13. April 2005 18:36; Akt: 13.04.2005 18:36 Print

Killerviren verschickt

Proben eines in den 50er Jahren aktiven Virusstammes wurden versehentlich an Tausende Forschungslabore in aller Welt geschickt. Nach 1968 geborene Menschen haben keine Abwehrkräfte gegen diesen Virus.

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Ein US-Institut hat versehentlich Proben eines hochgefährlichen Grippevirus an fast 5.000 Labors in aller Welt geschickt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rief am Mittwoch die Forschungseinrichtungen in 18 Ländern zur sofortigen Vernichtung der Proben auf. Laboratorien in der Schweiz sind nicht betroffen.

Unter den Empfängern sind nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) auch sechs deutsche Labors. Die Einrichtungen in Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben die Virenstämme bereits vernichtet. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Mitarbeiter infiziert haben könnten, sei gering, sagte RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher. Die Virenproben seien durch Hocherhitzen, so genanntes Autoklavieren, zerstört worden. Nähere Einzelheiten zu den betroffenen Labors wollte das RKI nicht machen.

Beim Virus handelt es sich um einen Erreger des Typs H2N2, der für eine Grippe-Pandemie 1957 und 1958 verantwortlich gemacht wird. Damals starben Schätzungen zufolge zwischen einer und vier Millionen Menschen an der asiatischen Grippe. Der hochansteckende Virus trat aber nach Ende der 60er Jahre nicht mehr auf. Deshalb sind nach 1968 geborene Menschen laut WHO nicht oder nur sehr eingeschränkt immun. Auch die gegenwärtigen Impfstoffe schützten nicht vor einer Infektion mit dem H2N2-Virus.

Nach jüngsten WHO-Angaben wurden die Proben von einer Firma im US-Staat Ohio an fast 5.000 Forschungseinrichtungen verschickt, die meisten davon in den USA. Darüber hinaus gingen aber auch Sendungen nach Frankreich, Italien, Belgien, Kanada, Mexiko, Brasilien und Chile sowie in zahlreiche Staaten in Asien.

Der WHO-Grippeexperte Klaus Stöhr schloss nicht aus, dass der Virus bereits irgendwo freigesetzt worden sei. Dies sei aber sehr unwahrscheinlich. Zum jetzigen Zeitpunkt sei kein Infektionsfall bekannt. Bei Beachtung entsprechender Vorsichtsmassnahmen sei das Risiko, dass sich Laborangestellte anstecken, auch sehr gering.

Ausser in Deutschland wurden die Proben aber nach Angaben Stöhrs erst in vier anderen Ländern zerstört - Kanada, Südkorea, Hong Kong und Singapur. Taiwan sei gerade dabei. Er sei zuversichtlich, dass die Labors ausserhalb der USA bis Freitag mit der Vernichtung der Proben fertig seien. Die WHO besitzt eine Liste aller betroffenen Labors und hat die jeweiligen Gesundheitsministerien informiert.

Versender verstiess nicht gegen US-Recht

Ein Labor in Kanada, das im Februar Virus-Proben vom Kolleg Amerikanischer Pathologen (CAP) erhalten hatte, informierte die kanadische Gesundheitsbehörde, die wiederum die WHO in Kenntnis setzte. Nachforschungen ergaben, dass allein das CAP Proben an 3.747 Forschungseinrichtungen verteilt hatte.

Stöhr nannte die Entscheidung, den Virenstamm so breit zu streuen, «unklug» und «bedauerlich». Allerdings hatte die verantwortliche Firma, Meridian Bioscience in Newton, Ohio, dabei offenbar gegen kein US-Gesetz verstossen. «Derzeit ist es erlaubt, H2N2 zu verschicken», sagte Stöhr. Allerdings bereite die US-Regierung derzeit eine Verschärfung der Sicherheitsvorschriften vor. Hintergrund ist demnach die Tatsache, dass immer mehr Menschen nicht mehr immun dagegen sind.

(ap)