Grossbritannien

28. März 2011 14:16; Akt: 28.03.2011 14:16 Print

Kanumann bricht sein Schweigen

John Darwin verschwand 2002 auf einer Kanufahrt spurlos. 2007 tauchte er wieder auf. Sofort witterten die Ermittler Betrug und er wanderte hinter Gitter. Jetzt erklärt er sich erstmals.

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John Darwin verschwand am 21. März 2002. Er sagte, er gehe Kanu fahren - und kehrte nicht mehr zurück. Am Strand bei Seaton Carew verschwanden die Spuren des Mannes. Einzig Reste seines Kanus wurden später an Land gespült. Doch plötzlich tauchte der Mann am 3. Dezember 2007 wieder auf - lebend. Er behauptete bei seiner ersten Einvernahme im Polizeiposten von Hartlepool, sich an nichts zu erinnern. Die Polizei veröffentlichte am 10. Dezember 2007 ein neues Foto des 57-Jährigen. Die Bevölkerung wurde um Hinweise gebeten, wo sich Darwin in den vergangenen Jahren aufgehalten haben könnte. Nach mehreren intensiven Verhören rochen die Ermittler jedoch Betrug. Die Umstände des Falles waren den Versicherungsbetrug-Spezialisten sehr verdächtig vorgekommen: John Darwins Frau verkaufte das Haus des Paares, um sich ... ... dieses Haus in Panama zu kaufen. Sie hatte die Lebensversicherung ihres totgeglaubten Mannes im Jahr 2003 kassiert. Anne Darwin wurde am 9. Dezember 2007 in Manchester festgenommen. Sie war kürzlich aus ihrem neuen Domizil in Panama zurückgekehrt. John Darwin wurde schliesslich im Juli 2008 zu sechs Jahren Haft verurteilt. Auch Anne Darwin wurde offiziell des Betrugs beschuldigt: Ihr wurde vorgeworfen, sich 2003 in zwei Fällen insgesamt 370 000 Franken aus der Lebensversicherung ihres Mannes erschlichen zu haben. Ronald Darwin, der Vater von John, erfuhr am 3. Dezember 2007, dass sein Sohn noch lebte. Auch die beiden erwachsenen Söhne des Paares wussten nichts vom Betrug der Eltern.

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Der Fall hatte vor einigen Jahren für viel Aufsehen gesorgt: Am 3. Dezember 2007 tauchte plötzlich ein Mann auf, der behauptete sich an nichts erinnern zu können. Bald stellte sich heraus, dass es sich um einen gewissen John Darwin handelte, der am 21. März 2002 nach einer Kanufahrt in nordenglischen Seaton Carew nicht mehr zurückgekehrt war.

Die Freude war riesig: Die Söhne Mark und Anthony feierten seine Rückkehr und sein Vater Ronald war glücklich, seinen totgeglaubten Sohn wieder umarmen zu können. Doch die Polizisten, die sich des Falls angenommen hatten, schöpften Verdacht. Die Geschichte war ziemlich fragwürdig: Die Amnesie des Mannes, die von der Ehefrau kassierte Lebensversicherung, das frisch gekaufte Haus in Panama.

Die Schulden führen ihn zur verzweifelten Aktion

Tatsächlich hatten die Ermittler recht: John Darwin und seine Frau Anne hatten die Versicherung um 370 000 Franken betrogen und in Panama ein neues Leben begonnen – frei von Schulden. Im Juli 2008 wurde das Schwindlerpaar schliesslich zu sechs Jahren Haft verurteilt. Jetzt, drei Jahre später, ist John Darwin ein freier Mann. Er hat die Hälfte seiner Strafe abgesessen und gibt sein ersten Interview in der britischen Tageszeitung «Daily Mirror».

Darwin versucht sich dabei zu erklären. Er sei wegen den vielen Schulden verzweifelt gewesen, sagt er, so sehr, dass er sogar an Selbstmord gedacht habe. Auf die Idee, diesen nur vorzutäuschen, sei er eines Tages gekommen, als er mit dem Kanu unterwegs war. «Meine Söhne waren inzwischen erwachsen, die hätten mich nach ein paar Monaten vergessen», habe er damals gedacht. Er hätte nie damit gerechnet, dass sie 150 000 Franken in einer Suchaktion ausgeben würden, um den Vater zu finden.

John lebt wochenlang im Zelt

«Ich hatte eine Lebensversicherung und ein Haus – aber kein Geld auf dem Konto», versucht Darwin seinen Entscheid zu erklären. «Anne war ständig im Stress und ich merkte, dass ich tot wertvoller war als lebendig.» Als seine Frau mal sagte, sie würde sich umbringen, war es für ihn klar. Die Eheleute sprachen sich ab, doch weil bekannt war, dass Anne nicht schwimmen konnte, wäre die Lebensversicherung nicht für ihren Tod aufgekommen. So musste John «sterben».

Die Darwins wählten einen passenden Tag: Am Vorabend jenes 21. März hatte es gestürmt und das Meer war aufgewühlt. Es waren die perfekten Bedingungen für den vorgetäuschten Unfall. John Darwin fuhr mit seinem Kanu hinaus und kehrte kurz darauf wieder zurück. Am Strand wartete Anne, die ihn zum Bahnhof fuhr. Er fuhr ins nahegelegene Cumbria und wohnte wochenlang in einem Zelt. «Ich gab mich als Ornithologe aus.» Dabei wählte er eine Gegend, in der sein Akzent «nicht so auffallen» würde. Er änderte sein Aussehen und brach jeglichen Kontakt zu seiner Frau ab.

Das Gewissen lässt Anne nicht in Ruhe

Inzwischen spielten sich zuhause dramatische Szenen ab: Die Söhne trauerten um den Vater und die Polizei besuchte regelmässig das Haus, um Anne Darwin bezüglich der Versicherung Fragen zu stellen. Erst als sich die Lage beruhigte, holte Anne ihren Mann in der Wildnis ab. Darwin trug einen Bart und war stark abgemagert, sodass sogar Anne Mühe hatte, ihn wiederzuerkennen. Sie fuhr mit ihm zurück nach Hause und versteckte ihn – für die nächsten fünf Jahre.

«Ich musste zuschauen, wie meine Söhne meine Frau trösteten, wie sie eine Trauerfeier am Strand vorbereiteten», sagt Darwin im Interview. «Aber ich war zum Zuschauer meines eigenen Lebens geworden. John Darwin war tot, aber ich führte mein Leben weiter. Ich ging einkaufen, am Strand laufen, ich strich sogar unsere Hausfassade. Keiner erkannte mich. Ich konnte sogar vor Polizisten vorbeilaufen. Ich war zu einer unbedeutenden Person geworden.»

Nach der Haft gehen die Darwins getrennte Wege

Anne und «John Jones», wie er sich nun nannte, genossen das Leben: Sie reisten in die Türkei, nach Zypern, Griechenland, Venezuela, Costa Rica – und schliesslich nach Panama, wo die Geschichte eine neue Wende nahm. Anne Darwin kaufte mit dem Geld der Versicherung ein Haus. Das Paar genoss die Freiheit, gemeinsam in Restaurants zu essen oder händchenhaltend auf der Strasse zu spazieren. Und trotzdem geriet Anne Darwin jedes Mal mehr unter Druck – vor allem ihr Gewissen liess ihr keine Ruhe.

John Darwin stellte sich schliesslich am 3. Dezember 2007 den Behörden. Mit seiner vorgetäuschten Amnesie kam er nicht weit. Nach einem kurzen Prozess wurde das Paar zu je sechs Jahren Haft verurteilt. Seit einem Monat sind beide wieder auf freiem Fuss. Sie haben sich inzwischen getrennt und seit der Haftentlassung nicht gesehen. John weiss, dass Anne in einem kleinen Hostel in Leeds lebt und freiwillige Sozialarbeit leistet. Sie behauptet, ihre Söhne Mark und Anthony hätten ihr vergeben.

(kle)