus der 500 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Anlage abtransportiert. Der Rauch der Waldbrände um Moskau zog sogar bis in die U-Bahn der Hauptstadt. Die Dächer der vielen Hochhäuser waren nicht mehr zu sehen. Der Rauch hüllte die Zehn-Millionen-Einwohner-Stadt in dichten Smog. An den zahlreichen Waldbränden sei nicht allein die aktuelle Hitze Schuld, betonte die Umweltorganisation WWF. Eine mangelhafte Vorsorge und ein miserables Waldmanagement seien die Hauptursachen für die Brandkatastrophen. «Hier rächen sich die Fehler aus den vergangenen Jahrzehnten», erklärte der WWF. Illegaler Holzeinschlag, die Übernutzung der Wälder und grossflächiger Kahlschlag hätten zu der aktuellen Lage massgeblich beigetragen.

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Täglich stürben bis zu 700 Menschen, sagte der Chef der Moskauer Gesundheitsbehörde, Andrej Selzowski, am Montag der Agentur Interfax. Normalerweise liege die Zahl bei 360 bis 380 Toten pro Tag. In den Leichenhallen der Stadt waren 1300 Tote aufgebahrt, wie die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf die Gesundheitsbehörden der Stadt berichtete. Die Kapazität der Leichenhallen liegt bei 1500 Toten.

Die Konzentration von giftigem Kohlenmonoxid in der Luft überschreitet den zulässigen Grenzwert in Moskau derzeit um mehr als das Sechsfache. Nach Angaben von Meteorologen ist vor Mittwoch nicht mit einer Verbesserung zu rechnen. In Moskau herrscht zudem seit Wochen eine Hitzewelle mit Temperaturen von knapp 40 Grad.

Atomanlagen gefährdet

In der Gegend um die bekannte atomare Wiederaufbereitungsanlage Majak in der Nähe von Tscheljabinsk sei am Freitag der Ausnahmezustand verhängt worden. Dies gelte für die Wälder und Parkanlagen der Region, teilten die Behörden am Montag mit. Für diesen Dienstag sei eine Krisensitzung angesetzt.

Majak, wo atomare Abfälle gelagert und wiederaufbereitet werden, liegen im Bezirk Tscheljabinsk, rund 2000 Kilometer östlich von Moskau.

Erinnerung an Katastrophe vor 25 Jahren

Die Anlage war 1957 Schauplatz der grössten Atomkatastrophe vor Tschernobyl (Ukraine) im Jahr 1986. Damals starben nach offiziellen Angaben 200 Menschen. Die radioaktive Strahlung verseuchte ein Gebiet von etwa 100 Quadratkilometern.

Am Sonntag hatte Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu bereits die verstärkte Brandbekämpfung in der Nähe des Atomforschungszentrums Sneschinsk ebenfalls im Ural angeordnet.

In der vergangenen Woche hatten die Brände das wichtigste Atomwaffen-Forschungszentrum bei Sarow, etwa 500 Kilometer östlich der Hauptstadt Moskau, bedroht.

Sarow, das in der Region von Nischni Nowgorod liegt, werde in vier gefährdeten Bereichen weiter beobachtet, «wo weiter Brandgefahr besteht», teilte am Montag der Sprecher der staatlichen Atombehörde Rosatom, Sergej Nowikow, mit.

Landesweit loderten noch immer mehr als 500 Wald- und Torffeuer. Im europäischen Teil des Landes ist die Lage am schwierigsten. Betroffen sind nach Einschätzung des Zivilschutzministeriums vor allem das Gebiet um Nischni-Nowgorod rund 400 Kilometer östlich von Moskau sowie die Umgebung der Hauptstadt selbst.

Unterdessen traf immer mehr internationale Hilfe in Russland ein. Deutschland versprach 100 000 Atemschutzmasken sowie Gerät zur Brandbekämpfung. Die französische Regierung schickte ein Löschflugzeug sowie 120 Feuerwehrleute und kündigte die Lieferung von 30 000 Atemschutzmasken an. Nahe Moskau kämpften 100 bulgarische Spezialisten gemeinsam mit russischen Einsatzkräften gegen die Flammen. Auch Italien und Polen schickten Hilfe.

(sda/ap)