Pascal Pajic (26)

11. November 2019 20:11; Akt: 11.11.2019 20:44 Print

«Ich stamme aus dem Balkan und bin Drag»

von Rahel Bains - Pascal Pajic (26) studiert Medizin und verwandelt sich in seiner Freizeit in eine Dragqueen. Gewalt gegen Homosexuelle will er nicht tolerieren.

Pascal Pajic: «Wenn man schwul, lesbisch oder trans ist, weiss man ohnehin, wie es ist, aus der Norm zu fallen. Als Dragqueen ist man aber noch viel mehr exponiert.» (Video: R. Bains/J. Kellenberger)
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Die Lippen hat er dunkel-, die Augen hellblau geschminkt. An seinen Ohren hängen goldene Glitzersteine mit langen, schwarzen Fransen, die ihm auf die Schultern fallen. Um die Taille hat er sich einen goldenen Gürtel geschnallt, darunter blitzen schwarze Netzstrümpfe hervor. Die Füsse stecken in glänzenden Heels.

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Seit zwei Jahren verwandelt sich der in Chur aufgewachsene Medizinstudent Pascal Pajic regelmässig in eine Dragqueen. «Dabei fühle ich mich ganz anders. Unglaublich schön und so präsent – und ich mache dann Dinge, die ich sonst nie machen würde», so der 26-jährige Schweizer. Seine Community, seine, wie er sie nennt, «Drag-Schwestern», bieten ihm Raum, um gemeinsam an neuen Schminktechniken zu feilen, zu kochen und zu tratschen und das Wichtigste: ordentlich zusammen abzufeiern. Dabei spielt es laut Pajic keine Rolle, welches Alter, welche Hautfarbe oder welche Konfektionsgrösse man hat.

Doch der Glanz dieser scheinbar endlosen Nächte hält nicht ewig: «In der Gesellschaft sichtbar queer zu sein, ist sehr beängstigend», sagt Pajic und fährt fort: «Wenn man schwul, lesbisch oder trans ist, weiss man ohnehin, wie es ist, aus der Norm zu fallen. Als Dragqueen ist man aber noch viel stärker exponiert.»

«Sie sagten: ‹Hätte ich einen schwulen Sohn, würde ich ihn umbringen.›»

Sobald er sich in hohen Schuhen, falschen Wimpern und geschminkten Lippen aus dem Schutzmantel der Community hinaus in den öffentlichen Raum bewege, fühle er sich stets «sehr unsicher». Die Angst vor negativen, auch von Gewalt geprägten Reaktionen sei dabei ein ständiger Begleiter.

«Ist unsere Existenz Grund genug, uns zusammenzuschlagen?»

So bewegte es ihn auch sehr, als im Zürcher Niederdorf im September ein homosexuelles Paar auf offener Strasse krankenhausreif geschlagen wurde. «Es kann doch nicht sein, dass unsere blosse Existenz Grund genug ist, uns zusammenzuschlagen», findet Pajic. Nach solchen Vorfällen denke er sich jeweils: «Das hätte ich sein können. Oder ein Freund oder eine Freundin von mir. Das macht wütend, aber auch frustriert.» Vorfälle wie jener vor wenigen Wochen, als während einer Busfahrt eine Gruppe junger Männer mit dem Finger auf ihn gezeigt und lauthals darüber gesprochen hätten, ob sie «diese Schwuchtel an der nächsten Haltestelle ausnehmen» sollen, würden dabei nicht helfen.

«Meine Mama ist Serbin, mein Papa Kosovo-Albaner»

Dass er homosexuell ist, wusste Pajic bereits im Alter von zwölf Jahren – lange bevor er angefangen hat, in der Drag-Szene zu verkehren. Sein Outing ist ihm damals nicht leicht gefallen: «Meine Mama ist Serbin, mein Papa Kosovo-Albaner. Alle meine Freunde von früher hatten ebenfalls einen Migrationshintergrund. Sie sagten oft: ‹Hätte ich einen schwulen Sohn, würde ich ihn umbringen.›.

Pajic hat eine Erklärung für diese, wie er sagt, «Homophobie balkanstämmiger Secondos»: Sie stünden zwischen Stuhl und Bank und seien weder in der Schweiz noch im Land ihrer Eltern richtig zu Hause und an beiden Orten nicht wirklich willkommen. «Um diesem Gefühl von Identitätsverlust und Entwurzelung irgendwie begegnen zu können, klammern sie sich an ihre Herkunft und an alles, was damit zusammenhängt», erklärt Pajic. «Ich bin überzeugt, dass wenn wir es als Gesellschaft schaffen, Menschen aus anderen Nationen hier willkommen zu heissen, könnten sie neue Wurzeln schlagen und gleichzeitig alte Denkweisen ablegen.»

Genau jenes Festhalten an alten Wertvorstellungen war es, das Pajic als Teenager glauben liess, dass Schwulsein «etwas Abartiges» sei. Etwas, das einfach nicht sein dürfe. Er versuchte lange, seine sexuelle Neigung zu verdrängen, bis zu jenem Tag, als sein Bruder ihn – mehr als Witz – gefragt habe, ob er schwul sei. «Daraufhin platzte ein ‹Ja› aus mir heraus», erzählt Pajic.

«Mein Outing war das Allerschwerste, aber auch das Allerbeste, das ich je getan habe.»

Ein Befreiungsschlag, nachdem er sein Geheimnis sechs Jahre lang für sich behalten hatte. «Als mein Vater daraufhin erfuhr, dass ich schwul bin, ging er in sein Zimmer und weinte. Meine Mama machte gute Miene zum bösen Spiel – aber ich sah ihr an, wie schwer es sie traf.»

Als ihr Sohn später auch noch damit begann, sich zu schminken und in Kleidern auszugehen, seien beide Eltern aufs Neue schockiert gewesen. Pajic: «Sie brauchten vor allem eines: Zeit. Und diese gewährte ich ihnen auch». Mittlerweile pflegt der Student zu seinen Eltern ein so gutes Verhältnis wie noch nie. «Mein Outing war das Allerschwerste, aber auch das Allerbeste, das ich je getan habe», blickt er zurück.

Nun will Pajic, der früher in der Geschäftsleitung der Juso Schweiz tätig war, anderen Queers den Weg ebnen, damit sie es künftig einfacher haben: «Wenn ich darüber nachdenke, dass das Austauschen jeder noch so kleinen Zärtlichkeit mit der Person, die ich liebe, in der Öffentlichkeit zu Hochrisiko-Situationen führen kann, und das nicht nur für mich, sondern für die meisten der rund einer Million Queers in der Schweiz, macht mich das so wütend.» Sein grösster Wunsch: «Dass wir lernen, unsere Unterschiede gemeinsam zu feiern – und ich bin überzeugt, dass unsere Gesellschaft dies auch schaffen kann.»