Fall Jaycee Dugard

01. März 2011 17:18; Akt: 01.03.2011 17:20 Print

Kidnapperin legt Geständnis ab

Nancy Garrido gibt zu, ein Mädchen 18 Jahre lang gefangen gehalten zu haben. Sie hofft mit dem Geständnis auf eine Bewährungsstrafe. Die Staatsanwalschaft hat 242 Jahre beantragt.

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Ein Gericht in Kalifornien hat gegen Phillip Garrido wegen Vergewaltigung und Entführung die Höchststrafe von 431 Jahren Gefängnis verhängt. Seine Frau, die ihn bei der Tat unterstützt hatte, muss 36 Jahre hinter Gitter. Phillip Garrido bekennt sich schuldig, die kleine Jaycee Lee Dugard 1991 entführt zu haben. Die 55-jährige Nancy Garrido gesteht, am 10. Juni 1991 die damals elfjährige Jaycee entführt zu haben. Damit hoffte sie, eine Reduktion ihrer Haftstrafe zu erreichen. Doch in der darauffolgenden Anhörung wurden ihre Hoffnung auf ein wenig Zuvorkommenheit seitens der Staatsanwaltschaft zerschlagen: Staatsanwalt Vern Pierson lehnte eine Freilassung auf Bewährung ab. Und eine Reduktion der Strafe mache ebenfalls wenig Sinn, wenn 242 Jahre Haft beantragt seien. Dem mutmasslichen Kidnapper Phillip Garrido kann der Prozess gemacht werden. Der zuständige Richter im US-Bundesstaat Kalifornien entschied, dass Garrido zu dem Prozess psychisch in der Lage sei. Der Prozess wurde bisher ausgesetzt, weil das Gutachten über seinen mentalen Zustand abgewartet werden musste. Jaycee Lee Dugard war als Elfjährige von einer Bushaltestelle in South Lake Tahoe verschleppt worden. Das Mädchen wurde am 10. Juni 1991 in der Nähe ihres Elternhauses entführt. Zeugen hatten damals berichtet, ein Wagen mit zwei Personen habe angehalten und das Mädchen fast unter den Augen seines Stiefvaters Carl Probyn entführt. Das Kind wehrte sich damals laut schreiend und mit Fusstritten gegen die Kidnapper. Die Nachricht ihrer Befreiung im August 2009 war wie ein Lottogewinn für ihre Familie. «Dass wir sie lebend zurückbekommen und sie sich sogar an Dinge aus der Vergangenheit erinnert und dann noch Leute, die festgenommen wurden, das ist wie ein dreifacher Lottogewinn.» Die Polizei prüfte die Identität einer Frau und war bald überzeugt, dass es sich um die seit 18 Jahren Vermisste handle. Der Entführer, der 58-jährige Phillip Garrido, hatte sie mehrmals vergewaltigt und zwei Kinder mit ihr gezeugt. Auch seine 55-jährige Ehefrau Nancy wurde in Concord, nahe San Francisco, in Gewahrsam genommen. Gegen den Mann werde unter anderem wegen Entführung und Vergewaltigung ermittelt. Garrido ist ein wegen mehrfacher Sexualdelikte unter lebenslanger Bewährung stehender Mann. Der Fall war in den USA landesweit bekannt geworden, nachdem er in der amerikanischen Version der Sendung «Aktenzeichen XY ... ungelöst» vorgestellt worden war. Die Entführung hatte 1991 eine Grossfahndung ausgelöst, doch das Mädchen wurde nie mehr gesichtet. Die Ermittler nahmen den Fall zuletzt 2003 unter die Lupe. Der 58-Jährige fiel im August 2009 der Polizei in Berkeley auf, als er versuchte, mit zwei Kindern das Gelände der Universität zu betreten und dort religiöse Flugblätter zu verteilen. Die heute 29-jährige Dugard wurde von Garrido jahrelang in einem Hinterhof-Verschlag in Antioch rund 70 Kilometer östlich von San Francisco gefangen gehalten. Dugard wurde immer wieder vergewaltigt und lebte im Hinterhof dieses Hauses. Während ihrer Gefangenschaft bekam sie zwei Kinder von ihrem Entführer, das erste im Alter von 14 Jahren. Die junge Frau und die Kinder haben in Zelten, völlig isoliert von der Aussenwelt, gelebt. In all den Jahren in Gefangenschaft hat Dugard nie einen Arzt gesehen. Eine Nachbarin sagte später, sie habe Zelte gesehen, häufiger Kinder spielen gehört und sogar vermutet, die Kinder würden in den Zelten leben. Garrido betrieb auf seinem Anwesen eine Druckerei. Kunden sagten, ihnen sei nichts Verdächtiges aufgefallen. Garridos religiöser Fanatismus habe sich in den letzten Jahren aber gesteigert. Garrido und seine Frau Nancy wurden einen Tag nach der Verhaftung einem Ermittlungsrichter in Placerville vorgeführt. Sie äusserten sich in der Anhörung nicht selbst zu den Vorwürfen, sondern liessen die Erklärung durch ihre Pflichtverteidiger verlesen. Die Ehefrau schluchzte während der Anhörung, ihr Mann zeigte keine Regung. Die Ermittler stehen vor einer schwierigen Aufgabe: Sie müssen den Töchtern der entführten Dugard, der 15-jährigen Starlite und der 11-jährigen Angel die einfachsten Dinge erklären. Die Beamten erklärten, dass ein Psychologen-Team versuche, bei den Opfern die «Hirnwäsche rückgängig zu machen». Als erste Massnahme sei die Familie in einem Haus in der Nähe von San Francisco untergebracht worden. Mit ihnen wohnen nun Jaycees Mutter, Terry Probyn, und eine Tante, Tina Dugard (im Bild). «Stück für Stück» erzähle Jaycee, wie sie an jenem 10. Juni 1991 bei der Bushaltestelle gepackt und über 18 Jahre lang von ihrem Peiniger gefangen gehalten und vergewaltigt wurde. Sie erklärte ihren Betreuern, sie habe eine «pflichtbewusste Ehefrau» für Garrido sein wollen. Sie habe ausserdem seine Töchter grossgezogen, um sicher zu sein, dass er sie nicht umbringt. Dass die Erholung der Opfer nicht einfach sein wird, weiss auch Katie Hall (im Bild): In der Talkshow von Larry King erzählte sie, wie sie als 25-jährige von Dugards Peiniger Phillip Garrido 1976 entführt und vergewaltigt wurde.

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Die 55-jährige Nancy Garrido gestand am Montag, die damals elfjährige Jaycee Dugard am 10. Juni 1991 an einer Haltestelle im kalifornischen South Lake Tahoe gekidnappt und über 18 Jahren in einem Zelt in ihrem Garten gefangen gehalten zu haben. Sie selber habe nie sexuellen Kontakt zum Opfer gehabt, habe aber gewusst, dass ihr Mann Phillip das Mädchen zum Geschlechtsverkehr gezwungen hatte. Daraus entstanden zwei Töchter.

Nach dem Geständnis sei Garrido völlig aufgelöst gewesen, sagte ihr Anwalt Stephen Tapson gegenüber US-Medien. Mit dem Geständnis hoffte die Entführerin, eine Reduktion ihrer Haftstrafe zu erreichen. Ihr Anwalt meinte sogar, damit eine Freilassung auf Bewährung erreichen zu können.

Auch der Kidnapper muss vor Gericht

Doch in der darauffolgenden Anhörung wurden ihre Hoffnungen auf ein wenig Zuvorkommenheit seitens der Staatsanwaltschaft zerschlagen: Staatsanwalt Vern Pierson lehnte eine Freilassung auf Bewährung ab. Und eine Reduktion der Strafe mache ebenfalls wenig Sinn, wenn 242 Jahre Haft beantragt sind.

Der Rückschlag für Nancy Garrido kam knapp drei Wochen nach der Schlappe, die ihr Mann eingefangen hatte: Der zuständige Richter entschied, dem mutmasslichen Kidnapper den Prozess zu machen. Er halte Garrido für einen Prozess «psychisch in der Lage». Die Verhandlungen gegen Garrido wurden zunächst ausgesetzt, weil das Gutachten über seinen mentalen Zustand abgewartet werden musste.

(kle)