13. April 2005 13:28; Akt: 13.04.2005 13:29 Print

Johannes Paul II: Prunkloses Grab

Erste Besucher vor dem Papst-Grab: Mehrere Hundert Menschen warten vor den Grotten unter dem Petersdom auf Einlass.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die ersten kamen schon um 05.00 Uhr morgens, noch bevor die Sonne aufging. Als der Petersdom um 07.00 Uhr seine Pforten öffnet, stehen bereits hunderte Gläubige und Touristen in der Schlange, die wie eine Prozession an der Basilika vorbeizieht.

Viele Polen sind darunter, sie schwenken ihre weiss-roten Fahnen, alle wollen kurz an der Stelle beten, wo «ihr» Papst beerdigt ist.

Massenphänomen

Fünf Tage nach der Beisetzung von Johannes Paul II. wurden die vatikanischen Grotten am Mittwoch erstmals für Besucher geöffnet. Und wieder kamen sie in Scharen, das Phänomen «Karol Wojtyla» dauert an.

Nüchterne Schilder mit Pfeilen und der Aufschrift «Tomba di Giovanni Paolo II.» (Grab von Johannes Paul II.) weisen den Weg, zahlreiche Sicherheitskräfte und Schweizergardisten überwachen neben den Absperrungen mit strengem Blick die Menschenschlange.

Geduld erforderlich

Es geht nur im Schritttempo vorwärts, die Menschen plaudern, machen Fotos. Ein gemischtes Volk hat sich hier versammelt, Rentner, Nonnen, Pärchen - und wiederum viele Jugendliche. «Wir sind die ganze Nacht von Ligurien aus nach Rom durchgefahren, um das Grab gleich am ersten Tag zu sehen», sagt ein Ehepaar aus La Spezia.

Schliesslich geht es in die Grotten hinab, im Gänsemarsch vorbei an den Sarkophagen von Johannes Paul I., Julius III. und dem Erdgrab von Paul VI., dann kommt die Schlange ins Stocken.

Prunkloses Grab

In den weiss getünchten Gewölben der Krypta halten die Menschen vor einem kleinen Raum auf der rechten Seite inne: Da liegt sie, die Marmorplatte mit der goldenen Aufschrift «IOANNES PAVLVS PP. II- 16 X 1978 - 2 IV 2005». Dahinter ein Topf mit blühenden Callas, davor eine Totenkerze und ein Körbchen für Spenden, an der Wand ein Marmorrelief mit der Madonna und dem Kind.

Genau so hat er es in seinem Testament bestimmt, der Heilige Vater aus Polen. Ein einfaches Erdgrab nach dem Vorbild von Paul VI., keine Schnörkel, kein Prunk.

Nach wenigen Sekunden schieben die Ordner die Besucher weiter. «Nicht anhalten! Bitte weitergehen!», sagen sie. Für ein Gebet bleibt kaum Zeit, schliesslich warten vor dem Petersdom noch Tausende auf Einlass.

Blumen verboten

Auch Blumen sind verboten, der Vatikan befürchtete, dass das Grab schon nach wenigen Minuten mit Sträussen und Rosen übersät sein würde. Am prächtigen Petrus-Grab im Zentrum der Grotten vorbei geht es nach wenigen Minuten schon wieder Richtung Ausgang.

Draussen strahlt mittlerweile die Sonne vom tiefblauen Himmel. Zwei junge Sizilianer mit tief sitzenden Jeans, Sonnenbrille und Baseballkäppi kommen schweigend aus der Krypta.

Sie seien extra aus Messina angereist, um das Grab gleich am ersten Tag zu sehen, sagen Samuele und Andrea. Die Reise hat sich gelohnt: «Dieser Mann hatte so eine Kraft, so eine Lebensfreude. Das Gefühl, an seinem Grab zu stehen, kann man gar nicht beschreiben.»

(sda)