06. April 2005 12:46; Akt: 06.04.2005 12:50 Print

Johannes Paul II. soll «der Grosse» werden

Wenn Johannes Paul II. am Freitag in den vatikanischen Grotten unter dem Petersdom beigesetzt wird, geht er für viele Geistliche und weite Teile der Öffentlichkeit mit einem besonderen Rang in die Geschichte ein.

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Immer häufiger wird der verstorbene Papst als «Johannes Paul der Grosse» bezeichnet - ein Beiname, der bisher erst zwei Päpsten zuteil geworden ist.

Einen quasi-offiziellen Status erhielt diese Erhebung schon am Sonntag zur Seelenmesse für den Papst. In der schriftlich verteilten Predigt von Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano wurde Johannes Paul als «der Grosse» bezeichnet. Im Vortrag der Predigt liess Sodano den Zusatz dann zwar ohne Erklärung des Vatikans aus. Doch die vom Heiligen Stuhl verbreiteten Texte gelten auch dann als offiziell, wenn sie nicht vorgetragen werden.

«Er war der bedeutendste Führer unserer Zeit», sagt der amerikanische Bischof Edward Kmiec. Er sei der Mann des Jahrhunderts gewesen, und deswegen werde er in Zukunft als «Papst Johannes Paul der Grosse» bezeichnet. Das wäre das erste Mal seit dem frühen Mittelalter, dass ein Papst wieder diesen Zusatz erhält.

Papst Leo der Grosse amtierte von 440 bis 461. Mit zentralen Beiträgen zur göttlichen und menschlichen Natur Christi gab er der Theologie der ersten christlichen Jahrhunderte wichtige Impulse. Ausserdem überzeugte er den Hunnenkönig Atilla davon, Rom nicht zu zerstören, und bewahrte später viele Römer auch vor Folter und Misshandlungen bei der Plünderung der Stadt durch die Vandalen.

Der zweite Papst, der den Beinamen «der Grosse» erhielt, war Gregor I. (590-604). Auch er half den bedrängten Bürgern in den militärischen Konflikten seiner Zeit und verteidigte den Anspruch Roms als Sitz der Christenheit gegen Konstantinopel. Beide «grossen Päpste» wurden wegen ihrer Lehrschriften auch zu «doctores ecclesiae» erklärt, eine sehr seltene Auszeichnung, die zuletzt 1997 der im 19. Jahrhundert lebenden Nonne Therese von Lisieux zuteil wurde.

Beide Päpste mit dem Beinamen «der Grosse» wurden später auch heilig gesprochen. Während die Kanonisierung ebenso wie die Vorstufe der Seligsprechung vom Kirchenrecht genau geregelt ist, gibt es für die Titulierung als «grosser Papst» kein formelles Verfahren. Entscheidend sei dafür die «Vox Populi», die Stimme des Volkes, erklärt der Kirchenhistoriker Robert Taft. «Wenn die Leute ihn weiter 'den Grossen' nennen, dann wird er auch 'der Grosse' werden.»

Der Kirchenrechtler James Conn von der Päpstlichen Gregorianischen Universität in Rom spricht von einer Ernennung im Zuge einer Akklamation des Volkes. Je häufiger Johannes Paul als «der Grosse» bezeichnet werde, desto mehr Kraft und Glaubwürdigkeit werde dieser Zusatz gewinnen. Und das geschieht in diesen Tagen sehr oft. «Der lange Abschied von Johannes Paul dem Grossen», titelte der «Corriere de la Sera». Auch die Vatikanzeitung «L'Osservatore Romano» nannte den Verstorbenen «Johannes Paul II., der Grosse». Kardinäle wie der Brite Cormac Murphy-O'Connor und Roger Mahony aus Los Angeles sind ebenfalls schon darauf eingegangen.

Aber jeder wird darauf achten, wie der nächste Papst Johannes Paul bezeichnet. Wenn der Verstorbene auch von seinem Nachfolger als «der Grosse» bezeichnet wird, würde dies dem Beinamen ein amtliches Gewicht und eine bleibende Bedeutung in den Geschichtsbüchern geben.

(ap)